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Bastille - Wild World

Cover-Scan (Copyright Bastille/Virgin Records)
Überraschungserfolge sind heutzutage in der Musik keine Seltenheit. Gut, das waren sie nie so wirklich, aber heutzutage ist es normal geworden, dass Bands quasi aus dem Nichts die Charts stürmen. Einer der größten Erfolge jüngerer Zeit war das Debütalbum Bad Blood der vierköpfigen Indie-Band Bastille aus dem Süden Londons. Der Nachfolger zu Bad Blood ist heute erschienen und trägt den programmatischen Titel Wild World.

Der Pre-Chorus ist eine fast völlig vergessene Kunstform innerhalb der Musik, quasi eine Sub-Kunst. Was in den letzten Jahren die meisten Songs eher unnötig in die Länge zog als dass es ihnen irgendwie mehr Substanz verlieh, wird unter der geistigen Führung des Bandgründers, Produzenten und Songwriters Dan Smith wieder zu dem Bestandteil eines Songs, den man fast am liebsten hört, so versammeln sich bei Bastille die verschiedenen Elemente der Instrumentierung im Pre-Chorus, bevor dann der "normale" Chorus ertönt. Das lässt sich gleich beim Opener Good Grief feststellen, dessen Bassline stark vom musikalischen Output der 1980er zehrt. Überhaupt ist der Einfluss des Jahrzehnts von Phil Collins, Neonfarben und 8-Bit-Gaming auf dem ganzen Album deutlich spürbar, mit einem besonderen Hang zu den treibenden, aber oft minimalistischen Strings von Duran Duran. Spätestens bei Lethargy fühlt man sich zwischen EDM-Einflüssen und eingestreuten Sprachfetzen an Hungry Like The Wolf erinnert. Das absolute Desinteresse an den Gefühlen anderer ist ein zentrales Thema auf Wild World, so handelt An Act Of Kindness beispielsweise von dem überwältigenden Gefühl, in heutigen Zeiten noch etwas Gegenliebe zu empfangen, zu spüren, dass jemand für einen da ist, während alle anderen sich einen Dreck um ihre Mitmenschen scheren. The Currents behandelt das extrem erhitzte Gesprächsklima moderner Zeiten, wohl auch mit den heurigen Diskussionen zum Brexit und der Flüchtlingsfrage, bei denen sich oft genug zwei Extreme die Giftzähne zeigen, im Hinterkopf. Natürlich werden auch allgemeinere Themen wie Eifersucht oder vergebliche Beziehungen behandelt, dennoch fühlt sich Wild World sehr aktuell an, nicht nur in Bezug auf die Texte der Songs: Auf dem Album finden verschiedenste musikalische Einflüsse den Weg zueinander, man befindet sich in einem Rausch zwischen EDM, Hip Hop, Pop, Rock, Ambient und sogar etwas Music Hall. Dies alles wirkt zu keinem Zeitpunkt aufgesetzt, die Bandmitglieder beherrschen alle Spielarten mit Bravour. Selbst eine gesangstechnische Hommage an die Beach Boys schaffte es in Form von Two Evils auf das Album. Man könnte lediglich den Eindruck gewinnen, Dan Smith hätte beim Schreiben der Songs den leichten Ausweg mit größtmöglicher Massenkompatibilität gewählt, denn kein Song ist wirklich einem Stil zuzuordnen, sie alle bilden eine Kombination der verschiedenen Einflüsse, stets mit Hang zum radiotauglichen Pop. Zudem wiederholen sich einige der Kompositionen im Verlaufe des Albums merklich, auch mit Rückblick auf den ersten großen Hit der Band, Things We Lost In The Fire von 2013.

Insgesamt wirken Bastille auf ihrem zweiten Album noch selbstsicherer, in ihrer Themenwahl nun auch etwas erwachsener und düsterer als noch auf Bad Blood. Was das Album von üblicher Chartmusik in meinen Augen abhebt, sind sie clever genutzten Filmsamples, Verweise auf kulturelle Werke (z.B. Othello) und eben ein gewisses Etwas, eine Magie, die dem musikalische Grenzen ignorierenden Stil von Bastille innewohnt. Wild World ist vor allem für all jene empfehlenswert, die den Sommer noch mit etwas Melancholie ausklingen lassen, dabei aber auch beim Mitsingen und -tanzen nicht zu kurz kommen möchten. Ein gutes Album, dem es in manchen Momenten jedoch an Substanz und Einfallsreichtum fehlt. Macht 4 von 5 Punkten und weckt die Neugier auf ein mögliches drittes Album der vier Jungs aus England.




Kommentare

  1. Super ;-) freu mich über deinen Beitrag! Und ein klein wenig, dass du im Heute angekommen bist :-)

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