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Need for Speed II: Special Edition

EA
Die Anfänge großer Spielereihen sind häufig etwas... speziell: eingeschworene Fans lieben sie, spät hinzugekommene können ob der oftmals noch sehr simplen Spielmechaniken nur mehr den verwöhnten Kopf schütteln. Need for Speed fing 1994 als damals revolutionärer Fahrspaß in detaillierten Luxuskarossen auf ebenso detailreichen Strecken auf der ganzen Welt an - inklusive der beliebten Verfolgungsjagden und einer für die damaligen Verhältnisse unglaublich geilen Cockpitperspektive an. Trotz des immensen Erfolges wartete Hersteller EA drei Jahre bis zum Release des Nachfolgers, der vieles anders macht als sein Vorgänger und auch nur einen sehr mäßigen Ruf genießt. Ich frage mich also in einem Anflug von Retro-Fieber: wie gut ist Need for Speed II wirklich?

Bereits das Hauptmenü entführt in eine einfachere Welt des Videospielens: Streckenauswahl, Wagenauswahl, Wahl der Gegner und ab geht's - keine Karriere, kein Zeitfahren, bei NfS II geht's wirklich rein ums Fahren von Rennen. Die waren bereits 1997 sehr schnell, laut (mit Metal-Soundtrack rast es sich einfach noch schöner!) und wirklich spannend. Denn im Gegensatz zu ungefähr jedem Serienteil seit 2002 konnten EA in die alten Teile den berüchtigten Gummiband-Effekt noch nicht einbauen, will heißen: durch gutes Fahren kann man sich viel Vorsprung herausfahren und den auch behalten, Fehler werden jedoch mit einem halbwegs realistischen Verlust des Vorsprungs geahndet - Rückstände wollen genauso durch echtes Können mit Hilfe des Windschattens, Nutzung der Kurveninnenbahn oder gekonntes Driften aufgeholt werden, anstatt darauf zu warten, dass das System die Gegner abbremst, wie es etwa in Most Wanted vorkommt.


Für diese Rennen stehen dem Spieler in der Special Edition, die neben einer Bonusstrecke noch sieben zusätzliche Autos und den Fahrstil "wild" (der wirklich extremst spaßig ist!) enthielt sowie 3dfx-Glide unterstützte, um die Grafik zusätzlich zu verschönern, vierzehn Autos zur Verfügung, die sich alle leicht (wenn auch oft nur marginal) im Fahrverhalten unterscheiden: so kann man den Ferrari F355 gleich vergessen, denn er ist das mit Abstand langsamste Auto im Spiel, während etwa der McLaren F1 nicht nur den höchsten Topspeed hat, sondern auch am besten für Drifts und große Sprünge (von denen es im Spiel viele gibt) geeignet. Diese Autos wollen auf acht Strecken an ihre Grenzen getrieben werden, wobei vom australischen Outback (das eigentlich nur eine Hafengegend mit Sandverwehungen ist) bis zum Schwarzwald und einem Gebirgspass in Tibet alles dabei ist, was man sich von einem damaligen Rennspiel nur wünschen kann. Denn diese Strecken sind wirklich sehr schön designt, neben der Straße stehen große Werbetafeln, der Asphalt ist realistisch koloriert und nützt sich sogar während der Rennen leicht ab, die Häusertexturen sind detailreich gestaltet (sogar Fensterrahmen und Blumen lassen sich ausmachen) und das Fahren im Pulk sorgt für ein großartiges Geschwindigkeitsgefühl, bei dem die Strecke nur so unter einem vorbeibraust - leider hält sich dieser Rausch in Grenzen, wenn man erst mal an der Spitze des Feldes liegt und die Gegend bei 370 km/h gemächlich am Auto vorbeizieht, als wäre man auf einer Seniorenbusfahrt.


Das ist sehr schade, hält das Spiel doch abgesehen davon wirklich ein großartiges Paket für Rennfans mit einem großen Herz für alte Spiele bereit: die Autos lassen sich im Schauraum genau ansehen, es gibt Fotos und sogar Videos der realen Gegenstücke zu bestaunen und die Strecken (im Speziellen der oben abgebildete tibetische Bergpass) sind wahre Herausforderungen; so gerät man in Sand- und Schneestürme, muss bei extremen Bergabsprüngen den Wagen unter Kontrolle halten oder schiebt Gegner in Absperrungen und Schneefelder. Die Rennaction macht in Need for Speed II wirklich Spaß und mit den acht Strecken sowie freispielbaren Bonusautos hält der Titel doch einen gewissen Wiederspielwert bereit. Das einzige, was man dem Game also wirklich vorhalten kann, ist das unausgereifte Geschwindigkeitsgefühl sowie die im Gegensatz zum Vorgänger und den Nachfolgern III, IV und Porsche schlichtweg nicht vorhandene Cockpitperspektive. Es gibt sie einfach nicht. Und das trübt jedes gute Rennspiel enorm.

Abgesehen davon macht Need for Speed II jedoch wirklich Spaß, bietet am PC sogar einen LAN- und Splitscreen-Multiplayermodus und stellt bis heute eine echte Herausforderung dar. Und wer sich die Installationshilfe aus dem Internet herunterlädt, der kann das Spiel (originale CD natürlich vorausgesetzt) auf Windows 10 installieren, was ja bei alten Spielen alles andere als selbstverständlich ist. Das macht also vier von fünf Punkten für ein gelungenes Rennspiel, das irgendwie unter Wert verkauft wurde.

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