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Falco - Data De Groove

TELDEC
Postmoderne? Wir leben längst im Informationszeitalter! Diesen Satz bekam ich unlängst bei einem sehr interessanten Gespräch zu hören und seitdem beschäftigt er mich ziemlich. Denn während beispielsweise in der Literatur die Postmoderne erst in den 80ern wirklich losging, so endete sie - den technischen Fortschritt betreffend - wahrscheinlich wirklich bereits im Jahrzehnt von Phil Collins und Miami Vice, in dem der Heimcomputer seinen Siegeszug antrat. Einer der Ersten, die jenen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel erkannten und in ihrer Kunst umzusetzen wussten, war der große Österreicher Falco, der nach dem gefloppten Wiener Blut in eine komplett neue Richtung gehen wollte. Das Ergebnis Data De Groove ist womöglich eines der persönlichsten, auf jeden Fall eines der interessantesten und gelungensten des Falken.

Ein vorherrschendes Thema der Platte ist das große, gefühlte Nichts, in dem sich der Mensch im Informationszeitalter wiederfindet. Was ist Show, was ist reale Emotion? Und wie können zwischenmenschliche Beziehungen in dieser neuen Zeit, diesem Zeitalter der Fische, gelingen? Diese Fragen behandelt das sechste Studioalbum Falcos auf eine atmosphärisch sehr dichte, intellektuell oftmals sehr fordernde Weise, die zu jedem Zeitpunkt authentisch und gelungen rüberkommt. Der Opener Neo Nothing - Post of All beantwortet die Frage nach der Geisteshaltung des modernen Menschen gewohnt lässig: Wir überholen uns längst wieder, sind post of all - gewissermaßen die pervertierte Hybris, die dem Menschen schon seit Urzeiten eigen ist und die im Informationszeitalter das Beziehungsleben endgültig ersetzen wird. Paradoxerweise sind in den Text altgriechische Phrasen Heraklits eingebaut, scheinbar so vollkommen im Gegensatz zu dem post of all, doch laut CD-Booklet heißt es da: Gott ist Tag, Nacht, Winter, Sommer, Krieg, Frieden, Sattheit, Hunger; er wandelt sich wie Öl. Also wieder das Wandelbare, ständig Wettbewerbsfähige, das der moderne Mensch noch bravouröser zu beherrschen im Stande sein muss als seine Vorfahren. The art of TV-ision unter different condition wird da etwa in dem Dance-Track Expocityvisions, der wohl eine der stärksten Falco-Nummern überhaupt darstellt, angesprochen; auch hier: alles Show? Der Refrain überrollt diese Fragen mit seinen so verdammt mitreißenden Mehrstimmenrhythmen, doch wie viel an den Menschen jetzt letzten Endes wirklich noch echt ist, das beantwortet das Stück zum Glück nicht. 

Der Show-Faktor ist auch in Stücken wie Charisma Kommando und Alles im Liegen präsent, diesmal schleicht er sich jedoch etwas subtiler in sehr persönliche Worte ein, wenn es bei Charisma Kommando etwa heißt: Ich weiß: der Weg ist zu weit, kein Weg zu zweit - never, dann wird klar, dass Falco, der die Texte des Albums vollständig selbst verfasst hat, nicht von der Gemeinschaft spricht, sondern vom Einzelnen, von sich selbst. Hingegen ist Tanja P. nicht Cindy C. ausschließlich körperfixierte Sexlyrik mit einem enormen Unterhaltungswert, hat man sich erst einmal an die etwas komplizierte Instrumentierung des Songs gewöhnt. Das Highlight des Albums und wohl DIE verpasste Hitsingle schlechthin ist wohl Pusher, ein wahnsinnig lässiger Blues, der die Coolness von Platten wie Einzelhaft und Junge Roemer wieder hervorholt und damit abermals ein Highlight im Katalog Falcos zaubert. Im Gegensatz zum Rest des Albums ist Pusher auch ein "erdigerer" Sound zueigen, der nicht am Synthesizer oder am Amiga-PC, sondern exklusiv an der Gitarre und den Drums entstand. Wäre zwar 1990 ein enormer Anachronismus gewesen, als gerade Sinead O'Connor, Matthias Reim und Londonbeat die Charts beherrschten, doch besitzt Pusher von allen Nummern auf Data De Groove den wohl zugänglichsten Text und erinnert enorm an den "alten" Falco, weswegen dem Song sicherlich mehr Erfolg zuteil geworden wäre als der letztendlichen Leadsingle. Denn der Titelsong Data De Groove konnte sich zwar kurz in den Charts platzieren (#12), doch habe auch ich bis heute ehrlich gesagt keine Ahnung, was Zeilen wie Create a sequence file, on mapdisc from - gotta call me: ABDDS01 bedeuten sollen. Der Song ist eine großartige, tanzbare Nummer, doch einfach viel zu verkopft für einen Hit. Man hatte ja auch die Chance verpasst, das sehr lässige Musikvideo zu der Single in Europa zu veröffentlichen (es erschien lediglich auf einem Promo-Tape in den USA), was dem Song endgültig den Todesstoß gegeben haben dürfte. 

