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Dire Straits - Love Over Gold

Vertigo
Liebe, das höchste Gut auf Erden, das Berge versetzen, Kriege auslösen und Leben retten oder zerstören kann. Jahrtausende schon dient sie als Inspiration zu allen möglichen Kunstwerken und somit natürlich auch zur Musik. 1982 veröffentlichen die Dire Straits, zu diesem Zeitpunkt bereits eine feste Größe in der Musikwelt und nach drei Alben bereits eine der erfolgreichsten Bands aller Zeiten, ihren vierten Langspieler, der mehr noch als die vorherigen Alben von der Liebe und menschlichem Schicksal handeln sollte: Love Over Gold.

Es sind die ruhigen Momente, die dieses Album auszeichnen. Bereits der Anfang, das Intro zum opus magnum Telegraph Road, mutet sphärisch an, legt dem Hörer ganz behutsame Gitarrenakzente ins Ohr, bevor sich langsam eine Melodie entwickelt, wirklich ganz langsam erst die einzelnen Instrumente den Raum erfüllen. Diese ersten zwei Minuten klingen nach nichts, doch eigentlich sind sie fast schon alles: der Minimalismus, mit dem die Melodie hereinbricht, ergänzt wunderbar das atmosphärisch geladene Plattencover, dieses Bild des einschlagenden Blitzes mitten in der Nacht, das pure Schönheit und Gefahr zugleich ausstrahlt. Als schließlich die legendäre Reibeisenstimme Mark Knopflers hinzukommt, die Melodie sich immer wieder bis kurz vor den Klimax hebt, um sofort wieder zu sinken, da bereits, nach nicht einmal fünf Minuten, ist wahrscheinlich schon der atmosphärische Höhepunkt dieser Platte erreicht: in der kollektiven Ruhe der Musiker liegt spürbar ein Sturm begraben, eine ungebündelte Energie, die nach diesen fünf Minuten allmählich entladen werden möchte. Doch zuvor senkt sich das Tempo erneut, zwischenzeitlich ist nichts als das Klavier zu hören, als nach fast neun Minuten plötzlich wieder die ganze Band einsetzt und die Nummer wieder an Fahrt aufnimmt, da weiß man: jetzt muss es einfach passieren, jetzt kommt gleich der ultimative Höhepunkt dieses legendären Songs und nach elf Minuten passiert es endlich - da sprengen die Gitarren ihre Fesseln und spielen sich und damit die gesamte Band hoch in den Olymp der Musik, in die Annalen modernen Musikschaffens. Im Hintergrund auch hörbar: ein anscheinendes Gewitter, das sich mit diesem Solo nun auch entlädt, ehe das gesamte Werk nach vierzehn Minuten in einem Fade-Out endet. Progressive Rock, wie er im Buche steht: von melodischen Versatzstücken zu einem solch grandiosen Abschluss zu kommen, das muss eine Band mal schaffen - von der einfachen Geschichte über den Aufbau und Verfall einer Straße sowie der Menschen entlang dieser Straße, die prädestiniert für eine solche musikalische Umsetzung ist, ganz zu schweigen. Wem hier keine Gänsehaut den Rücken hinunterläuft, der sollte beileibe keine Musik hören.

Mit Private Investigations legt man noch einen drauf, was die Ruhe betrifft, und umso plötzlicher dann das erneute Ausbrechen der Gitarre, das über gute Kopfhörer wirklich markerschütternd klingt. Abgesehen davon ist der Song jedoch wie bereits erwähnt sehr sanft und ruhig, mit genial eingestreuten Samples (zerbrechende Flaschen im Hintergrund des linken Kanals; leise Schritte, die aus dem rechten Kanal kommen), die ein spannungsgeladenes, angsterfülltes Ambiente kreieren. Ganz anders jetzt Industrial Disease, ein Synthesizer-dominierter Popsong, der mit seinem New-Wave-Sound auch dem frühen Elvis Costello gut zu Gesicht gestanden wäre. Das Stück befasst sich satirisch mit der Hypochondrie der Industrienationen und auch dem falschen Streben dieser Nationen an sich (Everyone seeks damages and everyone agrees). Mit seinem sehr markanten Synthie-Riff ist es nicht weiter verwunderlich, dass ein Rezensent diesen Song einmal als Fingerübung für das spätere Walk of Life bezeichnete - somit ist Industrial Disease, so unterhaltsam der Liedtext auch ist, ehrlich gesagt auf Love Over Gold vollkommen fehl am Platz, denn es will so gar nicht zur Atmosphäre der übrigen Lieder, die von ihrer meditativen Kraft und ihrem langsamen Tempoaufbau, der in grandi finali mündet, profitieren, passen. Hätte meines Erachtens besser eine Single bleiben sollen, ist es doch wirklich eher ein Abturner als irgendetwas anderes.

