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Kaspar Hauser - Jeder für sich und Gott gegen alle (1974)

Arthaus
Und dann sitz' ich in meinem Kostüm in deiner Scheißkarre in Holland! Fast jeder, der sich einmal mit dem deutschen Film befasst hat, kennt den berühmt gewordenen verbalen Schlagabtausch am Set von Werner Herzogs Fitzcarraldo, entbrannt zwischen Herzog und seinem Star, dem enfant terrible Klaus Kinski. Zu diesem Zeitpunkt sind beide bereits hoch angesehen und besonders für Kinski ebnet die Zusammenarbeit mit Herzog, einem der wichtigsten deutschen Regisseure, den Weg zum Ruhm. Diese geniale künstlerische Kooperation begann 1972 mit dem surreal angehauchten Aguirre, der Zorn Gottes, basierend auf der Lebensgeschichte des Conquistadors Lope de Aguirre. Ein erster Erfolg war Herzog gelungen. Doch sein nächster Langfilm wurde zu einem Schlüsselfilm einer filmischen Bewegung in Deutschland, des Neuen Deutschen Films, der (ähnlich dem New Hollywood Cinema) Gesellschaftskritik ins Zentrum rückte. 

Kaspar Hauser - Jeder für sich und Gott gegen alle basiert ebenfalls auf einer wahren Geschichte: 1828 tauchte ein mysteriöser Fremdling in Nürnberg auf, der kaum ein Wort sprechen konnte, angab, aus Regensburg gekommen und sechzehn Jahre lang in einem Kerker ohne jeglichen menschlichen Kontakt gehalten worden zu sein. Um die Herkunft des Fremdlings, der laut eines Briefes in seiner Hand Kaspar Hauser hieß, ranken sich bis heute die wildesten Gerüchte - man ging unter anderem davon aus, er sei ein aus dem Weg geräumter Thronfolger von Baden. Sein ungeklärter Tod 1832, er verblutete durch eine Stichwunde, deren Ursprung nie geklärt werden konnte, trug noch mehr zum Mythos Kaspar Hauser bei.

Werner Herzogs Film hält sich dabei eng an die zu Lebzeiten Hausers verfassten Dokumente über die Person. Der Film beginnt mit einer herrlich gefilmten Bootsfahrt über einen See in Nürnberg, bei der bereits kurz der Luginsland, der Burgturm, in dem Hauser kurzzeitig von der Polizei festgehalten wird, ins Bild kommt. Anschließend leitet ein eingeblendetes Originalzitat über die Auffindung Hausers in Nürnberg die Handlung ein.

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Der Zustand, in dem sich Kaspar zu Beginn des Filmes befindet, wird gleichzeitig als enorm trostlos und für den Gefangenen dennoch beruhigend und schützend gezeigt: das Publikum findet es zwar furchtbar, einen Menschen in einer solch halb liegenden Position, umgeben von Mauern und mit nichts als einem Holzross zur Beschäftigung, zu sehen. Doch für den Protagonisten selbst ist dieser Zustand etwas ganz Normales, wie sonst in Filme mit ähnlicher Geschichte hadert Herzogs Kaspar nicht mit seinem Schicksal; da er nichts anderes kennt, fühlt er sich in dieser Isolation ziemlich wohl. Das zu begreifen, diese Empathie für den Gefangenen aufzubringen, ist entscheidend, will man die spätere Botschaft des Films begreifen. Ein Fremder kommt in Kaspars Stall und bringt ihn nach Nürnberg, nicht ohne ihm Schreiben, Gehen und den Satz A söchtener Reiter möcht i wern, wie mein Voater gwen is beizubringen. Vom Fremden in Nürnberg ausgesetzt, wird Kaspar zum Rätsel für die Bevölkerung, die ihn zunächst nicht versteht und dann versucht, ihm Sprache und Moral sowie Schmerzempfindlichkeit (in einer Szene etwa hält ihm der Rittmeister zum Spaß der Zuschauer eine brennende Kerze vors Gesicht, ohne dass Kaspar in irgendeiner Form darauf reagiert) beizubringen. Letzten Endes landet Kaspar aufgrund der Unfähigkeit, diese Dinge, die von der Gesellschaft als so notwendig angesehen werden, in einer Kuriositätenschau, zusammen mit einem Kleinwüchsigen, einem Autisten und einem Ureinwohner aus Südostasien. Hier bereits prangert der Film die gesellschaftliche Ausgrenzung von Menschen, deren Aussehen, deren Verhalten oder deren Sprache nicht der jeweils gültigen Norm entsprechen, an. Der Lehrer Daumer rettet Kaspar und bringt ihm Lesen und Schreiben bei, woraufhin Kaspar beginnt, seine Herkunftsgeschichte niederzuschreiben.

