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The Oxford Murders (2008)

Odeon Sky Filmworks

Spannend, was sich alles so wiederfindet: ich vermisse immer noch meine DVD von Freeway, doch dafür tauchten unlängst im Regal unter meiner Stereoanlage jede Menge DVDs aus allen möglichen Computermagazinen auf - diese DVDs mit echt nützlicher Freeware, miesen Games und Filmen aller Genres und Qualitäten. Freeway war so einer. Die 46 neuen Fundstücke ebenfalls. In einem Anfall von Neugier habe ich beschlossen, mich fortan so regelmäßig es geht durch den Stapel zu arbeiten und so regelmäßig es geht darüber zu schreiben. Den Anfang macht heute der 2008 erschienene Thriller The Oxford Murders - oder, wie ich ihn nenne: Der Kerl von Herr der Ringe und der Elefantenmensch spielen Sherlock Holmes.

The Oxford Murders basiert auf dem gleichnamigen Roman von Guillermo Martinez und das merkt man ihm von der ersten Minute an deutlich an: eine deplatziert wirkende Rückblende auf den Zweiten Weltkrieg - im Originaltext wahrscheinlich eine Art Prolog - eröffnet den Film und nimmt dem Anfang, der mit dem gewohnt souveränen Auftreten von John Hurt prinzipiell einiges an Potenzial hätte, jede Menge Tempo. Die Einführung von Elijah Woods Charakter, dem amerikanischen Studenten Martin, welcher ein Auslandssemester in Oxford verbringt, um seinem Idol, dem Professor für Logik Arthur Seldom (John Hurt) aufzufallen, macht dann endgültig die gravierenden Schwächen dieser Literaturverfilmung ersichtlich: die Dialoge werden in einem durch ohne nennenswerte Emotion heruntergerattert und bereits das Aufeinandertreffen Martins mit seiner Vermieterin, einer Freundin Professor Seldoms, betseht aus vollkommen belanglosem, langweiligem Namedropping berühmter Logiker und ihrer Theorien. Und das hundert Minuten lang. Ehrlich.

Ich könnte an dieser Stelle eigentlich mit der Kritik schließen, aber es gibt ja noch einen Plot zu kritisieren. Also: besagter Martin schleimt sich bei John Hurt richtig dicke ein und die beiden begegnen sich schließlich im Haus von Martins landlady Mrs. Eagleton. Die beiden finden nur mehr die Leiche der alten Frau und werden verhört, wobei Seldom etwas von einem Zettel mit einem Kreis und Eagletons Adresse drauf erwähnt, den man ihm nach einem Vortrag zugesteckt habe. Dieses Stück Papier sei eine Art Warnung gewesen, die Seldom jedoch achtlos weggeworfen habe. Der Professor und sein Schützling vermuten einen Mörder, der sich intellektuell mit Seldom messen möchte (was ist das bitte für ein Motiv? Jemand, der nicht in die Welt von Oxford gelangen kann, mordet Leute, um einen arroganten Professor zu beeindrucken? Gibt es wirklich Akademiker, die so von Nicht-Studierten denken??) und dazu Symbole in einer logischen Folge anwendet, die es nun zu lösen gibt, bevor noch mehr Menschen sterben. Die Ermittlungen bestehen - trotz des reißerischen Titels - aus eineinhalb Stunden Geschleime, Gelaber und Gevögle - die grausame Lovestory zwischen Martin und einer Krankenschwester, die beim Sport aufeinander treffen darf ja nicht fehlen. Am Schluss stellt sich heraus, dass es gar keine Mordserie gab, sondern die Tochter der Vermieterin selbige umgebracht und mit Seldoms Hilfe die Leiche verschwinden lassen wollte, dieser jedoch von Martin überrumpelt wurde und fortan so tun musste, als handle es sich um einen Killer, der ihn beeindrucken wollte, um besser dazustehen. Dass der Großkotz im Film auch noch das letzte Wort hat, ist eine bodenlose Frechheit.

Gibt es also irgendetwas Positives an diesem 100-minütigen Disaster? In der Tat, das gibt es: relativ früh im Film ist ein wunderbarer One-Take zu bestaunen, der vom Universitätsgelände in eine Buchhandlung und schließlich zum Haus von Mrs. Eagleton sowie zu ihrer Leiche führt. Die mit Abstand besten fünf Minuten des ganzen Films. Die restlichen 19 Zwanzigstel der Laufzeit werden jedoch von grässlich klischeebehafteten Charakteren (der aggressive, saufende Russe, der den Mitbewohner von Martin mimt), für den Schauplatz in Südengland viel zu amerikanisch wirkenden Frauen (obwohl die eine Britin und die andere Spanierin ist... wer da wohl für die Kostüme verantwortlich war?), gewagter, aber deplatzierter musikalischer Untermalung aus dem Mittelalter, einem sichtlich gelangweilten Cast, Elijah Woods Rumgeschleime und John Hurts Arschloch-Gehabe überschattet. Besonders bitter dabei ist die Tatsache, dass die einzig interessante Figur des Films - Eagletons Tochter Beth - zur Selbstparodie verkommt, als sie irgendwann anfängt, grundlos durchzudrehen. Die ganze Zeit. Auch die öfter vorkommenden Erzählungen - etwa von Professor Seldoms ehemaligem Schützling Kalman, der den Verstand verlor und dessen Körper allmählich zerfiel - sind vollständig frei von irgendwelchen Emotionen, ebenfalls viel zu schnell runtergeleiert, um Atmosphäre aufkommen zu lassen, und viel zu schnell geschnitten. Überhaupt nimmt sich die Kamera absolut keine Zeit für Details, Fotografien werden kurz eingeblendet, bevor sie wieder im Nichts verschwinden. So ziemlich jedes Element, das einen guten Thriller ausmacht, wurde von der Regie und vom Drehbuch grandios versaut.

The Oxford Murders ist so etwas wie das Worst Case-Szenario der Literaturverfilmungen: viel zu schnell, emotional wie ein Stein, langweilig, fehlbesetzt. Auch als Thriller funktioniert das Werk vorne und hinten nicht, dazu wirkt es viel zu sehr wie eine Art braver Sherlock für alternde Uniprofessoren. Und von dem schönen Städtchen Oxford sieht man auch noch zu wenig. Selten so einen miesen Film gesehen.

1 von 5 (für den schönen One-Take)

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