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Tanzbare Dekadenz auf Kokain - David Bowies "Station to Station"

RCA/Parlophone

Die Karriere David Bowies war von vielen Höhen und mindestens ebensovielen Tiefen gekennzeichnet. Nachdem er sich mit dem etwas überschätzten Ziggy Stardust selbst zur Legende erhoben hatte, kamen das superbe Aladdin Sane sowie das ebenfalls großartige Diamond Dogs, dazwischen noch die kleine Randnotiz namens Pin-Ups. Seinen absoluten Zenit sollte das Chamäleon des Pop 1975 besteigen und ihn erst fünf lange, turbulente Jahre später wieder verlassen. Und müsste ich mir aus den Platten dieses Zeitraums einen Favoriten aussuchen, so wäre es ein knappes Rennen zwischen Young Americans und dessen direkten Nachfolger aus einer Zeit, in der Bowie den Höhepunkt seiner Kreativität und seiner Drogensucht erreicht hatte - Station to Station.

Illusion ist der Kernbegriff der Platte, die die wohl schwärzesten Stunden im Leben des Briten widerspiegelt, sowie der Geschehnisse rund um ihre Entstehung. Nachdem Bowie sich mit exaltiertem, gleichzeitig introvertiertem und stets unberechenbarem Verhalten - künstlerisch wie menschlich - selbst zu einem weltweiten Phänomen hochstilisiert hatte und mit bombastischen Shows sowie einem angeblichen Hitlergruß an der Victoria Station regelmäßig für Schlagzeilen sorgte, erkannte er wohl, dass er sich immer mehr von sich selbst und seinen Fans entfremdet hatte - von den Jahren 1975 und 1976 sollte David Bowie später einmal sagen: Es war furchtbar, diese Zeit zu durchleben. Sein Kokainkonsum war ins Unermessliche gestiegen und der immense Erfolg der Singles Fame und Golden Years, die es beide an die Spitze der Billboard-Charts geschafft hatten, ließ Bowie wohl erkennen, dass er selbst Teil eines großen Schauspiels, einer totalen Illusion war, die er selbst maßgeblich gestaltet und aufrechterhalten hatte. So war es nicht weiter verwunderlich, dass der Musiker sich später laut eigenen Angaben kaum an die Sessions zu Station to Station, seinem zehnten Studioalbum, erinnern sollte. Was uns gleich zum nächsten Punkt bringt...

David Bowie bei einem TV-Interview 1974. Screenshot von der Bonus-DVD der Young Americans:Special Edition von EMI
Das Erste, was man auf Station to Station zu hören bekommt, ist das mit Gitarren und Synthesizern imitierte Ausfahren eines Zuges aus der Station. Nach einer Minute kommen zwei Klaviertöne hinzu und langsam setzt die ganze Band ein, die das Tempo des Titelsongs langsam (wirklich langsam) vorantreibt. Vor dem angedeuteten Klimax wird dem anschwellenden Stück nach drei Minuten das Tempo genommen und der Hauptakteur eröffnet: The Return of the Thin White Duke, throwing darts in lovers' eyes - die nächste Bühnenperson des David Bowie: ein leicht außerweltlich anmutender Mann mit blonder, gekämmter Frisur und weißem Hemd, schwarzer Hose sowie schwarzem Waistcoat. Die leicht faschistischen Anleihen in diesem Auftreten bezeichnete Bowie später selbst als nasty und schien sich mit zunehmendem Alter von gerade dieser Persönlichkeit etwas distanzieren zu wollen.