Das oben schon erwähnte Alles im Liegen groovt wieder auf höchstem Niveau und bietet eine der coolsten Vokalperformances Falcos - eigentlich ist das ganze Album ein Highlight in des Falken Diskographie, denn hat man sich die oft sehr Dada-mäßigen Texte (ein Nacht, lange Nacht - mich kein Tremor drängt, sie ihren direktiven Steilstab - schwenkt könnte - natürlich rein strukturell gesehen - auch von Hugo Ball sein) einmal erarbeitet, so durchsitzt man das Album mit einem breiten Grinsen ob der feinen Spitzen und meisterhaften Wortspiele eines Mannes, dessen lyrische Qualitäten bis heute völlig unterschätzt werden. Die gar offensichtliche Parodie beherrschte dieser sehrwohl, wie der U.4.2.P.1. Club Dub beweist, der das inhaltslose Gehämmer, das in angesagten Clubs Nacht für Nacht durch die Boxen leiert, auf die Schippe nimmt - so erschließt sich für mich das ewig auf über 100 BPM wiederholte Club Manifesto Nuovo, Ginseng Design jedenfalls. Seinen Ruf als Popstar begräbt Falco im vorletzten Stück Bar Minor 7/11 (Jeanny Dry), das auf Jeanny, eines seiner erfolgreichsten Lieder, verweist und die Aufregung um den Inhalt des Hits mit Linien wie Sog, wer hot dir eigentlich g'sagt, dass du Jeanny heißt? Das war - das ist ganz sicher der Chef von meiner Plattenfirma g'wesn... sag, ist er ein guter Gast? lässig abtut - alles nur Show gewesen, Falco hat sich musikalisch zum Positivsten weiterentwickelt. Eine sanfte Lounge-Nummer ist das - herrlich für einen gemütlichen Abend in einer Ledercouch mit einem Glas Whiskey und einer Zigarre. Die Platte klingt mit dem Vierzeiler Anakondamour wehmütig und sehnsüchtig aus - großes Kino, dieses Stück!

Data De Groove ist in seinen Inhalten das Pendant zu David Bowies Station to Station - was dieses in der Tiefe seines Hedonismus andeutete, drückt jenes dringlich, geradezu fordernd, aus. Unschwer, war Bowie doch Falcos großes Vorbild, das er auf Data De Groove an Brillanz endlich einholen konnte. Die Produktion von Robert Ponger - ebenfalls auf den ersten zwei Platten Falcos Produzent - ist eine topmoderne, die selbst heute nicht wie beinahe dreißig Jahre alt klingt und die perfekt zur Stimme des Sängers passt, der hier wohl einige seiner lässigsten Performances abliefern konnte. Damals war Data De Groove jedoch weder am Puls der Zeit noch musikalisch zumindest in greifbarer Nähe - die Platte war ihrer Zeit mindestens fünf Jahre voraus. Wäre sie 1995, im Jahr von Massive Attack und Underworld, erschienen, Falco wäre unverzüglich wieder an die Spitze der Charts gelangt, dessen bin ich mir sicher. Der Comebackversuch entpuppte sich als Falcos größter Flop - die Platte strandete zuerst auf Platz 10 der österreichischen Albumcharts und anschließend in der Vergessenheit; bis heute wurde sie nicht wieder aufgelegt und ist in physischer Form fast nicht mehr zu bekommen. Wer wie ich das Glück hat, die CD halbwegs billig zu ergattern, der möge sie sich holen - jedoch nicht, ohne zuvor auf Spotify oder bekannten Videoportalen in das Album reinzuhören, denn bei mir dauerte es lange, bis ich es wirklich würdigen konnte. Doch dann zündete es: Data De Groove ist für mich das beste Album Falcos und obendrein eines der besten, die jemals von Österreichern geschaffen wurden. Das gibt die Höchstwertung für ein herrlich vielschichtiges, groovendes, unerhört lässiges Hörerlebnis mit echter Message. In diesem Sinne: The deeper the soul, desto Data De Groove!

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