Direkt zum Hauptbereich

Deep Purple - In Rock

In den letzten Wochen entdeckte ich eine Band wieder, der ich zwischendurch eher schon abgeneigt war, was zwischenzeitlich bei mir auf größtes Unverständnis stößt. Die Rede ist von Deep Purple, eine der großen britischen Bands der 60er und 70er-Jahre, die das Metal-Genre wesentlich beeinflusst hat und auch durch ihre unentwegten Neubesetzungen bekannt wurde. Während sie in der MK-I-Besetzung vor allem psychedelisch zugegen waren, war die MK-II-Phase die große, beste Phase der Band. Das hier besprochene Album ist das erste dieser Phase: Deep Purple in Rock.

Das im Spätherbst 1970 erschienene Album sollte die Band, zum damaligen Zeitpunkt bestehend aus dem legendären Frontsinger Ian Gillan, Ritchie Blackmore als Gitarristen, Jon Lord an der Orgel, dem Bassisten Roger Glover sowie dem Drummer Ian Paice, entgültig in die Annalen der Musikgeschichte eingehen lassen, denn es bedeutete einen Stilbruch für Deep Purple, die nach dem 1969 erschienenen Concerto for Group and Orchestra einen Imageverlust fürchteten und nun zum Hard Rock wechselten, womit sie auch gleichzeitig - gemeinsam mit Black Sabbath und Led Zeppelin den Startschuss für Heavy Metal lieferten.


Die Tracks im Einzelnen:

Der Opener Speed King ist eine Legende für sich: Auf ein unkoordiniertes Gitarrenintro folgt ein ruhiges Orgelspiel, bevor es nach knapp eineinhalb Minuten so richtig losgeht: Das aggressiv treibende Riff setzt ein, Ian Gillan beginnt seinen (aus alten Klassikern hervorragend zusammengesetzten) Text brachial-schreiend wiederzugeben und liefert somit einen kleinen Vorgeschmack auf das, was nur wenige Minuten später folgen wird. Auch Blackmore liefert hier bereits ein sehr schönes Solo ab, auf das nochmals ein Schrei Gillans sowie der letzte Verse folgen.

Daraufhin beginnt Bloodsucker, ein Song mit etwas mehr Groove, bei dem die Regler auch etwas heruntergedreht wurden. Hierbei ist vor allem das "Duell" zwischen Lord und Blackmore auffällig, auf das der abermals geschriene letzte Verse folgt.

Child in Time ist unbestritten DER Klassiker des Albums und einer von Deep Purples bekanntesten Songs. Er beginnt mit einem Organ-Solo, auf das düster und unheilvoll der erste Verse einsetzt. Der Text scheint sich gegen den Vietnamkrieg zu richten (see the blind man... shooting at the world), Gillans hohes Stimmvolumen erlaubt es ihm, den Song atmosphärisch über die ganzen zehn Minuten hinweg zu tragen und den Hörer mitzureißen. Auch auf instrumentaler Seite ist der Song einfach wie genial gehalten: Nach dem Intro folgt ein Riff, daraufhin das über zwei Minuten lange Gitarrensolo, sicherlich eines der besten des Genres. Am Ende kommt nochmal die Orgel, nun wesentlich chaotischer und aufdringlicher, abermals begleitet von Gillans hypnotischen Schreien, die nun ebenfalls emotionaler und bedrohlicher wirken.Schließlich mündet das alles in einem Ende, welches ebenso leise wie der Beginn eingespielt ist.


Seitenwechsel: Flight of the Rat, ebenfalls ein Stück in Überlänge, zeichnet sich nun durch sein markantes, treibendes Riff und seine Drum-Soli aus, hier von einem eher zurückhaltenden Gesang begleitet. Wahrhaftig ein vielmehr instrumental getragener DP-Song, der nichts desto trotz überaus zu gefallen weiß.

Nun kommen wir zu Into the Fire, ein Stück, welches eher im Bluesrock angesiedelt ist und teilweise sehr angenehm an Led Zeppelin I erinnert. Im Refrain hebt sich Gillans Stimme massiv an, bevor sie in den Verses wieder etwas relaxter wird, zwischendurch gibt es auch das obligatorische Solo, welches sich am  Ende leider fast komplett wiederholt und ins Endriff abdriftet.

Living Wreck ist für mich die große Überraschung auf dem Album, denn hier erklingen sehr klare Drums und zurückhaltende Gitarren (für das Album wahrlich ungewöhnlich!), und auch der Gesang verhält sich hier sehr gleichmäßig. Der Text handelt von abgewrackten Groupies und deren Hangovers. Im Refrain ertönt ein schrilles, undefinierbares Geräusch, das dem Song eine eigene Note verleiht, am Ende folgt ein Schlagzeugsolo.

