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Gezockt #2: Red Dead Revolver

(Rockstar Games)
Der Wilde Westen. Endlose Prärie, Banden, Saloons und grimmige Sheriffs mit lockerem Revolver. Duelle auf offener Straße, Postkutschenüberfälle, Kopfgeldjäger - all das sieht man vor dem geistigen Auge, sobald die Rede auf jene wilde Periode amerikanischer Geschichte fällt. Viele Entwickler haben seit den 70er-Jahren bereits versucht, all dies glaubhaft in einem Videospiel umzusetzen, darunter auch die Köpfe von Rockstar Games, die sich für die berüchtigte Grand Theft Auto-Reihe verantwortlich zeichnen. Ende 2004 erschien - mit einiger Verspätung - ihr erstes Western-Abenteuer: Red Dead Revolver. Kann es den Westernfan in mir überzeugen oder lediglich ein müdes Lächeln hervorzaubern?

Es geht wie üblich um Rache. Rache am Tod der eigenen Eltern ist der Gedanke, der Red Harlow, den Kopfgeldjäger mit dem schnellen Colt, antreibt. Als Spieler begleitet man Red in alle möglichen Gegenden des Westens, um gesuchte Verbrecher gegen Kopfgeld zu erlegen und anschließend die Belohnung einzusacken, mit der sich bessere Waffen und diverse Goodies wie Whiskey kaufen lassen. Im Verlauf des Spiels gerät Red zufällig auf die Spur der Verbrecher, die seine Familie auf dem Gewissen haben und schwört sich, die Bande endgültig zu zerschlagen, um den Tod seiner Lieben von einst zu vergelten.

Soviel zur sehr archetypischen Handlung des Games. Diese dient vor allem als Aufhänger, um den Spieler durch alle möglichen Gegenden zu jagen (so bereist man eine Geisterstadt, Minen, Lager der Ureinwohner, Züge, et cetera) und ihn mit einer Handvoll Charakteren interagieren zu lassen. Denn Red ist nicht alleine: spielbare Unterstützung erhält er beispielsweise von der Farmerin Annie Stoakes, dem geheimnisvollen Gentleman Jack Swift oder seinem Cousin Shadow Wolf, seines Zeichens Ureinwohner, der Red als einen der Ihren betrachtet. All diese Figuren haben nun ein eigenes Gameplay, so hat Jack zwei Revolver, die doppelten Schaden verursachen, sowie besondere Medikamente, welche ihm einen besonderen Gesundheitsbonus verschaffen. Diese Figuren wechseln sich zuweilen im Leveltakt ab - es wird ein wirklich abwechslungsreiches und vorbildhaftes Gameplay geboten, welches trotz der hohen Bleilastigkeit stets zu begeistern weiß. Eine Besonderheit: man hat gelegentlich sogar die Möglichkeit, einen der Antagonisten, nämlich den Bandenanführer General Diego, in einer Rückblende auf den amerikanischen Bürgerkrieg zu spielen. Dies sorgt von Gameplay-Seite für ein höchst authentisches Erlebnis, wie es in Western-Games absolut notwendig ist.

(Rockstar Games)
Stichwort Authentizität: Red Dead Revolver weist eine für sein Alter überzeugende Grafik auf, die Schatten stimmen mit dem jeweiligen Sonnenstand überein und die Fassaden der Gebäude können ebenso überzeugen. Lediglich die Charaktere sind etwas verschwommen animiert und ab und an kommt es zu Kantenflimmern - insgesamt kann die Optik für ein 13 Jahre altes PlayStation2-Spiel jedoch absolut überzeugen. Ein wahrer Leckerbissen ist jedoch der Sound: die Musik besteht komplett aus originalen Western-Soundtracks, die vor allem Kenner des Genres begeistern werden. bereits das Titellied stammt aus dem Kinski-Western Lo chiamavano King, weiters erkennen Filmfans die Themen von Minnesota Clay, I giorni dell'ira, usw. wieder. Echter Fanservice! Die Waffen klingen kraftvoll und wirken wie direkt aus einem Italowestern (mein Favorit: der Standard-Revolver - ein herrliches Zischen begleitet den Weg der Kugel zum Körper des Gegners, ein echter Hochgenuss!), auch die Stimmen (besonders natürlich die des Protagonisten) wirken überzeugend.

