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Dire Straits - Brothers in Arms

Copyright Dire Straits/Vertigo

Die Verkaufszahlen sagen in aller Regel wenig über die dargebotene Qualität einer Platte aus - die besten Beispiele dafür liefern Michael Jacksons Thriller, das sich mysteriöserweise über 70 Millionen Mal verkaufte oder der ähnlich unsägliche Soundtrack zur Whitney-Houston- Schnulze The Bodyguard (50 Millionen). Ausnahmen bestätigen die Regel - in diesem Fall Brothers In Arms von den legendären Dire Straits rund um Mark Knopfler, eine Platte, die wohl ein ganzes Jahrzehnt definierte und bis heute viele Hörer in ihren Bann zieht. Mit 30 Millionen verkauften Exemplaren ist das Album auch das mit Abstand erfolgreichste der Band. Wieso das so ist und wieso dieses Album close to perfect ist, erfahrt ihr hier.

Das für sein Gitarrenspiel berühmte Gründungsmitglied Mark Knopfler ist eigentlich ausgebildeter Journalist - ein Beruf, der zwar sehr spannend sein kann, dem jungen Gitarristen jedoch keine Zukunftsperspektiven bot. So kam es, dass er in den 1970ern in zahlreichen Bands durch zahlreiche Clubs im Nordosten Englands zu tingeln, bis er 1977 mit Bruder David Knopfler sowie dem Bassisten John Illsey und dem Drummer Pick Withers die Band Dire Straits gründete, deren Debüt von 1978 mit Sultans of Swing gleich den ersten Megahit der Band enthielt. Die Zeiten wurden immer besser für die einst mittellose Band - als man sich im November 1984 zur Aufnahme von Brothers in Arms auf der Karibikinsel Montserrat traf, war man bereits in die höchsten Ränge der globalen Musikszene aufgestiegen. Dennoch war man noch nicht am Ende der Reise, denn das Beste sollte noch kommen...

Das Album beginnt mit einem staubtrockenen Bass im Intro des Tracks So Far Away, der kurze Zeit später vom Gitarrenspiel Mark Knopflers sowie einer dezenten Percussion begleitet wird. Das Lied handelt von einem Mann, der sich einsam fühlt und seine Angebetete vermisst, die aus unbekannten Gründen weit weg von ihm ist. Das Leid des Mannes wird durch Hintergrundstimmen, die im Refrain immerzu You're so faar... singen, noch unterstrichen. Weiter geht's mit den zwei wohl bekanntesten Hits der Band, dem achtminütigen Money for Nothing, einem der besten Songs der Platte, und dem sehr dem Pop verschuldeten Walk of Life. Money for Nothing beginnt mit dem auffällig hoch singenden Sting, der immerzu I want my... I want my MTV  singt, bis er schließlich von Gitarren übertönt wird, die in einem atemberaubenden Drum-Gehämmer gipfeln, aus dem schlagartig das weltbekannte Riff des Songs emporsteigt und Mark Knopfler beginnt, über das Musikerpack, das ohnehin fürs Schönsein und Nichtstun bezahlt wird und obendrein auch noch alle Frauen bekommt, zu lästern (That little faggot got his own jet airplane, that little faggot, he's a millionaire!). Der Song entstand laut Mark Knopfler in einem Kaufhaus, als er einen Mitarbeiter des dort ansässigen Elektronikladens über die Musiker auf MTV schimpfen hörte und sofort auf einem Zettel die Wortwahl des Mannes niederschrieb. Das Musikvideo ging als erstes auf MTV Europe gesendetes Video ebenso in die Geschichte ein, was den Legendenstatus des Stückes zusätzlich unterstreicht.
Walk of Life war hierzulande in Österreich wesentlich beliebter als Money for Nothing, wohl durch die sehr keyboardlastige Melodie und den wirklich eingängigen Refrain vom Mann, der auf der Straße seine Lieder spielt, begünstigt. Der Song macht beim Zuhören unglaublichen Spaß und sorgt einfach für gute Stimmung beim Publikum.

Sehr konträr folgt nun mit Your Latest Trick ein softeres Jazz-Stück, das vollständig vom Saxophon getragen wird (in der CD-Version auch noch mit einem Trompeten-Intro!). Die Bedeutung des Textes wird nur sehr ungefähr ausgedrückt, es dürfte auf jeden Fall mit einem Mann, der von einer Frau enttäuscht wurde, zu tun haben - auf welche Art, wieso oder wie die beiden miteinander zu tun hatten, ist reine Interpretationssache. Das Lied war unverständlicherweise nur in Frankreich ein Hit, wo es 1992 Platz 1 der Charts erreichen konnte. Dieses Stück bildet wohl Knopflers stimmliche Höchstleistung auf Brothers in Arms, denn der staubtrockene Gesang, in dem sich doch so viele subtile Emotionen sammeln, spricht hier wirklich für sich. Mit Why Worry erschließt sich nun ein erneut brillantes Zusammenspiel von sanften Gitarren und einem Vibraphon den Weg in das Gehör der Zuhörer. Es ist mit genau achteinhalb Minuten das längste Stück der Platte und zugleich ein Durchhaltesong erster Klasse (Why worry, there should be laughter after pain, there should be sunshine after rain/These things have always been the same, so why worry now?), der insbesondere mit seinem vierminütigen Instrumentalteil lange in Erinnerung bleibt.

