Direkt zum Hauptbereich

David Bowie - Young Americans


Eine der wichtigsten Eigenschaften David Bowies war seine musikalische Unberechenbarkeit, die manche Fans insbesondere in den 70er-Jahren regelmäßig auf die Palme brachte. Besonders deutlich wurde dies im März 1975, als das neunte Studioalbum des legendären Briten erschien: Young Americans verzichtete vollkommen auf den härteren Glam-Sound, der Bowies Arbeit bis zu diesem Zeitpunkt prägte. Mit Young Americans begab sich Bowie auf das von schwarzen Musikern beherrschte Terrain des Soul, was viele Fans nicht goutieren konnten. Nun, mehr als vierzig Jahre später, versuche ich mit diesem Post zu beantworten, wieso ich Young Americans als das absolute, vollkommene Meisterwerk des David Bowie noch mehr verehre als Heroes oder Never Let Me Down.

Entgegen dem typischen Sound des Albums, beginnt die Platte mit ein paar Schlägen auf dem Drumset, bevor die restlichen Instrumente, darunter auch ein wunderschönes Saxophon, einsetzen. Der Text des Liedes handelt dann vom Dilemma zweier frisch verheirateter Young Americans, die sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit ihres Lebens stellen. Und diese Thematik durchzieht das ganze Album, somit ist der Albumtitel denn wohl auch als programmatisch zu bezeichnen. Dieser erste Track, der auch das "Titellied" des Albums ist, wurde vorab als Single veröffentlicht und konnte sich in den USA in die Top 30, in Neuseeland sogar in die Top Ten katapultieren und wird sogar heute noch auf dem ein oder anderen Regionalsender gespielt (meine erste bewusste Begegnung mit dieser Wahnsinnsscheibe!). So berichtet auch der nächste Song, Win, von einer Frau, die sich für alle anderen unantastbar macht und keine Emotionen zulässt (Now your smile is wearing thin... seems you're trying not to lose). Das Stück ist mit eines der schönsten dieser Platte, vor allem weil hier erstmals die Eigenschaft des Albums bemerkbar wird, die ich am meisten liebe: David Bowie singt hier einfach unglaublich emotional. Es ist für mich einfach unglaublich, was für tiefe Emotionen der Mann hier bloß mit seiner Stimme schon zu vermitteln im Stande ist, und gemeinsam mit der himmlischen Instrumentierung fühlt man sich von dieser Musik im tiefsten Inneren berührt.

Doch auch etwas andere Emotionen kommen hier ins Spiel: Wer pure sexuelle Kraft in Musik gegossen erleben möchte, der höre sich bitte einmal Fascination an. Bowies lüsterner Gesang über seine... nun ja, Gelüste eben ist etwas, das man wirklich einmal erlebt haben muss. Und dann diese Instrumente! Insbesondere was der Bass und das Saxophon hier aus dem Song machen, grenzt an ein modernes Weltwunder, denn die geniale Komposition macht die eben erwähnte sexuelle Kraft noch greifbarer für den Hörer, der sich (am besten mit Kopfhörern) von den Instrumenten umspielen und von Bowies Stimme vollkommen vereinnahmen lässt. Einer der besten Einsätze des Stereo-Formats, den ich jemals gehört habe und für das Soul-Genre ohnehin überirdisch. Right treibt das Spiel weiter, lässt den Hörer allerdings wieder etwas zur Ruhe kommen, bevor sich das Lied zum Ende hin etwas übersteigert. Aber wenn das das Einzige ist, das man an einem Album kritisieren kann, so spricht das doch eindeutig für das Album. Es folgt ein Song, den ich - wie eigentlich das komplette Album - mit Worten nicht beschreiben kann, so unglaublich schön ist er: Somebody Up There Likes Me handelt von einem Ziggy-Stardust-Typus (um auch wieder auf die alten Zeiten anzuspielen), der eher wie ein göttliches Wesen wirkt und wie der Messias Hoffnung in die Herzen der Menschen trägt. Die Erzählung findet aus der Dritten Person statt, die zwischendurch auch von Zweifeln an diesem Wesen, an seiner Liebe im Allgemeinen heimgesucht wird. Der Text ist hier auch eigentlich gar nicht mein Hauptanliegen, sondern wieder einmal die göttliche Instrumentierung: Schon das einminütige Saxophon-Intro fordert den Hörer auf, sich zu setzen und einfach nur zuzuhören.Und dieses Saxophon zieht sich durch das ganze Stück, noch markanter als in den restlichen Songs, und überlagert gegen Ende hin Bowies Stimme wieder, während das Lied langsam ausklingt - ein Meisterwerk der Abmischung von Tony Visconti. Dieses unbeschreibliche Stück kann ich auch gar nicht weiter beschreiben, ihr müsst es einfach nur hören. Dass das Album überwiegend live eingespielt wurde, macht es noch viel unglaublicher und insbesondere für diesen Song war diese Entscheidung ein Segen, hört man doch die brillante Dynamik zwischen den einzelnen Instrumenten viel klarer als bei einer Studioaufnahme, in der alles einzeln aufgenommen wird.