(Rockstar Games)
Der Fanservice endet jedoch nicht bei der Musik: bereits am Cover erkennen Fans eine Anspielung auf den Eastwood-Streifen Der Texaner, im Spiel tummeln sich Endgegner mit Maschinengewehren in Särgen (wer hier jetzt nicht sofort an Django gedacht hat, für den ist das das falsche Spiel ;) ) und in der zentralen Ortschaft wird im Spielverlauf ein Wettschießen, das sehr an Schneller als der Tod erinnert, ausgetragen. Hier merkt man einfach, dass das Team von Rockstar sich mit der Materie beschäftigt hat und mit viel Liebe am Werk war. Was sich auch am sogenannten DeadEye-Feature bemerkbar macht: zieht man die Waffe und aktiviert DeadEye, schaltet das Spiel in eine Zeitlupe und lässt den Spieler in aller Ruhe einzelne Körperteile des Gegners anvisieren, bevor die Figur die Waffe zieht und die Kugeln blitzschnell in den Gegner donnern. Dies ist vor allem bei den Duellen von Vorteil: bei diesen wechselt die 3rd-Person-Kamera in eine Perspektive schräg neben dem Körper der Figur. bei der man auch den Gegner vollständig im Blick hat - auch diese wurde vom klassischen Western abgeschaut. Beim Glockenschlag wird geschossen - liegt das Gegenüber tot im Sand, steckt die Spielfigur den Colt lässig zurück in den Gürtel. Eine grandiose Inszenierung.

(Rockstar Games)
Einen Multiplayer-Modus hat das Spiel ebenfalls mit an Bord, dieser beschränkt sich jedoch darauf, dass sich zwei Spieler auf verschiedenen - ziemlich kleinen - Karten gegenseitig über den Haufen schießen. Hier wäre eine Rockstar-untypische Koop-Kampagne zu begrüßen gewesen. Doch auch dieser Modus weiß zumindest kurzfristig und mit willigen Mitspielern zu unterhalten.

Red Dead Revolver ist ein wirklich gelungenes Spiel - es ist top inszeniert, weiß zu unterhalten und ist auch in puncto Schwierigkeitsgrad absolut schaffbar (auch wenn einige Bosskämpfe durchaus anspruchsvoll sind - hier darf man aber nicht frustriert den Controller in die Ecke schmeißen!). Nachteile des Spiels sind die fehlende Möglichkeit, die Kampagne zu zweit zu spielen sowie gelegentliche Grafikfehler wie Kantenflimmern, diese sind jedoch bei einem Game aus dem Jahr 2004 absolut verschmerzbar, zudem sie auch eher selten auffallen. Leider sah die Kritik dies etwas anders, denn das Spiel dürfte wohl eines der am schlechtesten bewerteten Rockstar-Spiele sein (auf Metacritic durchwachsene 73%) und ging auch bei den Kunden im Wirbel um die Rockstar-Titel Manhunt - in Deutschland seinerzeit bundesweit beschlagnahmt, eingezogen und vernichtet - sowie das von den Massen über alle Maße gefeierte Grand Theft Auto: San Andreas leise unter - erst im Fahrwasser des berühmten (und trotz allem auch besseren) Nachfolgers Red Dead Redemption wurde Revolver noch einmal neu für die PS2 aufgelegt und 2016 auch auf der PlayStation 4 als Download wiederveröffentlicht. In Prozent würde ich Red Dead Revolver mit 85 von 100 bewerten, denn es ist mit Abstand das beste Western-Game aus der PS2-Ära und alle Fans des Genres können ruhigen Gewissens einen Blick auf den etwas betagten Titel riskieren - es lohnt sich.

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