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Wer ist wer, und wer ist Keyser Söze? - Die üblichen Verdächtigen (1995)

Columbia Tristar
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Und wenn uns der spätere X Men-Regisseur Bryan Singer anno 1995 eines lehren wollte, dann, dass nichts so ist, wie es scheint und dass jeder diesem tödlichen Spiel von Wahrheit und Lüge zum Opfer fallen kann - auch, ohne es zu wissen. Verhaften Sie Die üblichen Verdächtigen!

Die fünf amtsbekannten Gauner Fred Fenster (Benicio del Toro), Todd Hockney (Kevin Pollak), Dean Keaton (Gabriel Byrne), Verbal Kint (Kevin Spacey) und Michael McManus (Stephen Baldwin) werden im Zusammenhang mit dem Überfall auf einen Waffenteiltransporter auf einer New Yorker Polizeiwache verhört. Während der anschließenden Nacht lernen sich die Gangster kennen und beschließen, sich für einen Job, von dem McManus gehört haben will, zusammen zu tun. Nach der Entlassung kümmern sich die fünf um einen Taxitransfer von korrupten Polizisten, die einen schweren Drogenhändler sicher durch die Stadt transportieren sollen. Kint setzt seinen Plan - kein Blutvergießen - durch und so gelingt es den Gangstern, die Drogen und das Geld an sich zu nehmen sowie die Polizisten festnehmen und zu einem großen Medienskandal werden zu lassen. Kints Talent spricht sich rum, die Jungs geraten an immer mehr Jobs und ohne es zu wissen, geraten sie immer tiefer in den Strudel des mysteriösen Keyser Söze, von dem die fünf schließlich einen Auftrag erhalten, der ihren sicheren Tod bedeutet...

Columbia Tristar
Das klingt ja zunächst nach einer relativ gewöhnlichen Thrillerhandlung und so mancher Leser wird sich nun fragen, wieso ich in der Einleitung mit Vertrauen und Lüge um die Ecke komme. Aber wartet nur: wohl fast alle, die gerade diese Zeilen lesen, dürften mit Martin Scorceses Shutter Island vertraut sein, einem Film also, der einem ständig vorgaukelt, irgendwas zu wissen, nur um dann doch noch alles über den Haufen zu werfen und sein Publikum irgendwann vollständig am Erzählten und vor allem an der Perspektive des Erzählten zweifeln lässt. Die 90er waren voll von Filmen, die so funktionieren und eines ihrer Pionierwerke ist nun einmal Die üblichen Verdächtigen. Die Rahmenhandlung bildet nämlich das Verhör Verbals durch den Zollinspektor Kujan (Chazz Palminteri), dem die Straffreiheit, welche Kint genießt, ziemlich verdächtig vorkommt (Ich schwör's dir, dieser Junge wird von ganz oben beschützt, vom leibhaftigen Teufel!) und der ihn nach einer großen Schiffsexplosion letzte Nacht unbedingt zum Reden bringen will. Und so erzählt Kint: vom Verhör in New York, dem Überfall auf die korrupten Bullen, ihrem Boss Redfoot aus L.A. und von Keyser Söze. Dieser Name kommt bereits beim Kennenlernen der fünf Gangster vor und zieht sich wie ein roter Faden durch den ganzen Film. Der Ungar, der nach der großen Schiffsexplosion parallel zu Kints Verhör aus dem Koma erwacht und befragt wird, dient als entscheidendes Zahnrad für die Entlarvung der Unzuverlässigkeit des Erzählten: er fängt an, Keyser Söze zu brüllen und als Kint von Kujan die über dem ganzen Film wie ein Damoklesschwert schwebende Frage Wer ist Keyser Söze? gestellt bekommt, schreit er Ah, Scheiße! Und da beginnt er wieder von neuem, alles noch eine Spur detaillierter zu erzählen (Überzeugen Sie mich!) und anschaulich zu schildern, was für eine große Macht und Angst Keyser Söze in der Unterwelt ausstrahlt (Ich persönlich glaube an Gott, und das Einzige, wovor ich mich fürchte, ist Keyser Söze), wie tief die Fünfergruppe in den Sog Sözes hineingeriet (ohne es zu ahnen) und wie das alles in dem Job, den keiner überleben konnte, mündete: dem Überfall auf ein Schiff mit 91 Millionen Dollar und einem Haufen Koks an Bord.

Columbia Tristar
Was den Film dabei so wunderbar am Laufen hält, das ist die offensichtlich sehr detailreiche, absolut stimmige Erzählung des Krüppels Verbal Kint. Auch, dass bereits erste kleinere Zweifel aufkommen, mit denen der Film spielt wie mit einem Ball, den man immer und immer wieder gegen die Wand wirft, bis er einen am Kopf trifft, beweist die unheimliche Stärke des Oscar-prämierten Drehbuchs von Christopher McQuarrie: immer weiter wird man in die Irre geführt und gerade, als die große Auflösung präsentiert wurde, dreht sich alles noch einmal komplett. Auf diese Details gehe ich, für den Fall, dass jemand den Film noch nicht gesehen hat, nicht ein, nur soviel: beim erneuten Ansehen werden erst die kleinen Hinweise auf die Auflösung deutlich und die Art und Weise, wie versteckt diese zum Teil sind und wie clever der Film aufmerksame Zuschauer scheinbar belohnt, um auch sie dann wieder und wieder abzulenken und in die Irre zu führen, ist wirklich phänomenal gelungen. Einen wichtigen Beitrag dazu leisten auch die Schauspieler, die allesamt ihren Charakteren enorm viel Leben einhauchen und sie trotz der oft sehr überspitzten Dialoge nie ins Lächerliche abgleiten lassen. Besonders Kevin Spacey als Verbal (Oscar als bester Nebendarsteller) und Chazz Palminteri als Zollinspektor David Kujan spielen ihren sich immer mehr zuspitzenden und enorm von Misstrauen und Verdacht getragenen Dialog auf der Polizeistation, als ginge es dabei um Leben und Tod - vor allem Kevin Spacey war zum Zeitpunkt des Drehs bereits bestens mit Dialogfilmen vertraut, so verkörperte er 1992 in Glengarry Glen Ross den Boss einer Immobilienkanzlei, aus der über Nacht die Daten luxuriöser Anwesen entwendet wurden und durfte sich dabei mit Größen wie Jack Lemmon, Al Pacino und Alec Baldwin einen verbalen Schlagabtausch liefern. Oft sehr intime Kamerabilder des Verhörs, überhaupt aller Dialogszenen, verleihen Singers Film unheimlich viel Atmosphäre. Dann ist da noch der Mythos des Keyser Söze, der den ganzen Film lang mit allen möglichen Attributen beschrieben wird (Sie könnten für ihn arbeiten, ohne die leiseste Ahnung davon zu haben) und die Frage nach dessen Identität zuerst die Gangster, dann Kujan und schließlich auch das Publikum fesselt und die die ganze Erzählung immer weiter ins Verderben und den Zweifel stürzt. Die nonlineare Struktur des Filmes - sie springt zwischen Erzählung und Erzähltem unberechenbar hin und her - tut ihr Übriges, um Die üblichen Verdächtigem zu großartigem Thrillerkino mit etwas Anspruch zu machen und führt letzten Endes auch zu einer weiteren filmischen Höchstwertung von mir.

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