Was David Bowie nun mit dem Beatles-Song Across The Universe anstellt, ist einfach so verdammt phänomenal, anders kann ich es nicht beschreiben. Mit John Lennon an der Gitarre übertrifft diese Version bei weitem das Original von 1969. Allein schon, auf welche Art das Gitarrenspiel die Worte Nothing's gonna change my world umspielt, verdient die Bezeichnung episch. Und eine Ausstellung der Platte in einer Hall of Fame. Ein Mann erinnert sich an seine Liebe und weiß, dass er diese Liebe zum Atmen braucht: Darum geht es in Can You Hear Me?, dem vorletzten Song des Albums, der sehr düster ist und dem Grande Finale der Platte den Weg ebnet: Fame ist ganz einfach ein Wahnsinnsteil und der perfekte Abschluss eines Wahnsinnsalbums. Der Song handelt von den Schattenseiten des Erfolgs und greift musikalisch wieder die Elemente von Fascination auf, doch ohne die selbe Ekstase (aber wohl beabsichtigt). Das Lied machte Bowie dann auch endgültig in den USA zum Superstar, so schaffte es Fame auf Platz 1 der Billboard-Charts, ein Erfolg, den er nur wenige Monate später mit dem ebenso funkigen Golden Years wiederholen konnte, zusätzlich bestärkt durch seinen mittlerweile legendären Auftritt in der ebenso legendären Show Soul Train, wo er am 4. November 1975 im Kokainrausch erschien und Fame sowie Golden Years performte. Und bereits im Folgejahr ging Bowie mit Station to Station erneut andere Wege, ehe er 1977 seine berühmte "Berlin-Trilogie" begründete.

Young Americans ist schlicht und ergreifend mein absolutes Lieblingsalbum von David Bowie und obendrein eines der besten Alben aller Zeiten. Die pure Emotion, die ungebändigte Kraft und die wunderbare Stimme Bowies sorgen einfach für ein unbeschreibliches Hörerlebnis und die emotionale Bindung, die ich zu diesem Album habe, macht es für mich persönlich gleich noch viel ergreifender, der Musik zu lauschen. Wer sich selbst einen Gefallen tun möchte, sollte sich Young Americans schnellstmöglich zulegen und der Seele einfach eine Auszeit gönnen. So dermaßen bewegen konnte mich kein Album zu keinem anderen Zeitpunkt und so kann ich David Bowies Young Americans die volle Punktzahl geben. 5/5


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Various - Belgian Nuggets 90s-00s: Volume 1

 Es ist schön, wenn etwas erhalten bleibt - egal, ob das Kochrezepte oder Häkelhauben sind. Das Gefühl, Werke vergangener Tage,  großer wie kleiner Bedeutung, für die Nachwelt konserviert und verfügbar gemacht zu haben, muss toll sein. Und gerade bei Musik gibt es sehr viele Bands - die eindeutige Mehrheit aller jemals existierenden Bands und Solokünstler - die auf kleine, engagierte Fanbasen angewiesen sind, um ihr Werk am Leben zu erhalten. Ein Beispiel für einen solch leidenschaftlichen Musikfreund ist der Belgier Tony Vandenbogaerde. Er betreibt in dem kleinen, grenznahen Städtchen Kortrijk das Label Mayway Records, welches sich auf kleine Releases belgischer Independent-Künstler spezialisiert. Zusätzlich zu denen denkt der Liebhaber, der gemeinsam mit seiner Frau die Plattenfirma führt, jedoch größer: er möchte - so in eigenen Worten - neue Maßstäbe in Belgien und darüber hinaus setzen. Wie so oft war ihm dabei der Zufall behilflich: vor einigen Jahren kaufte Tony eine riesige CD…

Genesis - The Lamb Lies Down On Broadway

Wer schon einmal in einem wahren Rausch der Inspiration gewesen ist, kennt das: man schreibt und schreibt, wohl wissend, dass jedes Wort, jeder Satz, den man niederschreibt, allerhöchste Qualität besitzt und die ganze Welt es wissen muss. So erging es auch Genesis-Frontmann Peter Gabriel, der 1974 im Alleingang ein Doppelalbum über Sinnsuche, erste Male und eine Menge Sinnestäuschungen schrieb. Nicht alle waren damit so einverstanden...
Die zeitgenössische Rezeption des Ulysses von James Joyce war eine weitgehend entsetzte: man sprach und schrieb von dem Jahrhundertwerk als ungenießbares Konzentrat, als die 1500-seitige Fantasie eines Jungen, der sich dabei seine Pickel auskratzt, als einzige, große, verwirrende Schweinerei. Wer das im Hinterkopf behält und sich auf The Lamb Lies Down On Broadway, den Ulysses of Concept Albums (The New Yorker) einzulassen gedenkt, muss also wagemutig sein und starke Nerven besitzen. Als großer Joyce-Fan und Genesis-Liebhaber konnte ich der Versuchung …

Heaven's Gate - Das Tor zum Himmel (1980)

Die USA sind doch in Wirklichkeit eine gottverdammte Bananenrepublik.

Ungefähr einmal pro Jahrzehnt erscheint ein Film, der mehr als nur ein einfacher Flop ist. Aus kommerzieller Sicht ist er ein Desaster, eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes, den Hollywood als Anlass zu allen möglichen Regeländerungen nimmt, der von allen Filmschaffenden als Negativbeispiel hochgehalten wird, wie man es nicht machen sollte. Unlängst erst erschien mit John Carter so ein Film. Die 60er hatten Der Untergang des römischen Reiches. Die 70er hatten Mohammed - Der Gesandte Gottes. Und die 80er hatten Heaven's Gate, einen Film, der zum Verkauf seines Studios führte und bei der US-Kritik bis heute kaum ein gutes Haar hat. Und das nur, weil Amerikaner ein verdammt ignorantes Volk sind.

Schon die Einführung in Michael Ciminos (The Deer Hunter, Im Jahr des Drachen) opus magnum erinnert einen an groß angelegte Epen wie Der Pate, zumal offensichtlich dieselben Farbfilter wie bei Coppolas Film benutzt wurd…