Direkt zum Hauptbereich

Wanda - Bussi

An der Wiener Band Wanda führt spätestens seit letztem Winter kein Weg mehr vorbei. 2012 gegründet, gelang ihnen mit dem im Oktober letzten Jahres veröffentlichten Debütalbum "Amore" ein beachtlicher Erfolg, der sogar in die deutschen Charts durchdrang und zusammen mit dem im Februar 2015 veröffentlichten Album "Schick Schock" der ebenfalls österreichischen Band Bilderbuch eine lange nicht dagewesene Begeisterung für die Musik des schönen Alpenlandes hervorrief. Vor knapp zwei Wochen erschien das lang ersehnte zweite Album von Wanda, das auf den Namen "Bussi" hört. Wie schlägt es sich im Vergleich zum Vorgänger?

Ich gebe zu, "Amore" habe ich mir nur ausgeliehen, um keinen eventuellen Fehlkauf zu tätigen. Passenderweise fiel mein Ausleih des Debüts mit dem Release von "Bussi" zusammen, was zur Folge hatte, dass ich keine Woche nach Release mit der brandneuen Platte in der Hand aus dem örtlichen Plattenladen marschierte. Zuhause wurde das neue Sammlungsstück gleich mal aufgelegt...

Der Opener des Albums heißt schlicht und einfach "1,2,3,4" und wird mit einem Vorspiel eröffnet, bei dem man sich ein bisschen an den Debütopener "Bologna" erinnert fühlt. Das Stück ist ein guter Einstieg in die LP, alles klingt Wanda-typisch etwas unsauber und alles andere als glattgebügelt (bis auf den Refrain vielleicht, aber einfache Refrains sehe ich nicht als dramatisches Manko), während Leadsänger Michael Marco Fitzthum alias Marco Wanda auf seine unverkennbare Weise einen leicht bitteren Text über die Liebe eines "traurigen europäischen Geistes" besingt (Ich will mit dir in einem schwarzen Kreis aus Opium stehen und die Stadt träumt sich in unsere Herzen ein) - ein der Band nicht ganz so wohlgesonnener Kollege bezeichnete Marcos Gesang auch als "fürchterlichen Katzenjammer". Während dies sehr unfair klingt, stimmt eines doch zumindest: Der Sound des Albums ist stellenweise sehr depressiv und verloren, wie bereits im nächsten Lied "Meine beiden Schwestern" - übrigens mein absolutes Lieblingsstück der Band - deutlich gemacht wird: Marco raunt einen düsteren Text ins Mikro (Leider sind wir beide unserm Wesen nach Gespenster, traurige Gespenster... weiße Kirchenfenster...) und das Gitarrenzwischenspiel trägt nur noch zur finsteren Grundstimmung bei.

Weiter geht es nun mit Tracks wie der Leadsingle "Bussi Baby", die zwar auch klasse ist, der ich aber zur Albumpromotion "Meine beiden Schwestern" eindeutig vorgezogen hätte, dem kritischen "Lieber dann als wann", bis zum sehr melodischen "Gib mir alles" und dem zweiten Highlight der A-Seite "Nimm sie wenn du's brauchst", ein bitter-zynisches Lied über einen Mann, der einem Bekannten seine Freundin "überlässt".

Die B-Seite ist etwas schwächer an der Brust, beginnt sie doch mit dem einzigen wirklich schwachen Song der Platte, "Alarm!", dessen Sirenen-Refrain leider nicht durch den gewohnt treffsicheren Text ausgeglichen werden kann. "Mona Lisa der Lobau" erzählt von einem Hoffnungslosen, der zumindest einen Moment der Freude finden kann (Vielleicht bin ich ein wenig fröhlicher Mann, aber etwas Freude war da schon zu sehen... es muss halt jeder einmal untergehen). Es folgt eine weitere Kritik an Menschen, die vorgeben, zu sein, was sie nicht sind, und zwar "Das wär schön", in seinem Text eine Art zynische Antithese zu "Lieber dann als wann", wobei diese beiden sich letzten Endes hervorragend ergänzen. In "Sterne" beweist Marco Wanda einmal mehr sein Gesangstalent, denn er legt hier einen herrlich betrunken hingelallt tönenden Vokalteil vor (Es brennt ein Licht in der Kaserne, ein betrunkener Soldat bewacht etwas, von dem er nichts hat).
Darauf folgt in "Andi und die spanischen Frauen" noch etwas kritische Selbstreflexion, bevor Marco in "Kein Herz im Hirn" verkündet, dass ihm nun "olles wuascht" ist.