Copyright: Jean-Luc Ourlin
Das Lied wandelt sich nach fünf Minuten in einen verdammt tanzbaren Uptempo-Track, bei dem klar wird, dass der Hauptantrieb dieser Platte die drogenverseuchte Dekadenz sein muss: It's not the side effects of the cocaine/I'm thinkin' that it must be love sagt eigentlich schon alles über den dieser Musik innewohnenden Hedonismus, die emotionale Kälte, die dieses Album aus jeder Ecke entsendet und die einem doch so nahe geht wie selten sonst ein musikalisches Werk. Diese emotionale Ambivalenz macht Station to Station zu einem Album, dem ich die Bezeichnung totale Musik zuschreiben würde: auf einer äußeren, transzendenten Ebene (textlich und musikalisch) lässt einen die Platte bis auf die tanzbaren Songs nahezu kalt, zieht den Hörer jedoch gleichzeitig durch genau diese Kälte, das vollkommen Gleichgültige magisch an, lässt ihn  eintauchen in die Welt der Dekadenz, der Drogen, der unter den Teppich gekehrten Gefühle. Wenn es in Golden Years etwa heißt: I'll stay with you, baby, for thousand years, so klingen diese Phrasen hohl und inhaltslos, unterstrichen durch die vollends der Disco verschriebenen Instrumentierung: in der von dieser Platte
verkörperten Lebenswelt dient Liebe nur noch dem Kommerz, verkommt das Liebeslied zur genial inszenierten Tanznummer für die Clubs, werden Gefühle ihrer Lächerlichkeit preisgegeben. Die hier geschilderte Gesellschaft ist vergnügungssüchtig, ihre Musik ein Abgesang auf die Werte, die ihre Musiker selbst in Stein gemeißelt und dann mit Füßen getreten haben, die ersetzt wurden durch andere Götter - in this age of grand illusion you walked into my life out of my dreams. In TVC15 etwa geht es um den Menschen, dessen Leben sich vollständig vor dem Fernsehgerät abspielt (My baby's in there someplace). Stay dann der erneut sehr funkige und tanzbare Versuch, den Drogen zu entsagen und die Geliebte bei sich zu wahren - erfolglos: I really meant to so bad this time. Wild is the Wind schließlich eines der schönsten Lieder Bowies (der wieder einmal ein Gespür für gute Coverversionen bewiesen hatte) und zugleich unglaublich ehrliche Liebeserklärung, wie sie wohl jeder gerne machen würde (You're spring to me, all things to me... don't you know you're life itself?).

(KCRW.com)
Danach hat Station to Station auch sein Ende gefunden. Nach einer für ein Album eigentlich perfekten Laufzeit von knapp unter vierzig Minuten. Doch eines ist sicher, diese Platte brennt sich jedem, der sie gehört hat, ins Gedächtnis. Die geschilderten (Nicht-)Messages der Lyrics sind alle schön und gut, doch wären sie nicht einmal halb so wirkungsvoll ohne die ebenso unterkühlte Grundstimmung - die Keyboards, die Bässe und die Drums, die gnadenlos ihr Programm durchziehen und fast schon wie mechanisch die Songs durchstrukturieren, markieren eine illusionäre Perfektion, eine scheinbar kantenlose, mathematisch präzise Produktion, die kaum Zeit zum Durchatmen bietet und dennoch die Emotionen gerade der verlorenen Emotion unter der Oberfläche stets kochen lässt - menschliche Hüllen erinnern sich ihrer ehemaligen inneren Substanzen: It's not the side effects of the cocaine, I'm thinkin' that it must be love ist darum so ein grandioser Satz, weil er das ganze Wesen, die einzig wahre Botschaft von Station to Station so knapp zusammenzufassen im Stande ist. Fleischliche Überreste ehemals vollwertiger Menschen, die die Illusion, in der sie ihre Kreise ziehen, längst erkannt haben, sich dennoch daran festhalten, noch wirklich empfinden zu können, gleichzeitig aber die Visionen ihres endgültigen Untergangs vollkommen gleichgültig hinnehmen (It's too late to be grateful... the european cannon is near), beherrschen die Sprache der einzelnen Stücke auf der Platte und sie alle ergeben ein Panoptikum der Gesellschaft, die von David Bowie gleichzeitig angeprangert und irgendwie doch zelebriert wird - man merkt es an den vielen Tanznummern, die (wie bereits erwähnt) gleichzeitig platten Hedonismus sowie die Freude an diesem verkörpern. Wenn ich eingangs erwähnt habe, dass Young Americans und Station to Station für mich den selben Stellenwert besäßen, so bezog ich das rein auf das Musikalische. Denn das Konzept von Station to Station ist - bei ähnlicher Thematik - wesentlich durchdachter, es trägt die Aussagen auf eine Metaebene und verschachtelt diese mit der wortwörtlichen Dimension der Songs auf eine unglaublich raffinierte Art (besonders in den Liedern Golden Years und Wild is the Wind wird dies deutlich). Es ist große Kunst, ein Konzept auf derart spezifische Art anzugehen und es so souverän umzusetzen wie es die an Station to Station Beteiligten geschafft haben.

Somit steht fest: Station to Station ist ein ganz besonderes Album, welches wahrlich niemand, der es einmal gehört hat, vergessen können wird und das wohl allmählich Young Americans von meinem persönlichen Bowie-Spitzenplatz drängen kann. Mein Tipp: einfach beide hören und die konsequente Weiterentwicklung des Konzepts über eine Gesellschaft im Verfall genießen. Oder einfach dazu tanzen, Liebe machen, und dergleichen. Ihr werdet es genießen, Big Boys (und Girls).

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