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Ash My Love - Heart E.P.

Ash My Love/The Vinyl Heart Club Records
Ich habe gesündigt. Klingt jetzt furchtbar kirchlich, aber in diesem Fall bezieht es sich schlicht und einfach darauf, dass ich aufgrund einer absolut ausverkauften Auflage das Debut von Ash My Love, denen ich bereits einen Blogpost gewidmet habe,... gestreamt habe. Auf SoundCloud. In Scham neige ich mein Haupt zur Erde, ehe mir einfällt, dass ich der 2013 erschienen Heart E.P. ja noch meinen heutigen Beitrag widmen wollte. 

Das Cover bringt mich bereits zum Schmunzeln: eine Brünette kotzt am Straßenrand Herzen aus. Ganz viele Herzen, deren knallrote Farbe die einzige Abwechslung vom schwarz-weiß-grauen Artwork darstellt, welches den Grundstein für die Atmosphäre der nächsten Minuten legt. Denn die Laune, bei der man all seine Liebe am liebsten auf dem schnellsten Wege loswerden möchte, beherrscht die vier Tracks der EP, die sich mit verbitterten Ex-Partnern und Gewaltfantasien befasst. Der Opener Hell Is Not Evil beschreibt in bester, dreckiger Bluesmanier, die Fans der Band bereits von ihrem Longplayer Honeymoon Blues bekannt ist, einen Mann, der sich von seiner "besseren Hälfte", sagen wir... entfremdet hat: Hell is warm and bright... these are the words of my letter which I wrote for you last night klingt nicht unbedingt nach Harmonie und trauter Zweisamkeit. Gitarrist Andreas Dauböck trägt diese Zeilen eigentlich ziemlich apathisch vor, als wäre für ihn die Sache wirklich gelaufen. Wenn dann Bassistin Ursula Winterauer dazukommt und beide mal im Duett, mal abwechselnd den Text in ähnlicher Weise darbieten, Gitarre und Bass mit Gewalt herbeistampfen, entsteht sie wieder, diese einmalige, staubtrockene Beer-on-the-floor-Atmosphäre, die ich an der Musik dieser Band so liebe. My Love Is Gone ist von einer ähnlichen Grundstimmung, jedoch noch weniger bestimmt in seiner Aussage (It's not easy to say: my love is gone), etwas Gefühl ist den Lyrics doch noch zu entnehmen. Mit Shotgun Team geht es nun endgültig vor dem inneren Auge des Hörers in diese archetypischen, staubigen Bars am Rande einer Wüste, wo es jederzeit zu einer Schlägerei kommen kann, angeheizt durch die Band, die singt: Shotgun team, we shot 'em half down und dazu dem trockenen Basslauf eine antreibende Gitarre spendiert, die wirklich mit Gewalt aus den Lautsprechern zu dringen versucht.

Home Is treibt mit seiner Suizid-Lyrik den depressiven Charakter der EP auf die Spitze, setzt uns jemanden vor, der womöglich durch eine der zuvor beschriebenen unerfüllten Lieben seine Erlösung im Tod sucht und den Charakter der Binsenweisheit Home is where your heart is als obsolet entlarvt, wird das Zuhause hier lediglich als Ort des (kollektiven) Selbstmordes beschrieben: Home is where we hung ourselves. Musikalisch ist das Stück wieder schwerer, langsamer, depressiver und setzt somit einen passenden Schlussstrich unter das Programm.

Die Heart E.P. ist es absolut wert, gehört zu werden, besonders dann, wenn man mit der Musik von Ash My Love bereits vertraut ist. Denn hier sind die Melodien gar noch etwas rauher als auf der LP, das Gefühl, in einer Welt, die total fucked-up ist, gelandet zu sein, stellt sich hier ebenso schnell ein wie auf Honeymoon Blues, wenngleich der Mix auf Heart noch etwas "brutaler" und kraftvoller zu sein scheint als auf dem Longplayer (den ich aber, ehrlich gesagt, schon einige Zeit nicht mehr auf dem Teller hatte, also kann mein Eindruck auch falsch sein) und das perfekte Ash My Love-Hörerlebnis abrundet. Volle Punktzahl!

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