So grandios die ersten fünf Stücke bereits waren, die nun folgenden vier Stücke bilden für mich den absoluten Höhepunkt des Albums: Es beginnt bei den lateinamerikanischen Klängen des Antikriegs-Epos Ride Across the River, das den Krieg aus zwei Perspektiven beschreibt: Auf der einen Seite die Partisanen, die ihren Krieg als nobel und wichtig ansehen (We are the chosen, we're the partisan/The cause it is noble and the cause it is just), auf der anderen ein staatliches Heer, das sich für den casus belli gar nicht interessiert (I'm a soldier of fortune, I'm a dog of war/And we don't give a damn who the killing is for). Letzten Endes sind jedoch beide Perspektiven nicht zu entschuldigen, das Überwinden des Flusses verdeutlicht eine Verschmelzung beider Ideologien, die in sinnloser Gewalt enden (And they sing as they march with their flag unfurled, today in the mountains tomorrow the world/Gonna ride across the river deep and wide, ride across the river to the other side). Mit seinen exotischen Klängen erinnert das Stück mitunter an das ähnlich schöne Congo von Genesis. The Man's Too Strong ist ein weiterer Song für die Ewigkeit, bei dem wieder die Gitarre das alles beherrschende Instrument ist und dessen Text von einem gefangen genommenen Kriegsherren handelt, der sich in seiner womöglich letzten Stunde seine Fehler eingesteht und um Vergebung fleht (Oh father please help me for I have done wrong). Das Finale des Liedes (möglicherweise der endgültige Fall des Protagonisten) wird dezent vom Bass begleitet und klingt auf eine mystisch angehauchte Art aus.

Es folgt nun One World, überraschend ein erdiger Rocksong, der von einer entzweiten Welt ohne Harmonie handelt (They can't find a way to be one world in harmony). Das Lied wird von manchen Hörern als Schwachpunkt des Albums, gar als "Totalausfall" bezeichnet, doch betrachtet man es im Kontext der übrigen Lieder auf der zweiten Seite, so erscheint das Lied logisch, ja schlichtweg notwendig als Antithese zu Ride Across the River und The Man's Too Strong, ein letztes Aufgreifen der Motive einer Welt von Krieg und Gewalt, womöglich ein letzter Versuch, das drohende Unheil abzuwenden, bevor im Grande Finale des Albums, dem Titeltrack Brothers in Arms, das Ende aller Hoffnung besiegelt scheint. Mit Donnergrollen beginnt dieses großartige Meisterwerk der Ausnahmeband, deren unglaubliches Gitarrenspiel hier wieder jeglicher Beschreibung entbehrt. Lang gehaltene Gitarrenakkorde umspielen den Gesang Mark Knopflers, der von der endgültigen Spaltung jeglicher Einheit singt, davon, wie alles, was Menschen einst verband, nun nichts mehr wert ist, eingebettet in daas Bild eines sterbenden Soldaten, der seine entzweite Einheit, seine ehemaligen Brothers in Arms besingt (There's so many different worlds, so many different suns/And we have just one world but we live in different ones). Dieser Abgesang auf die menschliche Gesellschaft wird von einem Gitarrensolo beendet, dessen wehleidiger Klang den Text perfekt wiedergibt.

Wie eingangs schon erwähnt, ist Brothers in Arms nahezu perfekt. Diese Bezeichnung konnte ich bisher nur drei Alben verpassen, einschließlich Selling England by the Pound von Genesis und Young Americans vom zu früh gestorbenen David Bowie. Diese Alben haben eine unglaubliche, abwechslungsreiche Instrumentierung sowie eine geniale Struktur, die sich erst nach und nah vollends erschließt, gemein. Und wie die anderen beiden kann man sich Brothers in Arms eigentlich schon in Dauerschleife anhören, so schön ist das Gebotene auch ohne genauere Analyse. Das Spiel und der Gesang von Mark Knopfler können das ganze Album tragen und entführen den Hörer in andere Sphären, so viel Ausdruck wohnt ihnen inne. All das wird durch die Produktion noch stärker hervorgehoben, denn der technikaffine Knopfler bestand auf die erste vollends digitale Produktion, was Brothers in Arms zum ersten speziell für das damals neue Medium CD aufgenommenen Album macht. Und während digital nicht immer gleich besser ist, so ist nach dem Anhören dieses Albums sehrwohl ersichtlich, weshalb nach Veröffentlichung ein regelrechter Digitalwahn ausbrach, denn die Klarheit des Sounds sowie die Klangtiefe und selten erreichte Dynamik der Musik verschaffen dem Hörer ein atemberaubendes Musikerlebnis. Auch die Remastered Edition von 1996 ist vollends zu empfehlen, da das Remaster hier dem Album wirklich den letzten Feinschliff verpasste (im Gegensatz zu dem, was heutzutage großteils als Remaster auf den Markt geworfen wird). Alles in allem ist Brothers in Arms ein absolutes Muss für jeden, der sich auch nur im Geringsten für Musik interessiert. Für Skeptiker dürfte spätestens der unerhört niedrige Preis von nicht einmal sieben Euro, für den die CD heutzutage verkauft wird, das Kaufargument darstellen.

Das Album kann hier bestellt werden.

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