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Die erste Erkenntnis des Findlings lautet: Die Menschen sind mir wie die Wölfe. Als stark antikonformistischer Charakter im Zeitalter des Biedermeier sieht sich Hauser zwangsweise im steten Konflikt mit irgendwelchen Obrigkeiten, die meinen, eine richtige Sicht auf die Welt zu besitzen. So entgegnet er etwa der Frage eines Pfarrers, ob er während seiner Gefangenschaft denn nicht an eine höhere Macht gedacht habe, schlicht: Ich kann es mir nicht vorstellen, dass Gott aus dem Nichts alles erschaffen hat, so wie Sie es mir gesagt haben. Man versucht ihm einzureden, er müsse einfach glauben, möchte ihn in das enge Korsett damaliger öffentlicher Erwartungen stecken. Spätestens die zum damaligen Zeitpunkt - in den 1820er-Jahren - absolut tabubrechende und unerhörte Frage, wieso man den Frauen nur das Häkeln und das Kochen erlaube, trennt Kaspar Hauser vollends von der Gesellschaft, die versucht, seinen unorthodoxen Geist kleinzukriegen. Siehe dazu auch die Szene mit dem Logikproblem, in der Kaspar mit einer einfachen, völlig richtigen Frage dem Mathematikprofessor vor den Kopf stößt, weil dieser nicht akzeptieren kann, dass es auch Problemlösungen fernab der rationalen, auf logischen Erkenntnissen basierenden Wissenschaft gibt.

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Hauser ist bei Herzog gewissermaßen ein Visionär, der die kirchliche Vormachtstellung und das Patriarchat untergräbt, zu einer Zeit, in der man für beides noch eingesperrt werden konnte. Dass ein stotternder Mann, der sechzehn Jahre in einem Kerker ohne Kontakt zur Außenwelt zugebracht hatte, letzten Endes dem Zuschauer näher ist als das etablierte Bürgertum, ist eine starke Botschaft des Films. Kaspars Visionen von Karawanen in Afrika (wunderschön anzusehende Super-8-Handkameraaufnahmen!), Menschen, die auf einen nebligen Berg steigen, auf dem der Tod wartet, und Dörfern in Sonora sprechen sich für alternative Lebenswelten aus und verdammen die Konvention des Bürgertums; in seinen Vorhersehungen erweist sich die Fantasie Kaspars als das notwendige Mittel, den Menschen von seinen Fesseln zu befreien und ihn in die eigene Freiheit zu führen. Doch das einzige, was sich für Kaspar dadurch ändert, ist, dass er einem Lord aus England vorgeführt werden soll, der plant, ihn in die Heimat mitzunehmen (angeblich, um ihm ganz neue Chancen zu bieten). Der Abend endet denkbar schlecht: Kaspar antwortet wahrheitsgetreu auf eine Frage der Frau des Lords, drinnen (in seiner Gefangenschaft) sei es besser wie draußen gewesen und er türmt schließlich aus dem Gebäude.

