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Kate Bush - Never For Ever

EMI/Kate Bush
Nach der gestrigen Lionheart-Rezension schreiten wir nun chronologisch vor zu Kate Bushs drittem Album, ihrem ersten 80er-Output und dem stilistisch womöglich bedeutendsten Album: Never For Ever, erschienen im September 1980.

Gleich vorweg: dieses Album hat in England Geschichte geschrieben, denn Kate Bush wurde die Ehre zuteil, die erste Frau zu sein, die mit einem Studioalbum auf Platz Eins der Charts in England landen sollte. Gefördert wurde dies wohl wesentlich durch den Opener Babooshka, der gleichzeitig die große Hitsingle der Platte wurde. Eine gehörige Portion Minimalismus, die noch viel deutlicher hervortritt als auf den beiden Vorgängern, begleitet das Stück, welches von einer Frau handelt, die die Liebe ihres Mannes erproben möchte und sich als eine Idealversion von sich selbst (die Babooshka) ausgibt, womit sie jedoch erst Recht alles zerstört - Erklärung der Künstlerin selbst findet sich übrigens auch hier. Mit dem brechenden Glas gegen Ende wird klar: Katey hat den Fairlight Synthesizer für sich entdeckt - diesen borgte sie sich übrigens von Peter Gabriel, der ihn sich wenige Monate zuvor für die Produktion seines großartigen Peter Gabriel III anschaffte.

Kate Bush am Fairlight CMI (Quelle: news.ch)
Mit diesem neuen Spielzeug fand Kate Bush die Möglichkeit, ihrer Musik die notwendige Vielschichtigkeit zu verleihen, um die gewünschte Atmosphäre zu erzeugen. Und so geht Babooshka nahtlos in Delius (Song For Summer) über, der dem Komponisten Fredeick Delius Tribut zollt und ansatzweise über dessen spätes Leben erzählt (oh, he's a moody old man). Ähnlich schwer geht es mit Blow Away weiter, das für mich von allerhand toten Musikern handelt - Erwähnungen von Buddy Holly und Sid Vicious können einfach keine Zufälle sein - gleichzeitig besingt Bush auch transzendente Musikererfahrungen, etwa vibes in the sky invite you to dine; eine herrliche Art, den Entstehungsprozess von Musik zu besingen. All We Ever Look For ist melodisch wohl mein absoluter Liebling dieses Albums, herrlich andersartig und dabei federleicht mit einer Stimmlage, die perfekt zwischen Kates früher Höhe und der späteren Laszivität balancieren kann. Ich würde überhaupt dazu neigen, zu sagen, Never For Ever sei ein Übergangsalbum zwischen den märchenhaften Kick Inside und Lionheart sowie den späteren, sehr düsteren und gereiften The Dreaming oder The Sensual World. Sozusagen ein best of both worlds. Dann kommt mit Egypt ein besonders rätselhaftes Lied, das irgendwo zwischen Liebeserklärung und böser Satire genau diese so wichtige künstlerische Übergangsphase widerzuspiegeln vermag - zärtlichen Sentenzen wie Oh I''m in love... with Egypt stehen kritischere Töne wie etwa I'm busy chasing up my demon entgegen - all das vollgepackt mit Synthie-Spielereien, Polyphonien und Fairlight-Samples von klackernden Stöckelschuhen. Kate Bush muss eine wahre Freude daran gehabt haben, mit dem Computer Musical Instrument herumzuspielen und die Musik ihren Vorstellungen gemäß zu formen - war sie doch an Never For Ever erstmals maßgeblich als Co-Produzentin beteiligt.

