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Mein Freund ist Schauspieler - Versuch einer musikalischen Klarwerdung

Ich habe einen Freund, der Schauspieler ist. Beruflich. Wobei ich gar nicht glaube, dass die Bezeichnung "Freund" en moment passend ist: vor einigen Tagen gab es einen Disput, nach dem zumindest er mich wohl höchstens noch als "(entfernten) Bekannten" bezeichnen würde - wenn überhaupt. Denn wenn zwei Menschen, an denen beiden ich hänge, sich zerstreiten, ist es mir unmöglich, eindeutig Partei zu ergreifen und ich glaube, das wollte er. Zumal er sich an besagtem Abend wirklich sehr schlecht benommen hat.

Doch schauen wir nicht auf die Diversitäten, die unser Zerwürfnis heraufbeschworen haben, blicken wir auf die Gemeinsamkeiten: Wir beide lieben Filme. Wir beide lieben Literatur. Wir beide lieben David Bowie.

ISO/Columbia
Als die Nachricht unser beider Lieblings Tod am 11. Jänner des vergangenen Jahres die Welt erreichte, war es für uns beide wohl ein Schock. Gerade drei Tage zuvor war sein 26. Album Blackstar erschienen, welches ich mir damals sogar auf Vinyl vorbestellt hatte. Doch eigentlich geht es hier gar nicht um Blackstar: nach dem Zwischenfall von neulich habe ich lange überlegt - zuerst würde man womöglich von einer "kranken" Persönlichkeit ausgehen, die hoffnungslos verloren ist, einem "schlechten Verlierer" gar, und ja, so habe ich gedacht und gesprochen - letzten Endes bin ich zu der Einsicht gekommen, dass man eine Person gar nicht so leicht abstempeln kann. Ich habe mich dann gefragt, ob es im Repertoire des David Bowie irgendeine Bühnenpersönlichkeit gab, mit der ich ihn vergleichen, oder anhand derer ich zumindest mein weiteres Vorgehen im Versuch, eine längere Freundschaft nicht zu verlieren, planen könnte. Und ich glaube, ich bin tatsächlich fündig geworden.

RCA
Blicke ich auf das Cover von Aladdin Sane, des Nachfolgers des immens erfolgreichen Ziggy Stardust und des Versuchs, ebenjenen Typus in den USA groß rauszubringen, so fällt mir als Erstes immer die Träne auf, die im Nachhinein noch in das berühmte Foto von David Bowie, auf dem er mit einem rot-blauen Blitz zu sehen ist, retuschiert wurde. Dieser Zwiespalt zwischen einem enorm extrovertierten, extremen, auch egozentrischen Auftreten sowie einer inneren Zerrissenheit, Trauer und Gebrochenheit ist das, was ich an diesem Plattencover so verdammt gelungen finde. Und das, was meinen Bezug zu erwähntem Menschen herstellt. Lege ich nun die Platte auf, so stoße ich naturgemäß zuerst auf den Opener, Watch That Man, der ehrlich gesagt etwas unfertig, um nicht zu sagen roh klingt, doch gerade deshalb eine ungezähmte Energie hat, die an gemeinsame, lange Nächte aller Art erinnert und mich - in diesem Zusammenhang - diese wiedererleben lässt. Das titelgebende Aladdin Sane (1913-1938-197?) hat jetzt etwas Zerrissenes, wie von Erlebtem und Verdrängtem, das langsam wieder aus den Menschen hervordringt. Und egal, wie es dazu kam: eine Liebe zu verlassen oder von ihr verlassen zu werden, das muss eine verdammt schmerzhafte Erfahrung sein. Ich denke, ein dermaßen auffälliges Verhalten rührt von irgendwo her und bevor jemand mit "Kindheit" oder "Störung" kommt: vielleicht geht es wirklich um Leid. Ich kann das für ihn nicht beantworten (und er wird es mir ebensowenig beantworten), doch es ist für mich wahrscheinlich, dass er kein Gestörter, sondern einfach ein Leidender ist - wäre er ernsthaft geschädigt, hätte ich es gemerkt. Und ich kann keinen Freund von mir als gestört bezeichnen, denn täte ich das, wäre die gemeinsam verbrachte Zeit nichts mehr wert.

Oder nehmen wir doch den Song Drive-In Saturday: ein Satz wie gee, it's hot, let's go to bed würde irgendwie zu ihm und seiner oft sehr scherzhaften Art passen. Zudem erinnert das Lied musikalisch an diese ganzen Musicals aus den 50ern oder mit 50er-Jahre-Bezug, und ich glaube, er hat sowas ziemlich gern. Aladdin Sane, oder besser gesagt die Person hinter diesem Namen, zeigt uns auf diesem Album die Eindrücke einer Reise in die USA: komische Typen, Drogen und viel Show. Des Weiteren viel widersprüchliches: Cabaretshows finden sich neben Coverversionen von den Stones, E-Gitarren neben Congas. Auf diesem Album ist David Bowie eine Person, der man sich ganz behutsam nähern sollte, um sie nicht zu provozieren oder in den Tod zu treiben - feel the love of her carress, she will be your living end. Ich bin mir bei all diesen Überlegungen irgendwie unschlüssig, was meinen Freund/Bekannten betrifft, doch eines weiß ich sicher: er braucht wahrscheinlich Ruhe von den Dingen, die ihn ausrasten lassen, Zeit, um seiner Passion, dem Schauspiel, nachzugehen. Und vielleicht auch, um das hier zu lesen. Und zu wissen, dass ich ihn trotz all der Differenzen und des Streits immer noch gern habe. Irgendwie.

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