Es wären jedoch nicht die Dire Straits, könnten sie diesen Ausrutscher nicht wieder durch das nächste Stück wettmachen: der Titelsong Love Over Gold baut sich hauptsächlich über das Klavier auf und erzählt von der Vergänglichkeit aller Dinge; baut thematisch sogar auf dem vorherigen Song auf, indem Knopfler verkündet: It takes love over gold and mind over manner to do what you do that you must/when the things that you hold can fall and be shattered...or run through your fingers like dust - Liebe als Essenz des Lebens über allen anderen Dingen, die so leicht vergehen können. Das, und nur das, ist die wirkliche Kernaussage der Platte, anhand der erst die übrigen Songs in Kontext gebracht werden können: die Eifersucht und das Misstrauen aus Private Investigations etwa, oder der Verfall der Telegraph Road zeigen alle die Folgen eines Lebens ohne absolute Liebe; die heilerische Kraft erfüllter Liebe und die Zerstörung, die gebrochene Herzen verursachen können. Eine fast schon banale Message, die diese Platte hier präsentiert, und eine, die bei Nichtromantikern den Genuss dieser gottgleich erhabenen Kunst nahezu unmöglich macht. Doch den Dire Straits kauft man diese Botschaft einfach ab, wiegt sich im Glauben an die absolute Liebe, so naiv dieser auch wirken mag, und spürt, wie sämtliche Sorgen von einem abfallen, lässt man sich denn auch wirklich auf diese Musik ein und folgt ihr zu den Erkenntnissen, die sie vermitteln möchte. It Never Rains zieht einen Schlussstrich mit der Warnung eines Ex-Freundes an die sehr legere Frau, die sich vor ihrem unvermeidbarem Schicksal, quasi dem Karma, hüten solle (he'll take you out in Vaudeville Valley, with his hand up smothering your screams). Auf dieser bitteren Note, die abermals vor dem leichtfertigen Umgang mit den Herzen anderer warnt, endet Love Over Gold. Doch die Botschaft bleibt jeder Hörerin und jedem Hörer mit etwas Herz felsenfest im Gehirn verankert.

Love Over Gold könnte eine wirklich perfekte Platte und mein Anwärter auf das beste Album aller Zeiten sein - wäre da nicht erwähntes Industrial Disease. Die Entscheidung, diesen Uptempo-Synthie-Song mitten zwischen diese mal schönen, mal düsteren, aufbrausenden und sich senkenden Klänge zu packen, war die fatalste seit der, David Bowie den Mix für die Stooges-Platte Raw Power erstellen zu lassen. Auch wenn Love Over Gold unter diesem Stück nicht komplett zugrunde geht, so trübt der Einsatz der Nummer den ansonsten wirklich, wirklich göttlichen, außerweltlich genialen Eindruck der Platte. Da allerdings die übrigen 37 Minuten in Stein gemeißelte Perfektion darstellen, kann ich Love Over Gold trotzdem mit 4.5 von 5 Punkten bedenken und jedem, der auch nur entfernt romantisch veranlagt ist, empfehlen, sich dieses Album so schnell wie möglich anzuhören - am besten im Dunkeln, mit Kopfhörern und in Gedanken bei einer geliebten Person.

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