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Ein Mann, vom Krieg entzwei gerissen: Lawrence von Arabien (1962)

Columbia Pictures

Mut. Mut, das ist - nach Definition des Duden - die Furchtlosigkeit angesichts einer Situation, in der man Angst haben könnte. Aus Mut entspringen große Taten. Aus großen Taten entspringen Legenden. Thomas Edward Lawrence, besser bekannt als Lawrence von Arabien, wurde schon zu Lebzeiten zu einer Legende hochstilisiert - unzählige Mythen ranken sich um den Beamten des britischen Nachrichtendienstes in Kairo, der die arabischen Stämme vereinte und in den Aufstand gegen das Osmanische Reich führte. Doch was, wenn auch am Ende einer solchen Legende nur ein Mensch steht? Einer, der sich im Verlaufe des Krieges immer mehr in der Wüste und damit in sich selbst verliert?

David Leans Epos beginnt ganz am Ende eines Heldenlebens: eines Tages fährt Lawrence mit seinem Motorrad aufs Land. Nach einigen Meilen kommt ihm ein Radfahrer entgegen, Lawrence muss ausweichen und kommt von der Strecke ab. Im Bild: seine Pilotenbrlle, traurig im Gestrüpp hängend. Der große Kriegsherr stirbt ausgerechnet bei einem unspektakulären Motorradunfall. Dieser - für ein oft als "Heldenepos" deklariertes Werk sehr ungewöhnlicher - Anfang wirft bereits erste Schatten auf die Legende. Einige Stimmen von Weggefährten geben dann den Rahmen für die eigentliche Spielhandlung: 1916 ist T.E. Lawrence noch gewöhnlicher Leutnant der britischen Armee und dient beim Nachrichtendienst in Kairo. Er ist für seine hohe Schulbildung aus Oxford sowie sein selbstbewusstes, als unhöflich empfundenes Verhalten bekannt und bei seinen Vorgesetzten nicht eben beliebt. Was ihm allerdings angerechnet wird, ist seine außerordentliche Intelligenz. Deswegen soll er als eine Art Mittelsmann die Lage beim arabischen Prinzen Faisal, der sich im Krieg mit dem Osmanischen Reich befindet, überprüfen - das British Empire hegt nämlich selbst ebenfalls Interesse am Gebiet des Sultans. So macht sich Lawrence in Begleitung eines Beduinen auf den Weg zum Lager des Prinzen. Auf der Reise dorthin tritt erstmals der wahre Hauptdarsteller des Filmes in Erscheinung:

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Die Wüste. Diese riesige, unberechenbare Sandlandschaft, in der nur vereinzelt Menschen anzutreffen sind, ist der Schauplatz, welcher der Charakterstudie über den Mythos Lawrence Platz gewährt. Sie entwickelt in den Bildern von Frederick Young, unter der Regie David Leans und mit der epischen Filmmusik von Maurice Jarre ein geheimnisvolles, bedrohliches, wechselhaftes Eigenleben, dessen Präsenz den Film maßgeblich beeinflusst. Auf seinem Feldzug muss der Protagonist die Extreme dieser Landschaft kennen und mit ihnen umzugehen lernen; er gerät in Sandstürme, verliert treue Begleiter an den Treibsand und erkennt die lebenswichtige Bedeutung von Wasser in einer solch unwirklichen Welt. Unter diesen extremen Bedingungen wächst ein Mensch oft weit über sich hinaus. Und so bezwingt Lawrence nach einigen Unterredungen mit dem arabischen Prinzen die Nefud, eine Wüste, die selbst von den Beduinen als unbezwingbar angesehen wird, um die Stadt Aqaba, einen wichtigen Hafen der Osmanen, vom Land aus einzunehmen - ein Angriff über das Meer wäre wegen der osmanischen Kanonen Selbstmord. Mit fünfzig Mann reitet Lawrence Tag und Nacht durch das unwirtliche Land, um schlussendlich auch noch den Stamm der Howeitat, welcher von den Osmanen für die Nutzung Aqabas bezahlt wird, für den Feldzug zu gewinnen und auf die Befestigung vorzurücken. Eines morgens stürmen die Araber die Hafenstadt und nehmen sie im Überraschungsangriff ein.