BBC/EMI/Kate Bush
Mit The Wedding List und Violin folgen abermals zwei Favoriten - ersteres beweist nur erneut Bushs Vorliebe für Filme mit einer Nacherzählung eines französischen Films namens Die Braut trug schwarz von François Truffaut (Sie küssten und sie schlugen ihn), der von der Rache einer Frau handelt, deren Mann bei der Hochzeit von Attentätern erschossen wird. Violin ist dafür ein wunderbar schräger Rocker, der Bushs Ursprünge als Frontfrau einer Pub-Band mit ihrem Bruder Paddy deutlich hervorhebt - laut, schrill, lustig ist der Song eine sehr eigenartige Liebeserklärung an die Geige - inklusive Namedropping (etwa Nicky Paganini) und sehr, sehr auffälligem Refrain. Unbedingt mal reinhören! The Infant's Kiss/Night Scented Stock, ebenfalls Nacherzählung eines Filmes namens Schloß des Schreckens, greift bereits eine Vorliebe für sehr hintergründig anschwellende Melodien vor, eine Eigenschaft, welche besonders auf Kates Meisterstück The Dreaming zur Perfektion geführt werden sollte und verdammt, verdammt viel Atmosphäre in die Songs bringt mit den ganzen tiefen Streichern und geschickt eingesetzter Polyphonie. Wirklich wie ein Filmsoundtrack! Lediglich das Anhängsel, eben Night Scented Stock, wirkt mir leicht überflüssig - hätte es die vierzig Sekunden Vokalspielerei wirklich gebraucht, Kate? Als Einführung für Army Dreamers, könnte sie sagen, und hätte damit vermutlich sogar recht. Genannter Song ist eine Art Walzer mit Nachladesamples, der - erneut in polyphonischen Gesang von Kate herself gekleidet - von der Sinnlosigkeit eines Krieges und den Träumen, die ein Krieg zerstören kann, erzählt: What could he do? Should've been a rock star. Das Lied ist verdammt beklemmend und ziemlich unangenehm - genau die beabsichtigte Wirkung, darf ich einmal annehmen. Auch das Musikvideo mit Kate Bush in Tarnfarben und mit Soldatenhelm tut sein Übriges - starke Präsentation einer starken Nummer und ganz sicher eines der ganz großen Stücke auf Never For Ever (zumal ich in diesem Musikvideo erstmals gesehen habe, das Kate Bush ebenfalls braune Augen hat).

EMI/Kate Bush
Breathing bildet nun das große Mysterium zum Schluss - Atomkrieg? Geburt? Abtreibung gar? Man ist sich über den Text des Liedes nicht ganz sicher und da mir im Augenblick kein Kommentar der Sängerin selbst einfällt, lasse ich den Inhalt einmal weitgehend unkommentiert, nur so viel von meiner Seite: ich finde den Atomkrieg passend, denn auch die gesprochene Bridge weist auf Derartiges hin. Musikalisch erinnert Kates Abschluss ihrer dritten Platte mit ewig langgezogenen Fragen aus dem Background (What are we goooooing to dooo?) rapide an Supertramps Breakfast In America, welches im Vorjahr erschienen war, besonders an das Stück Child of Vision, welches ebenfalls das Album beschloss - extrem in den Vordergrund gemischte Gitarrenparts und wuchtige Drums eingeschlossen. Epischer Abschluss, wie er auf so ein bedeutsames Album passt wie die Faust aufs Auge. So bleibt dem Zuhörer mit Never For Ever im Vordergründigen die märchenhafte Traumwelt von Bushs ersten beiden Platten erhalten, die jedoch in den feinen Details ungemein vom Fairlight getragen wird und den Sound viel breiter kommen lässt, auf die gewaltigen Soundwelten des Nachfolgealbums The Dreaming vorausschauend. Bis auf das leicht unnötige Night Scented Stock lieferte meine Lieblingssängerin mit ihrem dritten Album ein mutiges Werk ab, welches sich enorm von den sehr girlie-haften Vorgängern unterscheidet und das Gesamtkunstwerk Kate Bush in die Richtung tragen sollte, welche ihr fünf Jahre später mit Hounds of Love den endgültigen globalen Durchbruch bringen sollte. Essentielles Album einer großartigen Frau. 4.5/5

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