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Die Zeit nach Mitternacht (1985)


Ich will einfach nur nach Hause. Das haben wir uns wohl alle schon das eine oder andere Mal gedacht. Für den Programmierer Paul Hackett (Griffin Dunne) werden diese sechs Worte zum lebensentscheidenden Mantra in einem wilden, bitterbösen und souveränen Porträt der Stadt, die niemals schläft: Martin Scorseses Die Zeit nach Mitternacht.

Dabei beginnt der Film noch ganz trivial: in einem Cafe lernt Paul die aufreizende Marcy (großartig: Rosanna Arquette) kennen, die ihn auf den Henry-Miller-Roman, den er gerade in der Hand hält, anspricht. Die beiden kommen schnell ins Gespräch über den Autor und beginnen, sich über ihr Leben zu erzählen. Dabei lässt Marcy eher beiläufig fallen, dass sie in einem Loft mit der Künstlerin Kiki, welche Briefbeschwerer fertigt, lebt. Unter dem Vorwand, einen solchen erwerben zu wollen, kommt Paul an Nummer und Adresse der Bildhauerin. Später am selben Abend bestellt er sich ein Taxi zum Loft in SoHo. Als er während der Fahrt einen 20-Dollar-Schein aus der Brieftasche holt, wird dieser von einem Luftzug durch das offene Taxifenster erfasst und fliegt in hohem Bogen aus Pauls Hand auf die dreckige Straße. Doch das ist erst der Anfang einer langen Nacht voller surrealer und beklemmender Ereignisse...

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Diese beziehen ihren Reiz stets aus dem Irrationalen, dem vollkommen Unerwarteten. Bereits das Gespräch zwischen Paul und Marcy im Loft, welches vielversprechend anfängt und dann schlagartig mit dem Bericht über Marcys Vergewaltigung durch ihren Freund inklusive des Fazits Eigentlich hab' ich das Meiste davon verschlafen in eine für Paul und den Zuseher ziemlich abstruse und auch verstörende Richtung geht, stellt eine höchst ungewöhnliche und etwas beunruhigende Situation dar. Nicht umsonst gibt der Programmierer dem empfundenen Verlangen, das Loft so schnell wie möglich zu verlassen, nach und sucht die nächste U-Bahn auf. Doch diese fährt ab Mitternacht mit einem teureren Nachttarif, für den unser Protagonist nicht genug Geld dabei hat. Dieses würde ihm der Barkeeper Tom leihen, würde er nur seine Wechselgeldkasse aufbekommen. So tauschen Tom und Paul die Schlüssel, Paul begibt sich zur Wohnung des Barkeepers, findet die Schlüssel der Kasse, wird beim Hinausgehen von zwei Bewohnern aufgehalten, die ihn für den Einbrecher halten, der die Gegend zur Zeit unsicher macht, entkommt ihnen und stattet dem Loft von Kiki nochmals einen Besuch ab, um sich bei Marcy zu entschuldigen, findet Kiki tot auf, erfährt, dass diese Toms Freundin war und endet nach einer weiteren höchst chaotischen Stunde auf der Flucht vor einem wütenden Mob und einem Eiswagen...

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All dies wirkt jetzt retrospektiv in höchstem Maße klischiert, übertrieben sogar. Doch dieser Film - und das macht ihn zu einem besonderen Juwel in Scorseses ohnehin unerreichter Filmographie - spielt diese Missgeschicke und Konflikte so dermaßen selbstverständlich aus, dass eine ungeheure Dynamik entsteht - wenn Paul etwa plötzlich sein Antlitz auf einer Art Wanted-Plakat entdeckt, so ist das sowohl für ihn als auch für uns als Zuschauer zwar ungeheuerlich und unerwartet, doch gleichzeitig ist es innerhalb des Films die vollkommen logische, schlüssige Konsequenz des zuvor Geschehenen - denn um diese Zeit herrschen hier andere Regeln. Die Nacht wird zu einer vollkommen unberechenbaren Parallelwelt mit eigenen Gesetzen, in der oft erst das wahre Wesen der Unglückseligen, die ihr innewohnen, zum Vorschein kommt. Sind ihre Handlungen tagsüber Teil eines größeren Ganzen, eines funktionierenden Triebwerks, so kehrt die Zeit nach Mitternacht das Unbewusste, das Irrationale der Menschen zum Vorschein, lässt jeden noch so abstrakten Sachverhalt vollkommen logisch erscheinen - nur der Protagonist stört als "Tagmensch" dieses System und droht, von ihm verschlungen zu werden. Seine scheinbar normalen Handlungen und sein stetes Versuchen, wieder in die ihm vertraute Umgebung - seine Wohnung und sein Büro - zu gelangen, sind in der Nacht vollkommen unangebracht und bringen ihm jede Menge Missverständnisse und Ärger ein.