Der letzte Track ist für mich die Enttäuschung des sonst wirklich grandiosen Albums. Hard Lovin' Man bietet total distanzierten, uninspirierten Gesang über den von Affären dauergestressten Mann, begleitet von ohrenbetäubenden Orgelparts in Überlänge.

Insgesamt hat mir In Rock sehr gut gefallen, bis auf den letzten Track gibt es keine Ausreißer und die UK-Version bietet zum Glück auch das Intro von Speed King, ohne das die LP einfach nicht das Wahre wäre. Nicht umsonst war das Album der große Durchbruch von Deep Purple, in Deutschland spielte man sich gar auf Platz 1 der Charts.
In den USA bereits zuvor mit der Single Hush überaus erfolgreich, erreichten sie nun Ende 1970 auch den endgültigen Superstarstatus. Im Übrigen ist auch das Nachfolgealbum Fireball trotz viel schlechterer Rezeption aufgrund seiner Folk- und Countryausrichtung für Fans absolut empfehlenswert!


Scan des Plattencovers (Copyright EMI)

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Genesis - The Lamb Lies Down On Broadway

Wer schon einmal in einem wahren Rausch der Inspiration gewesen ist, kennt das: man schreibt und schreibt, wohl wissend, dass jedes Wort, jeder Satz, den man niederschreibt, allerhöchste Qualität besitzt und die ganze Welt es wissen muss. So erging es auch Genesis-Frontmann Peter Gabriel, der 1974 im Alleingang ein Doppelalbum über Sinnsuche, erste Male und eine Menge Sinnestäuschungen schrieb. Nicht alle waren damit so einverstanden...
Die zeitgenössische Rezeption des Ulysses von James Joyce war eine weitgehend entsetzte: man sprach und schrieb von dem Jahrhundertwerk als ungenießbares Konzentrat, als die 1500-seitige Fantasie eines Jungen, der sich dabei seine Pickel auskratzt, als einzige, große, verwirrende Schweinerei. Wer das im Hinterkopf behält und sich auf The Lamb Lies Down On Broadway, den Ulysses of Concept Albums (The New Yorker) einzulassen gedenkt, muss also wagemutig sein und starke Nerven besitzen. Als großer Joyce-Fan und Genesis-Liebhaber konnte ich der Versuchung …

Die Klasse von 1984 (1982)

A Clockwork Orange meets Death Wish meets What the actual fuck!?Die Klasse von 1984 ist wirklich ein ganz besonderes Schätzchen unter den abenteuerlichen Dystopien der späten 70er und frühen 80er - warum man an Schulen nur noch mit Schusswaffen unterrichten kann, wie viel Koks eigentlich so auf Highschool-Klos vertickt wird und was das alles mit einem extrem schlechten Haarschnitt von Michael J. Fox zu tun hat, erfahrt ihr hier und heute: viel Vergnügen.


Idealistische Lehrer, die für ihr Fach Feuer und Flamme sind und bei deren Erscheinen die gesamte Klasse auf den Tisch steigt, die Hand aufs Herz legt und oh captain, my captain... intoniert? Richtig: nett anzuhören und wunderbar anzusehen, nur leider enorm realitätsfremd. Idealistische Lehre, die für ihr Fach Feuer und Flamme sind und bei deren Erscheinen Papierkugeln und Stühle durch die Gegend fliegen, während ein glatzköpfiger Kampfkoloss von einem Schüler bereits sein Messer wetzt? Hmm... vielleicht schon eher. Glaubt man zumindes…

Die allertraurigste Romantik und das schönste Leiden: Peter Gabriel - Us

Allgemein sagt man ja, Musiker in Krisen seien die besten Musiker. Geldprobleme wie bei Springsteen, die Folgen eines Überfalls auf Paul McCartney und das Wissen um Johnny Cashs baldigen Krebstod haben bei selbigen zu ganz und gar außergewöhnlichen, meisterhaften Ergebnissen geführt. Und auch Peter Gabriel stand 1992 vor den Trümmern seiner Beziehung mit der Schauspielerin Rosanna Arquette sowie vor einem zerrütteten Verhältnis zu seiner Tochter Anna-Marie. Das alles versuchte er auf seinem sechsten Studioalbum Us musikalisch zu verarbeiten.

Und wie sehr er sich ins Zeug gelegt haben muss, um seinem Privatleben das passende Soundgewand zu vermachen, wird sogleich am Opener Come Talk To Me deutlich. Afrikanische Schlaginstrumente, Dudelsack, ein armenisches Duduk sowie russicher Choralgesang veredeln das Drama um Entfremdung, um die Unfähigkeit, ab einem gewissen Punkt in Beziehungen miteinander zu reden und nicht zuletzt um unüberbrückbare Distanzen, die sich zwischen Menschen auftun …