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Mut. Das ist auch, einen solch aussichtslosen Kampf zu führen und ihn tatsächlich zu gewinnen. Nun haben die Stämme unter der Führung eines britischen Leutnants, der bis vor kurzem noch beim Nachrichtendienst seine Sporen verdient hatte, einen wichtigen Stützpunkt der Osmanen erobert. Ihr Anführer reist durch die Sinai zurück, um sich von den Briten Munition und Gold zu sichern, mit denen er die habgierig gewordenen Teile der Stämme bei Laune halten möchte. Auf dem Weg nach Kairo versinkt einer seiner Begleiter im Treibsand. Mit dem zweiten Begleiter setzt Lawrence die Reise jedoch fort und erreicht das britische Hauptquartier. Als er vom Angriff auf Aqaba erzählt, wird sowohl ihm als auch dem Zuschauer bewusst, dass Lawrence verändert wurde - er berichtet davon, wie er einen seiner Anhänger nach einem Diebstahl erschießen musste, jedoch: Ich hab' es genossen. Kurz darauf folgt die Pausenmusik - das Ende des ersten Akts besiegelt gleichzeitig das Ende des "alten" T.E. Lawrence, der nun zwischen zwei Fronten kämpft, die Araber immer vehementer in den Krieg peitscht und sich dabei immer weiter von den Befehlen seiner Heimat und sich selbst entfernt.

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Im zweiten Akt des Films wird der inzwischen zum Major beförderte Lawrence bereits als eine Art Übermensch vorgestellt, der mit den Arabern einen unbarmherzigen Guerillakrieg gegen die Osmanen führt. Zunehmend entfernt er sich dabei auch von seinen Untertanen, die ihn zuvor noch vergöttert hatten - in zunehmend dunkler gehaltenen Aufnahmen werden nun Anzeichen von Wahnsinn und Resignation ersichtlich - der Krieg wird immer erbarmungsloser, doch aus welchem Grund eigentlich? Die Araber vermuten nach wie vor britische Interessen am Gebiet des Sultans und Momente wie das Massaker an den fliehenden Osmanen, welche Lawrence nach Strich und Faden auseinandernehmen lässt, kosten den Kriegsherrn einiges an Prestige und Vertrauen. Die Entfremdung dieser beiden Parteien erreicht ihren Höhepunkt, als Lawrence - sich selbst mittlerweile für unfehlbar und unbesiegbar haltend - in eine osmanische Stadt schleicht. Dort wird er erkannt, festgenommen, gefoltert und möglicherweise vergewaltigt. War das erste Stadium von Lawrences Bewusstsein noch die des pflichtbewussten, souveränen Engländers, so war das zweite Stadium jenes des brutalen Guerillaführers, der Züge in die Luft sprengte und Spaß an der Gewalt fand. Nach der Folter durch die Schergen des Bey von Deraa erreicht er nun das letzte Stadium: Desillusion. Er kehrt gebrochen nach Kairo zurück, um sich zur Ruhe zu setzen. Doch er soll für den Sturm auf Damaskus eingesetzt werden und entschließt sich dazu, die Stadt vor den Briten einzunehmen, um den Arabern ihre Unabhängigkeit zu gewähren. Von einer Mischung aus Hass und Bedauern getrieben, stürmt er Damaskus und schafft es, mit den Arabern die Stadt einzunehmen. Doch als es darum geht, sich unter den verschiedenen Stämmen zu verständigen, um eine funktionierende, unabhängige Regierung zu bilden, scheitern die Araber kolossal. Sie müssen Damaskus den Briten überlassen und zerstreuen sich, Lawrence kehrt niedergeschlagen zurück in die Heimat.

