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Filmkritik: Leichen pflastern seinen Weg

(Wie immer gilt Spoilerwarnung!)
Mit Western assoziiert man gerne Strahlemänner wie John Wayne, makellose Helden also, denen keine Gefahr was anhaben kann und die das Böse immer in einem finalen Showdown besiegen. Doch spätestens mit dem 1966 erschienenen Italowestern "Django" von Sergio Corbucci änderte sich dieses Bild: Der Film war dreckig, glänzte mit extremer Gewalt und einem äußerst fragwürdigen Helden, der stets einen Sarg hinter sich herzog. Zwei Jahre später perfektionierte Corbucci seinen Stil und drehte "Leichen pflastern seinen Weg", meinen ewigen Lieblingswestern, mit Klaus Kinski und Jean-Louis Trintignant in den Hauptrollen...

Der Film wurde schon zu seinem Erscheinen aufgrund des Gewaltgrades und dem tragischen Ende sehr kontrovers aufgefasst, aber auch von der Kritik gefeiert. Gefeiert wurde er vor allem wegen seinen grandiosen Hauptdarstellern (Jean-Louis Trantignant und Klaus Kinski hatten hier die Rollen ihres Lebens) und dem epischen Soundtrack vom Meister des Filmscores, Ennio Morricone. Doch mehr dazu später, erst mal die Handlung: Snow Hill, ein kleiner Ort in Utah, 1898: Aufgrund des starken Schneefalls beginnen die ärmsten Bürger des Dorfes damit, sich in Gruppen zu organisieren und Nahrung von wohlhabenderen Bürgern zu stehlen. Deswegen sind sie vor dem Gesetz als Gesetzlose zu betrachten und werden dazu getrieben, sich in den Bergen zu verstecken. Dies kommt den Kopfgeldjägern im Ort gerade recht, da auf diese Outlaws saftige Kopfgelder ausgesetzt sind. Der gefürchteste von ihnen ist 'Loco' (Klaus Kinski), der die Outlaws nicht einfach nur festnimmt, sondern gleich an Ort und Stelle erschießt ('Nein Sheriff, diese Räuber sind gefährlich, wenn man sie am Leben lässt, schwindeln sie sich durch den Prozess und werden am Ende noch freigesprochen!').
Als er den Mann einer gewissen Pauline erschießt, heuert sie den bei den Bürgern geschätzten 'Auftragskiller' 'Silence' (Der Stumme) an, um Loco zu erschießen. 

Silence provoziert seine Opfer so lange, bis sie die Waffe ziehen und er sie 'in Notwehr' erschießen kann.Silence verliebt sich in Pauline und es stellt sich heraus, dass Silence seit seiner Kindheit nicht mehr sprechen kann (ihm wurden als Kind von Kopfgeldjägern, die auf der Jagd nach seinem Vater waren und ihn töteten, die Sprachbänder durchtrennt) und seitdem auf der jagd nach Leuten ist, die unter dem Deckmantel des Gesetzes morden. Der neue Sheriff, der auf Befehl der Gouverneurs den Leuten in den Bergen Amnestie gewähren soll, will Silence helfen, er wird jedoch von Loco im See versenkt. Am Schluss treffen sich Loco und Silence zum Duell. Loco gewinnt, da seine Männer die Hände von Silence vorher verstümmelt hatten. Abschließend erschießt Loco die Geiseln im Saloon und reitet mit seinen Männern weg.

'Leichen pflastern seinen Weg' ist auf viele Weisen einzigartig: Zuerst einmal das Setting: Der Film spielt, für Western unüblich, im Winter. Das verschneite Gebirge und die Schneestürme haben ein ganz eigenes Flair, das zwar zunächst ungewohnt, aber nach einiger Zeit wirklich brilliant ist und einen nicht mehr loslässt. Wie der geneigte Westernfan weiß, sind die Italowestern ja generell schmutziger und brutaler, aber 'Leichen pflastern seinen Weg' war neben 'Töte, Django' so ziemlich der härteste Western, den ich gesehen habe: Die Verstümmelung von Silenzios Hand wird genüsslich von der Kamera aufgefangen, ebenso wie Blutspritzer und blutverschmierte Leichen im Schnee, der Film ist wirklich nichts für schwache Nerven. dafür sorgt auch das Ende, das für einen Western ungewohnt tragisch und deprimierend ist, und das Bild des amerikanischen, heroischen Western dekonstruiert, in dem immer das Gute gewinnt. Denn hier gibt es keine Hoffnung, die schmerzliche Wahrheit wird einem als Zuseher bewusst und man muss erkennen, dass viele der US-Western wohl weit weniger an den realen Fakten dran sind als angenommen. Doch dieses harte Ende ist für den Film absolut notwendig, denn nur dieses Ende passt zu Corbucci's insgesamt wirklich trostlosen Setting. Dies wird auch noch von der Musik Ennio Morricones unterstrichen, die fast wie eine Klage, wie ein Lied der Verzweiflung, das die Bilder des schneebedeckten Gebirges unterstreicht. Hinzu kommen Motive der mittelalterlichen Hexenverfolgung, die schon in Corbucci's vorangegangenen Werk 'Django' vorgekommen waren, zum Beispiel die wilde, gesetzliche Jagd auf großteils unschuldige Menschen. Gesellschaftskritik lässt sich auch im Film finden: das Gesetz, veranlasst durch dessen Auslegung als Henker und Richter der armen Menschen, die in der Not zu hilflosen Dieben werden, um zu überleben, versagt nun als moralische Instanz, denn durch die Menschenjagd auf Unschuldige werden nun praktisch alle moralischen Grundsätze, die das Gesetz eigentlich vertreten sollte, dekonstruiert und mit Füßen getreten. Diese eher leise im Film eingebaute Kritik lässt den Film auf mehreren Ebenen sehenswert werden und regt auch heute noch zu Diskussionen an.Die großartige Darstellung der beiden Hauptdarsteller Jean-Louis Trantignant und Klaus Kinski macht diesen Film fast perfekt: Besonders Kinski kommt als irrer Kopfgeldjäger Loco so beängstigend real rüber, dass man annehmen könnte, er sei selbst einmal Kopfgeldjäger gewesen. Doch auch Trantignant spielt den stummen Rächer Silence wirklich grandios und auch die erstklassig besetzten Nebenrollen (Frank Wolff als Sheriff!) lassen den Film einfach im grellen Licht des Westerngenres erstrahlen. Der Score von Ennio Morricone und die atembearubend schönen Kameraaufnahmen veranlassen mich einfach dazu, 'Leichen pflastern seinen Weg' als meinen Lieblingswestern (gleichauf mit 'Siel mir das Lied vom Tod') zu nennen und ihn wirklich jedem Filmfan zu empfehlen, ganz gleich ob er etwas für Western übrig hat oder nicht, dieser Film ist ein grandios unkonventioneller, einzigartiger und eigentlich schon perfekter Western, der mich bis heute nicht mehr losgelassen hat und den ich immer wieder gerne sehe, vor allem im Winter, denn da kommt das Setting einfach perfekt zur Geltung.

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