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Megadeth - Rust In Peace

Copyright Megadeth/Capitol Records

Wie aus meinen bisherigen Posts ersichtlich, bin ich eigentlich kein Wahnsinnsfan von Metal. Von Ausnahmen wie Metallica, Cannibal Corpse oder Pantera mal abgesehen, habe ich auch nie wirklich Musik aus diesem Genre gehört. Doch ein Metal-Album im Speziellen bildet hier die große Ausnahme, da es in meiner ewigen Bestenliste wohl auf ewig sehr weit oben rangieren wird. Ich schreibe hierbei von Megadeths Rust In Peace, das im Herbst 1990 erschien und auch mich mit seinen vielfältigen musikalischen Einflüssen in pure Begeisterung zu versetzen vermag. Zudem wurde es in diesem Jahr 25 Jahre alt, was ja wohl Grund genug ist, nun endlich über das Album zu schreiben.

Eine bandinterne Besonderheit ist Rust In Peace schon deswegen, weil es (angeblich) das erste Megadeth-Album war, bei dem von Anfang bis Ende ein und derselbe Produzent agierte, ist doch die Sturheit von Bandleader Dave Mustaine bekannt, die ihm schon 1983 (zusammen mit seinen Drogenproblemen) den Job bei Metallica kostete. Durch diese Kündigung heißgelaufen, gründete er gemeinsam mit drei anderen Musikern Megadeth.

 Auf Rust In Peace ist neben Mustaine, der Gesang und Leadgitarre übernahm, von den Gründungsmitgliedern nur noch Bassist David Ellefson zu hören, weiters noch Marty Friedman als zweiter Gitarrist und Nick Menza als Drummer, die beide hier ihr Debüt in der Band gaben. Das Album startet gleich mit dem Über-Track Holy Wars... The Punishment Due, der alles, was das Album so unglaublich stark macht, in sich vereint: Das Intro überzeugt durch einen grandiosen Drumeinsatz, der das Riff wunderbar umspielt und den Hörer selten gekonnt einstimmt. Bald setzt der Text ein, der sich mit der Sinnlosigkeit religiöser Kriege auseinandersetzt und Visionen von Staaten, die durch religiöse Fantiker zerrüttet werden, zeichnet (Ask the sheep for their beliefs: Do you kill on God's command?/A country that's divided surely will not stand). Nach zweieinhalb Minuten kommt der erste Teil zu einem plötzlichen Ende, und unter Flamencogitarren (!) setzt der zweite Teil ein, The Punishment Due, dessen Text von einem Mann handelt, dem im Glaubenskrieg alles genommen wurde und der nun auf Rache sinnt (They killed my wife and my baby with hopes to destroy me/First mistake... last mistake!). Hier kommen nun die Progressive-Einflüsse des Albums exemplarisch zum Vorschein, denn der zweite Teil wird von nicht enden wollenden Soli und Parallelspielen der beiden Gitarren getragen, die in einer furiosen letzten Strophe explodieren, um dann ganz plötzlich mit der Zeile 'next thing you know, they take my thoughts away' wieder zu enden.

Blick auf den Timer: Gerade mal sechseinhalb Minuten und schon habe ich einen solchen Wahnsinn überstanden. Doch es wäre kein Metal-Album, wenn es nun sanfter zuginge: Die nächsten Tracks setzten den schieren Wahnsinn und den kompositorischen Genius des Openers fort. Hangar 18 beispielsweise beginnt sofort wieder so heftig, wie Holy Wars Sekunden vorher endete. Textlich geht es hier um staatliche Verschwörungen am Beispiel geheimer Militärbunker, die Beweise für außerirdische Intelligenz versteckt halten (Impossible to break these walls for you see the steel is much too strong/Computer banks to rule the world... and instruments to sight the stars), erneut getragen von fast schwindelerregenden Soli, die aus völlig anderen Sphären zu kommen scheinen. Weiter geht's mit Texten über Kriegsgefangenschaft (Take no Prisoners), auch mit Verweisen auf den Zweiten Weltkrieg, sowie mit Five Magics einem allegorischen Text über diktatorische Mächte, die die Unterdrückung ehrlicher Bürger durch korrupte, verlogene Herrscher zulassen und sogar befürworten (Posessed with hellish torment I master magics five[...]He who lives in sin will surely live the lie).