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In den folgenden Szenen wird Kaspar zweimal von einem Unbekannten (wahrscheinlich demselben, der ihn nach Nürnberg gebracht hatte) attackiert, an der zweiten Stichwunde stirbt er schließlich. Ich danke, dass man mir zugehört hat. Ich bin jetzt müde. Mit diesen Worten stirbt diese geniale Seele, der allen Normen mit Bravour widersprechende Kaspar Hauser in seinem Bett. Bei der Obduktion ist wieder ein Protokollist anwesend, der mit den Worten Ich werde zu Protokoll geben, dass man an Hauser Deformationen entdeckt hat. Wir haben endlich für diesen befremdlichen Menschen eine Erklärung, wie man sie besser nicht finden tun kann. Herzogs Film ein wahnsinnig pessimistisches Ende verleiht. Die Normierungswut des Bürgertums, die Kategorisierung des Menschen, die Ausgrenzung des Genies und des Querdenkers hat wieder einmal über Identität und Charakter gesiegt. Wie der Protokollist dann von dannen zieht, wähnt er sich darin, einen großen Tag zu erleben, mit einem schönen Protokoll. Die Nomadenstämme der Sahara aus Kaspars Schlussvision hätten immer noch mehr Grund zum Feiern als der Vertreter konservativer Gesellschaftsbrauchtümer.

Kaspar Hauser - Jeder für sich und Gott gegen alle lebt vor allem von seinem Hauptdarsteller Bruno S., einem Straßenmusiker und Teilzeitobdachlosen, den Herzog in einer Fernsehreportage gesehen hatte und sofort begeistert für seinen nächsten Film engagierte. Der Schauspieler, über dessen Leben sehr wenig bekannt ist, wurde stets als geistig zurückgeblieben angesehen und genau das - seine sehr eigene Art zu sprechen, sein wildes, zerzaustes Auftreten - verleiht seiner Darstellung des Kaspar Hauser eine nie dagewesene Präsenz, eine leinwandfüllende Allgegenwärtigkeit, die den Zuschauer vollkommen vereinnahmt. Wenn S. zu seiner Handbewegung beim Sprechen (Daumen und Finger bilden einem Ring) ansetzt, so hat dies mehr Dramatik als ein minutenlanger Monolog  am Ende von Der große Diktator (um nur ein Beispiel zu nennen). Die Besetzung von S., dem Mann, der wohl ebenso rätselhaft blieb wie die Figur, die er verkörpert, war jedenfalls ein absoluter Glücksgriff Herzogs. Auch die Kamera von Herzogs Stammcinematographen Jörg Schmidt-Reitwein trägt viel zum Flair des Films bei; sie vermag es, große, oft bedrückende Landschaftsaufnahmen mit engen, grauen Räumen zu verbinden und somit ein dynamisches Spiel entstehen zu lassen, das dem Film eine leichtfüßige Eleganz verleiht, die ganz konträr zur nach wie vor gültigen Botschaft des Werks steht. Die destruktive Kraft einer Gesellschaft, die Andersartigkeit nicht tolerieren kann und jeden Querdenker, jeden Visionär, jedes Genie in das Korsett ihrer rückständigen, einfältigen Erwartungen zu stecken versucht, ist traurigerweise immer noch so spürbar wie zur Zeit Hausers und zur Zeit der Entstehung des Films. Werner Herzogs Film ist ein trauriger, ein wütend machender und ein nachdenkliches Werk, doch vor allem ist er eines: absolut sehenswert für jeden, der auch nur einen Hauch Individualismus verspürt. Höchstwertung. 5/5

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Kommentare

  1. Großartig geschrieben lieber Maximilian! Auch in diesem Punkt hast du recht "anders sein" kommt bei vielen nach wie vor nicht gut an. Wohl weil es ihnen irgendwie Angst macht, dass sich nicht jeder versklaven lassen will - von irgendwelchen meist vorgestrigen gesellschaftlichen Erwartungen.

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