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Kate Bush - The Sensual World

Fish People
Es muss verdammt schwer sein, auf einen künstlerischen und kommerziellen Erfolg einen qualitativ ebenbürtigen Nachfolger entstehen zu lassen. Der öffentliche Druck und die Erwartungshaltung der Fans sind etwas, woran viele Regisseure, Autoren und Musiker zu scheitern scheinen - siehe etwa die heftige Kritik, die Michael Cimino für seinen Deer Hunter-Nachfolger Heaven's Gate zuteil wurde. Doch Kate Bush wäre nicht Kate Bush, die Frau, die ich so verehre, wenn sie das nicht mit Bravour geschafft hätte: auf Hounds of Love folgte, vier Jahre später, 1989 The Sensual World - und auf Geniestreich folgte, tja... der nächste Geniestreich.

Besonders schwer sind Literaturumsetzungen in Liedform. Und ganz besonders schwer, wenn man sich als zu besingenden Roman Ulysses von James Joyce ausgesucht hat. Doch genau damit beginnt das insgesamt sechste Studioalbum der Britin: mit einem Quasi-Zitat des Höhepunkts von Molly Blooms 75-seitigem Monolog, der Ulysses beendet. Diesen hatte Bush in Form einer Lesung gehört und war so fasziniert davon, dass sie den Text unbedingt in einem Song unterbringen wollte. Da die Joyce-Erben ihr die Rechte jedoch nicht verkaufen wollten, dichtete sie das Ganze etwas um: aus I put my arms around him yes and drew him down to me so he could feel my breasts all perfume yes wurde etwa he loosened it so if it slipped between my breasts he'd rescue it, mmh, yes. Macht aber nichts, denn der Originaltext scheint klar durch und selbst wenn er es nicht täte: der Song ist einfach absolut genial, er ist geheimnisvoll, durchzogen von lasziven Untertönen und damit sehr verführerisch sowie erotisch, ohne im Entferntesten vulgär zu wirken - die Melodieführung mit Dudelsäcken tut da ihr Übriges. Das Musikvideo, in dem Bush mit einem mittelalterlich anmutenden englischen Kleid bekleidet ist und durch einen nächtlichen Park tanzt, hebt das Lied auf ein komplett neues Level der Anziehungskraft. Ich denke, es ist gerechtfertigt, zu sagen, dass ich The Sensual World für den besten Song einer Karriere voller fantastischer Stücke halte. Ganz großes Kino und ein wahrer Leckerbissen für den Musikliebhaber.

EMI/Fish People
Mit Love and Anger folgt gleich der einzige Durchhänger des Albums, kann er doch einfach die enormen Erwartungen, die der Opener gesteckt hat, nicht wirklich erfüllen und klingt auch fast ein bisschen... langweilig. Die aufgebaute Stimmung der ersten vier Minuten der Platte wird dadurch ziemlich gedämpft, aber zum Glück ist das auch der einzige wirklich mittelprächtige Song auf der CD, denn direkt darauf beweist die Frau mit dem atmosphärischen The Fog, dass sie es nach wie vor versteht, höchst anspruchsvollen und sphärischen Prog-Pop zu gestalten, der genauso gut auf Hounds of Love beziehungsweise auf dessen zweite Seite, die Ninth Wave-Suite, gepasst hätte. Auch Reaching Out, ein Lied über die zwanghafte und oft vergebliche Wunscherfüllung der meisten von uns, schlägt eine ähnliche Richtung ein, bevor La Bush in Heads We're Dancing ihren Sinn für Skurriles und schwarzen Humor mit einer Prise Bitterkeit beweisen darf. Sie tanzt mit einem Unbekannten - nur um am Ende der Nacht beim Blick auf die Morgenzeitung festzustellen, dass der so tanzgewandte Gentleman Adolf Hitler selbst gewesen ist. Der wabernde Bass und die Percussion verleihen dem Stück eine Art überirdisches Charisma, dem man sich nicht entziehen kann. Zweites großes Highlight neben dem Titelsong ist Deeper Understanding, das in unterkühlter 80er-Drumkit-Stimmung die Entfremdung im beginnenden Informationszeitalter treffend mit Zeilen wie I was lonely, I was lost without my little black box umschreibt und heutzutage in der Smartphone-Ära womöglich aktueller denn je ist. Between A Man and A Woman besitzt einen überaus eleganten 60er-Vibe und erinnert mich vehement an einen anderen Song aus dieser Zeit - ich habe nur absolut keinen Plan, an welchen. Anyway, auch Never Be Mine und die Glam-Nummer Rocket's Tail sind großartige Stücke, die durch das bulgarische Frauentrio Trio Bulgarka veredelt werden, bevor mit This Woman's Work das dritte Wahnsinnshighlight auf den Hörer losgelassen wird - das ist einfach so ein schönes, berührendes, zutiefst emotionales Lied mit dem wunderbarsten aller Kate Bush-Refrains (I know you got a little life in you yet/I know you have a little bit of strength left)  und einem erneut höchstemotionalen Video, das mit ihr, in Schwarz am Klavier sitzend, beginnt und schließt. Dazwischen wird eine dramatische Geschichte um die Ängste eines Mannes um den Zustand seiner Frau erzählt - Gänsehaut.

EMI/Fish People
Die original-LP endet dann auch mit den letzten sanften Tönen dieser tiefgehenden Ballade. Auf der CD folgt mit Walk Straight Down the Middle ein letztes Aufwallen der sphärischen Tribalgesänge, die vergangene Bush-Alben so geprägt haben, eingebettet in eine angenehm minimalistische Produktion. Und mit der Suche nach Balance im Leben endet auch die CD von The Sensual World sehr Bush-typisch und angenehm. So ist der Künstlerin auch mit The Sensual World ein großer Wurf gelungen, der vor allem in der Inszenierung ihrer Messages von einer gewissen hinzugewonnenen Reife zeugt - vorbei die oft noch quirlig-experimentellen Stücke wie Violin oder das leichtfüßige Tänzeln durch die Wuthering Heights, auf The Sensual World strahlt Kate Bush vielmehr eine bis dahin nur selten gezeigte Eleganz, vielleicht sogar Erhabenheit aus, die sie umso mystischer und reizvoller erscheinen lässt. Waren also ihre ersten drei Alben für mich höchstens im guten bis sehr guten Bereich, kann ich für alles ab The Dreaming die Höchstwertung ziehen. Und so auch für The Sensual World - trotz der kleinen Schwäche gegen Anfang.

Give me these moments
Give them back to me
Give me that little kiss
Give me your talking hands

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