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Kate Bush - The Kick Inside

EMI

Wenn man dem Gitarristen von Pink Floyd so sehr gefällt, dass man mit 16 bereits einen Labelvertrag bei EMI in der Tasche hat, dann muss man echt was draufhaben.

1978 herrschen der Punk und Disco in der Musikbranche, New Wave bahnt sich gegen Ende des Jahres bereits an (Blondie - Parallel Lines). Der Progressive Rock ist endgültig tot, lediglich wenige Bands wie Yes, Genesis oder Pink Floyd können sich mit Zugeständnissen an den Mainstream in den Charts halten. Vorhang auf für Kate Bush: deren Musik klingt weder sonderlich hart, noch erzählt sie die apathischen Geschichten der Talking Heads, nein: Kate Bush ist in erster Linie einfach Kate Bush, was später nahezu ein Genre für sich sein kann. 1978 steht sie jedoch noch am Anfang einer langen Karriere, die ganz traditionell von überraschender Hitsingle (Wuthering Heights, UK #1, DE #11, AT #17) sowie dazugehörigem, von der Single gepushtem Album The Kick Inside eingeleitet wird. Und um diesen Kick geht es heute.

Zwei Dinge fallen sofort auf, wenn man wie ich zuerst Hounds of Love gehört hat: zum Einen ist der Gesang auf Kates Debut wirklich sehr hoch, was mir die ersten fünf bis zehn Hörversuche auch enorme Probleme bereitet hat, denn dieser hohe Vortrag, der zuweilen fast ins Schrille übergeht, ist extreme Geschmackssache. Außerdem startet die Platte im Gegensatz zu den späteren, von der ungekrönten Queen of (Alternative) Pop selbst produzierten Scheiben, nicht mit der großen Hitsingle (etwa Hounds of Love mit Running Up That Hill oder The Red Shoes mit Rubberband Girl), sondern mit einem beinah-Album-only-Track, nämlich Moving (der jedoch in Japan als Single erschien). Dieser nimmt mit seinen Walgesängen am Beginn bereits den von Naturphänomenen beeinflussten Sound der späteren Alben (I'm looking at you, The Dreaming) vorweg und dient laut Angaben der Sängerin selbst als Hommage an deren Tanz- und Pantomimelehrer Lindsay Kemp, welcher auch David Bowie unterrichtete. Der Song fließt nahtlos in den Saxophone Song, meinen Favoriten des Erstlings von La Bush, über, der sich irgendwo zwischen melancholischem Folk Rock und den enorm prätentiösen Arbeiten von Supertramps Breakfast in America bewegt, dabei jedoch stets eine grazile Eigenständigkeit wahrt und einfach nur schön anzuhören ist. Ähnlich eigentlich auch weitere Stücke wie Strange Phenomena und Oh To Be In Love, die das Hauptsujet von The Kick Inside gut wiedergeben: weibliches Körperbewusstsein im Zusammenhang mit fleischlicher und/oder sinnlicher Liebe - It could be love or it could just be lust but it will be fun. Ein weiteres Highlight des Albums ist auch Kite, das wie die liedgewordene Beschreibung eines schlechten Drogentrips klingt und in einem funkigeren Gewand als der Rest der insgesamt 13 Songs daherkommt. 

Dann kommen wir schließlich zu den beiden bekanntesten Songs des Erstlings von Kate Bush: The Man With the Child In His Eyes präsentiert die Protagonistin in einer bereits natürlicher klingenden Stimmlage, die ab 1980 zunehmend an Präsenz in ihren Songs gewinnen sollte. Auch metaphorisch haben wir hier ein aufregendes Stück, das sich durch einen ungewöhlich tiefgreifenden Anstrich deutlich vom Rest des sonst oft etwas naiv anmutenden Albums abhebt. Die Erklärung des Songs lieferte die Sängerin selbst 1979 in der BBC-Kindersendung Swap Shop: It's something I feel about men generally - they're grown-up kids... and that's a positive quality: to keep the joy about wonderful things that children have... the man can communicate with the young girl because they are on the same level. Mit dieser eigenen Beobachtung und der lyrischen Konsequenz, mit welcher sie an den Hörer herangetragen wird, hebt sich The Man With the Child In His Eyes von Stücken wie der Menstruationsmetapher Strange Phenomena und dem schwärmerischen L'amour looks something like you in psychologischer Bedeutung und musikalischer Brillanz ab.
Wuthering Heights als der große Hit, der der Sängerin den internationalen Durchbruch bescherte, bereitet mir immer noch Probleme, obwohl ich ihn inzwischen relativ gerne höre - der hohe Gesang erreicht hier seinen Höhepunkt und nicht umsonst nahm Kate Bush die Vocals für ihre Best-of The Whole Story 1986 neu auf - der tiefere, sinnliche Gesang tut der Neuaufnahme bis heute sehr gut; auch die Sängerin selbst befand das Original für der Originalvorlage nicht gerecht. Der Text basiert natürlich auf Emily Brontës Wuthering Heights und fängt das Drama um Cathy und Heathcliff gekonnt ein... vor allem in der Neuaufnahme. Musikalisch wird hier deutlich, was an Kate Bushs ersten beiden Platten, die noch von Fremdproduzenten gesteuert und mit Druck auf den Markt gebracht wurden, im Vergleich zu ihrem späteren Output fehlt: denn die musikalische Untermalung des Textes hätte gerade bei diesem Drama in den nebelverhangenen, einsamen Sümpfen Yorkshires, die im Buch als a perfect misanthropist's dream bezeichnet werden, mehr Eigenständigkeit, mehr ganz eigenes Drama nötig gehabt. Und auch, wenn der Song von einer 14-jährigen Kate Bush geschrieben wurde, ohne den Druck von dritter Seite hätte sie Wuthering Heights vor der Aufnahme garantiert nochmals überarbeitet - zumindest scheint es mir angesichts der Gewagtheit ihrer späteren Instrumentierungen sehr wahrscheinlich. 

Es geht in einer ähnlich oft süßen und schönen, manchmal aber etwas hinter dem Möglichen zurückbleibenden Manier weiter, lediglich mit James and the Cold Gun findet sich ein etwas rockigerer Song auf dem Album - diese Absenz härterer Töne stört mich jedoch auch nicht wirklich. Them Heavy People ist dann nochmals im Refrain freier und experimenteller - vorrausschauend - und ist ein weiteres Highlight von The Kick Inside, das dann auch mit dem Titelsong endet.

Kate Bushs Debut ist ein in jedem Fall grundsolides, oft sogar sehr gelungenes Album mit 13 bezaubernden Stücken, die jedoch von noch mehr Kontrolle der Sängerin selbst profitiert hätten. Und auch, wenn ich da in der Minderheit bin: der Nachfolger Lionheart, der in für Kate Bush eigentlich viel zu kurzer Zeit binnen sechs Monaten entstand, gefällt mir eine Spur besser - allein schon wegen des absoluten Übersongs Wow. Dennoch bereitet auch The Kick Inside beim Hören viel Freude - macht gute vier von fünf Punkten für das Erstlingswerk meiner Lieblingssängerin.


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