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Ich habe es bereits angedeutet und ich sage es gerne nochmals in aller Deutlichkeit: Lawrence von Arabien ist ganz sicherlich kein Heldenepos. David Leans episches Historienspiel ist vielmehr die Charakterstudie eines Mythos, einer Legende, die während des harten Krieges in der Wüste ihrer Ideale beraubt wurde. War es für Lawrence anfangs noch ein Vergnügen, zum Prinzen zu reisen und ihn militärisch zu beraten, so muss er im Verlauf des Films zunehmend erkennen, dass selbst die größten Bemühungen oft völlig fruchtlos bleiben. Die von ihm angeführten Araber sind zwar starke Krieger, doch sind sie im Nachhinein unfähig, untereinander Willensfreiheit und Unabhängigkeit von den Briten zu kommunizieren. Dabei - und das ist für einen Film aus jener Zeit ebenfalls ein Unikum - werden die Araber jedoch nicht als unzivilisierte Barbaren dargestellt. Sie beziehen selbst Stellung zu den Klischees, die sie über ihr Volk kennen, weisen Lawrence in ihr Leben ein und begeistern ihn sogar für ihren ungebrochenen Nationalismus, der jedoch im Film nicht so übertrieben wie in vielen moderneren Produktionen dargestellt wird - vielmehr stehen hinter dem Nationalismus der Stämme Vorstellungen von Ehre, von Macht und von Wohlstand. Das einzige Problem an diesem Faszinosum - und das ist genau der Punkt, der den Protagonisten des Films so aus der Bahn wirft - besteht in der Unfähigkeit, die scheinbar sichere Unabhängigkeit sinnvoll zu planen und damit ein friedvolles Zusammenleben von Vertretern aller arabischen Stämme zu ermöglichen. Wenn man Wert darauf legt, Lawrence von Arabien zu politisieren, wie es die moderne Kritik ohnehin ständig mit allen möglichen Kunstwerken zu tun gedenkt, so könnte man sagen, der Film sei eine Parabel auf die Neuordnung Europas durch die Alliierten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, welche besonders zwischen den USA und der Sowjetunion beinahe zum nächsten bewaffneten Konflikt geführt hätte. Aber seis drum: Lawrence von Arabien ist ein Historienepos im wahrsten Sinne des Wortes, welches mir erneut bewiesen hat, wieso ich lange Filme einfach so gerne habe: die Handlung kann sich genüsslich aufbauen, während die 70-mm-Super Panavision-Aufnahmen den Zuschauer vollends gefangen nehmen. Ich habe selten so einen wunderschön photographierten Film gesehen. Die Musik von Maurice Jarre tut ihr Übriges: bombastisch und erhaben dröhnt sie aus den Boxen und gibt einem das Gefühl, Teil von etwas ganz Besonderem zu sein. Und dafür braucht ein Film nun einmal seine Zeit: mit Ouvertüre, Entr'acte und  Schlussmusik dauert Lawrence von Arabien weit mehr als dreieinhalb Stunden - in Kinolänge umgerechnet etwa 222 Minuten  oder 7.6 Kilometer Filmband. Und keine Minute ist hier umsonst. Lawrence von Arabien ist ein großer Film über einen großen Mythos. Ein Film aus der Pionierzeit Hollywoods, in der ein Filmdreh ein echtes Abenteuer war und sämtliche Szenen handgemacht wurden - weit vor CGI wurden hier realistische Zugüberfälle auf Film gebannt und mit Millionenbudget entstand ein beeindruckender Film im teuersten Format der Kinogeschichte: in glorreichem Super Panavision 70, nur für absolute Prestigeproduktionen verwendet und wohl das breiteste Filmformat aller Zeiten mit Seitenverhältnissen von bis zu 2.76:1. Es war eine Zeit, in der Film etwas absolut Außergewöhnliches war, etwas Spektakuläres, ein Erlebnis. Auch davon erzählt dieser Film. Und das berührt mich fast genauso wie die Wandlung seines Helden zum gescheiterten Hoffnungsträger eines ganzen Volkes. Ein absolut einmaliges Stück Geschichte und absolute Pflicht für jeden, der auch nur etwas Liebe für das Kino in sich spürt.

Seine Zeit ist gekommen. Es steht geschrieben.

Nichts steht geschrieben.




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