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Die Zeit nach Mitternacht bricht mit jedweder Vorhersehbarkeit und lässt den Zuschauer an der schieren Irrationalität der Nacht nahezu verzweifeln, besingt jedoch gleichzeitig das gewisse Geheimnisvolle, die Versuchungen der Zeit zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens. Das Publikum wird mitgenommen auf eine Reise durch heruntergekommene Häuser, durch verdreckte Straßen, aus deren Gullys der Dampf aus dem Untergrund aufsteigt - ein hier häufig gefilmtes Bild für das Durchdringen des Niederen, des Unterbewussten als Teil des Menschen, der sich erst in der Nacht, die ihn vorübergehend von aller Autorität freisagt (so ist auch im ganzen Film keine einzige Polizeistreife zu sehen), voll entfalten und sich ausleben kann. Durch die in diesen wenigen Stunden scheinbar völlig normale Inklusion des Surrealen in das Alltägliche wirkt der ganze Film sehr kafkaesk, erinnert in einigen Szenen sogar konkret an Texte Franz Kafkas, etwa als Paul Zutritt zum Punkclub Berlin verlangt und ihm nach versuchter Bestechung gesagt wird Ich nehme dein Geld, aber nur, damit du glaubst, du hast alles versucht, erinnert das Gesagte stark an den Text Vor dem Gesetz. All das wäre jedoch nichts wert, wäre das Gezeigte in allzu konventionelle Bilder eingefangen. Doch Die Zeit nach Mitternacht war der Beginn der jahrelangen Zusammenarbeit zwischen Regisseur Scorsese und dem für seine dynamischen Bilder berühmten Kameramann Michael Ballhaus, der leider vor wenigen Wochen von uns gegangen ist. Wer sich noch an den legendären One Shot aus GoodFellas, der drei Minuten lang ohne Schnitt das Geschehen in der Küche, an der Bar und auf der Tanzfläche eines Nachtclubs zeigt, sich von den Parkplätzen durch die Küche nahtlos ins Innere des Gebäudes vorarbeitet, der kann sich vorstellen, was ihn in diesem Film erwartet. Zwar sind kaum wirkliche One Shots vorhanden, doch ist die Dynamik, mit der Paul von einem Missgeschick ins nächste stolpert, die selbe. Durch gekonnte Lichtspielereien (siehe oben) und den mühelosen Wechsel von Boden- zu Luftaufnahmen vermittelt Ballhaus' Bildführung einen orientierungslosen und damit beklemmenden Eindruck, der die Hilflosigkeit, mit der der Protagonist sich dem Geschehen ausgesetzt sieht, wunderbar nach außen trägt und den Zuschauer jede Wendung mit einem erneuten Gefühl der Verängstigung erleben lässt.

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Wer jetzt jedoch glaubt, der Film sei ein einziger Angstzustand, der irrt: Scorsese-untypisch bietet Die Zeit nach Mitternacht auch einiges an sehr schwarzem Humor - etwa, als Paul einem Mann von seiner Nacht erzählt und jener glaubt, Paul wolle ihn für Sex bezahlen. Oder als die Bedienung aus Toms Bar Paul einen von Kikis Briefbeschwerern schenken möchte und Paul daraufhin komplett ausrastet. Der Humor ergibt sich aus der bereits erwähnten Irrationalität des Gezeigten, die an diesen Stellen besonders deutlich hervorgehoben wird. Gleichzeitig funktioniert der Film auch als Portrait der Stadt New York und ihrer dunklen Seiten, als Charakterisierung der sonderbaren Menschen, die die Nacht bevölkern und die einem bei Tag wahrscheinlich niemals über den Weg laufen würden. So wie ein Geist wie Paul auch ihnen unter normalen Umständen niemals über den Weg laufen würde. Und so bringt der Zufall Paul auch wieder an den Ort, an den er hingehört: auf der Flucht vor dem Mob mit dem Eiswagen kommt Paul abermals in den Club Berlin, unter dem eine Bildhauerin lebt, die aus ihm eine Pappmachestatue macht. Prompt wird er von den beiden wirklichen Einbrechern geklaut und mit einem Lieferwagen abtransportiert, dessen Hintertür genau vor Pauls Büro aus den Angeln springt und ebenjenen vor den Türen seines Arbeitsplatzes wieder aus der Nacht entlässt. Für Pauls Charakter ist dieses zynische Ende bezeichnend: er ist ein Mensch, dem der sichere Ausweg, das endgültige Verlassen ihm unbekannten Terrains am liebsten ist, die Nacht, die sein ganzes Weltbild in Frage stellte (beispielsweise durch Symbole der Entmannung: die Dominanz von Frauen in dieser Nacht ist für einen amerikanischen Film der 80er-Jahre bemerkenswert), spuckt ihn aus und für Paul setzt sich sein Leben in Sicherheit unbeirrt fort. Ob der Zuschauer sich damit identifizieren kann oder nicht, lässt der Film vollkommen offen.

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Die Zeit nach Mitternacht ist ein besonderer Film: mühelos verbindet das grandiose Drehbuch aus der Feder von Joseph Minion Elemente der Screwball-Comedy, des Horrors sowie des Thrillers und schnürt mit ihnen ein unglaublich unterhaltsames, tiefenpsychologisches Filmerlebnis, das beim aufmerksamen Zuschauer lange nachwirkt. Für Regisseur Martin Scorsese war der Film gemeinsam mit dem zwei Jahre zuvor erschienenen The King of Comedy, in dem Robert DeNiro einen erfolglosen Stand-Up-Comedian verkörpert hatte, eine Erholung und der Versuch, nach dem beschwerlichen Vorankommen seines Lebensprojektes Die letzte Versuchung Christi, welches erst 1989 erscheinen sollte, etwas nach seinen Maßstäben vollkommen Unorthodoxes, Neues zu schaffen. Mit mäßigem Erfolg: zwar gewann Scorsese 1986 in Cannes die Palme d'Or als bester Regisseur, doch fiel der Film trotz guter Kritiken beim Publikum durch und ist schon lange nicht mehr als DVD erhältlich. Wer dem Kleinod dennoch eine Chance gibt, der erhält eine wahnsinnig unterhaltsame, surreale Mixtur aller möglichen Genres, erfährt einiges über sich selbst und lernt die Geheimnisse der Nacht noch mehr zu schätzen. All das eingebettet in eine umwerfende, an und für sich perfekte stilistische Umsetzung. Und das zeichnet doch einen guten Film aus, oder?

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