Auf der zweiten Seite der Platte befasst sich die Band mit den Folgen solcher Herrschaften, die die Entfremdung des Menschen, dessen propagandabedingte Unterwerfung vor dem System und den mentalen Zusammenbruch zur Folge haben (Poison was the Cure, Lucretia, Tornado of Souls). Weitere Folgen dieser Systeme sind massivste Umweltverschmutzung (With the green house in effect our environment was wrecked) und letztendlich der durch Macht- und Geldgier ausgelöste globale Atomkonflikt, der die Systeme und die Menschheit auslöscht (High priest of holocaust, fire from the sea/Nuclear winter's spreading disease). All diese Songs sind voll von aggressiver Ladung, zur Thematik wie die Faust aufs Auge passend gewählt. Die Geschichte, die das Album erzählt, lässt einen die Daseinsberechtigung der sich gerne als Krone der Schöpfung betrachtenden Menschheit bezweifeln und wirft die Frage nach einer Rechtfertigung für all den verantwortungslosen Scheiß auf, den die Menschheit seit ihrer Eroberung der Welt mit ihren natürlichen Ressourcen und - verdammt überheblich - als nieder angesehenen Lebewesen angestellt hat. Die Band, insbesondere Dave Mustaine, der sämtliche Texte der Platte schrieb, hat es mit Rust In Peace geschafft, ein Album vorzulegen, dessen Botschaften einen noch lange nach dem Hören beschäftigen und dessen schiere musikalische Perfektion jedes Mal aufs neue für ungläubige Gehörgänge sorgt. Das Plattencover, auf dem neben anderen auch der ehemalige sowjetische Generalsekretär Michail Gorbatschow und der damalige US-Präsident George Bush abgebildet sind, ist eine graphische Darstellung von Hangar 18, die insgesamt fünf der damals amtierenden Großmachtherrscher samt "Bandmaskottchen" Vic Rattlehead, welches sich über einen konservierten Alienkörper beugt, darstellt. Die Veröffentlichung von Holy Wars als Leadsingle des Albums mutet natürlich auch höchst provokant an, da zum damaligen Zeitpunkt der religiöse IRA-Terror in Irland weltweit für Schlagzeilen sorgte (Mustaine wurde auch auf einer Irland-Reise zu dem Song inspiriert).

Es bleibt gesamt zu sagen, dass Rust In Peace ein virtuoses Meisterwerk ist, das aufgrund seiner höchst politischen Texte und seiner musikalischen Perfektion auch über 25 Jahre nach Release zu begeistern vermag, selbst einen Nicht-Metalfan wie mich. Nicht umsonst ist Megadeth eine der Größen des Genres, worauf zumindest von meinem schnellen Herausfinden der Existenz dieser Platte zu schließen ist. Dave Mustaine ist einfach ein verdammter Songwriting-Gott, von dem selbst Deep Purple noch lernen könnten.Und würde man mich fragen, ob ich Metallica oder Megadeth bevorzuge (was ja angeblich ein Streitpunkt unter vielen sein soll), ich würde sofort Megadeth sagen. Denn obwohl Metallicas Album Kill 'Em All ebenfalls ein Kracher ist, verstanden und verstehen Megadeth es einfach, komplexe Songstrukturen mit mannigfaltigsten Einflüssen zu schreiben und dabei dennoch nicht auf die wichtige Brisanz ihrer Texte zu vergessen. Und das besser als die allermeisten anderen Bands auf dieser Welt.

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