Was soll man bei einer Platte mit solchen, teils schwierigen, Songs sagen? Der Band gelang mit "Bussi" das, was bereits letztes Jahr bei "Amore" angepeilt wurde: Hier klingt die Besetzung nun endgültig in sich gekehrt und wo es auf dem Debüt noch lockerere Einwürfe wie "Schickt mir die Post" gab, klingt das nun vorliegende Album wesentlich düsterer, obwohl es praktisch zur selben Zeit wie "Amore" entstand. Und doch klingen die Songs auf diesem Album nach einem großen "Wir", in dem man sich gemeinsam auf Sex, Drogen und natürlich auch die zum Schlagwort gewordene "Amore" besinnt, eine Art Ruheoase in einem schnelllebigen modernen Wien. Und wenn man einmal in diesen Mikrokosmos getreten ist, möchte man ihn so schnell nicht mehr verlassen, weswegen sich "Bussi" innerhalb weniger Tage zu einem meiner neuen Lieblingsalben und auf jeden Fall zu meinem Album des Jahres entwickelt hat. Und sollte der Businessplan des Bandmanagers, wie die Beatles auf ihrem Höhepunkt zwei Platten pro Jahr zu veröffentlichen, aufgehen, so werden wir schon bald wieder Neues von der Truppe rund um Marco Wanda hören - hoffen wir das Beste!

"Bussi" lässt sich in der Vinyl-Version hier (Fan-Edition mit Jutesack und Schnapsglas) und als CD hier bestellen!

©Vertigo/Capitol/Universal

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Various - Belgian Nuggets 90s-00s: Volume 1

 Es ist schön, wenn etwas erhalten bleibt - egal, ob das Kochrezepte oder Häkelhauben sind. Das Gefühl, Werke vergangener Tage,  großer wie kleiner Bedeutung, für die Nachwelt konserviert und verfügbar gemacht zu haben, muss toll sein. Und gerade bei Musik gibt es sehr viele Bands - die eindeutige Mehrheit aller jemals existierenden Bands und Solokünstler - die auf kleine, engagierte Fanbasen angewiesen sind, um ihr Werk am Leben zu erhalten. Ein Beispiel für einen solch leidenschaftlichen Musikfreund ist der Belgier Tony Vandenbogaerde. Er betreibt in dem kleinen, grenznahen Städtchen Kortrijk das Label Mayway Records, welches sich auf kleine Releases belgischer Independent-Künstler spezialisiert. Zusätzlich zu denen denkt der Liebhaber, der gemeinsam mit seiner Frau die Plattenfirma führt, jedoch größer: er möchte - so in eigenen Worten - neue Maßstäbe in Belgien und darüber hinaus setzen. Wie so oft war ihm dabei der Zufall behilflich: vor einigen Jahren kaufte Tony eine riesige CD…

Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (1981)

Dann sind wir Helden... für einen Tag...

Ich stelle einfach mal die Behauptung auf, dass der gesamte deutschsprachige Raum zwischen 30 und 50 dieses Lied automatisch mit der Geschichte der Christiane F., die mit 12 an die Drogen und mit 14 auf den Strich kam, verbindet. Das alleine zeigt also schon, dass diese Geschichte eingeschlagen hat wie kaum eine andere. Vor allem die Verfilmung des Buches Wir Kinder vom Bahnhof Zoo dürfte mit 3 Millionen Besuchern in der BRD, 10-seitigen Reportagen im Spiegel und einem gleichzeitig erschienenen Soundtrack von David Bowie ihre Spuren in der Öffentlichkeit hinterlassen haben.
Der besondere Brandpunkt war damals vor allem die Frage, ob der Film letzten Endes nicht doch eher seine Zielgruppe - Teenager - zum Drogenkonsum verführt, anstatt sie abzuschrecken und zu verstören. Ein grundsätzlich berechtigter Einwand - doch soll ein Film überhaupt erziehen und somit eine zentrale Aufgabe von Eltern übernehmen? Und ist der Film diese Diskussion überhaupt…

Pink Floyd - The Dark Side of the Moon

Zeitgeist is a bitch: auf dem Zenit ihres Erfolges waren Pink Floyd bereits von sich selbst überholt worden.

Zu Anfang ist die Entwicklung dieser Band eine in den Sechzigerjahren vorbildhafte, weil geradezu unerhört seltene gewesen: unter der Führung des LSD-Dauerkonsumenten Syd Barrett widmete man sich dem damals so beliebten Psychedelic Rock, zu dem sich wohl Millionen Hippies auf beiden Seiten des Atlantik diverse Stoffe genehmigt haben. Nach dem Ausscheiden des zunehmend verrückt gewordenen Lockenkopfes, der vorzugsweise über Gnome und das All schrieb, begann langsam ein anderer Wind bei Pink Floyd zu wehen, und spätestens mit dem 1971 erschienenen Meddle war die Band endgültig auf die Progressive-Rock-Schiene geraten, die zu diesem Zeitpunkt bereits fleißig von King Crimson oder Genesis bedient wurde. Und hört man sich eine Komposition wie das 23-minütige Echoes an, so wird ersichtlich, dass Pink Floyd für diese Musikrichtung verdammt viel Potential hatten und womöglich zu den una…