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Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (1981)

Constantin

Dann sind wir Helden... für einen Tag...

Ich stelle einfach mal die Behauptung auf, dass der gesamte deutschsprachige Raum zwischen 30 und 50 dieses Lied automatisch mit der Geschichte der Christiane F., die mit 12 an die Drogen und mit 14 auf den Strich kam, verbindet. Das alleine zeigt also schon, dass diese Geschichte eingeschlagen hat wie kaum eine andere. Vor allem die Verfilmung des Buches Wir Kinder vom Bahnhof Zoo dürfte mit 3 Millionen Besuchern in der BRD, 10-seitigen Reportagen im Spiegel und einem gleichzeitig erschienenen Soundtrack von David Bowie ihre Spuren in der Öffentlichkeit hinterlassen haben.
Der besondere Brandpunkt war damals vor allem die Frage, ob der Film letzten Endes nicht doch eher seine Zielgruppe - Teenager - zum Drogenkonsum verführt, anstatt sie abzuschrecken und zu verstören. Ein grundsätzlich berechtigter Einwand - doch soll ein Film überhaupt erziehen und somit eine zentrale Aufgabe von Eltern übernehmen? Und ist der Film diese Diskussion überhaupt wert gewesen?

Berlin. Das ist das Brandenburger Tor, die Straße des 17. Juni, das Schloss Charlottenburg. In den Siebzigern ist Berlin aber auch eine deprimierende Mischung aus grauen Hamsterkäfigen wie der Gropiusstadt in Neukölln, einem ehemaligen Vorzeigeprojekt mit Wohnplatz für 50.000 Menschen, das in den Jahren nach seiner Einweihung schnell zu einem der problematischsten Bezirke der deutschen Bundeshauptstadt wurde, der Mauer, Symbol innerer wie äußerer Zerrissenheit, runtergekommenen U-Bahnhöfen und jeder Menge Junkies. Hier lebt die zu Beginn des Films 12-jährige Christiane mit ihrer Mutter und ihrer Schwester, die jedoch gleich zu Beginn das Feld räumt und zum Vater zieht. Ich hab die Nase voll. Man kann jetzt - dank der filmischen Dramaturgie - von Schicksal sprechen, wenn Christiane mit 12 erstmals ins Sound, die damals modernste Disco Europas, geht. Leider macht sich bei Kenntnis des Buches hier bereits die größte Schwäche des Films von Ulrich Edel bemerkbar: eine Kontextualisierung findet praktisch nicht statt. Man wird ganz plötzlich ins Geschehen geworfen und die höchst deprimierenden Umstände - privat wie öffentlich - die Christiane letzten Endes dazu bringen werden, erstmals H zu sniefen, werden weder beleuchtet noch werden sie wenigstens benannt. Im Buch ist vom Spießertum oft die Rede, einem, das mit nie dagewesener Doppelmoral die Perspektiven der nächsten Generation im Keim erstickt oder zu seinen eigenen umformt, das sonntags mit Frau und Kind auf dem Kurfürstendamm spazieren geht und sich freitags von 13-jährigen Strichern befriedigen lässt, das die Drogensucht kalt lächelnd und von oben herab hinnimmt - die Stellen, an denen im Buch der Gesellschaft der Spiegel vorgehalten wird, sind aus dem Film sang- und klanglos verschwunden. Dafür lässt der Film nun eine andere Betrachtungsweise zu: die vollständig freiwillige Entscheidung zur Sucht. Ein Ex-Junkie gibt etwa 1988 im Interview mit dem Spiegel zu Protokoll: Statt unter dem Zwang, dem ich entfliehen wollte, stand ich nun unter dem Zwang, Geld für Gift zu besorgen. Das war meine neue Freiheit. Inspiriert durch Christiane F. Das bringt uns der Sache schon näher...

Constantin
Die Drogensucht Christianes bringt sie immerhin vorübergehend näher an ihre Mutter, verschafft ihr ihren Freund Detlef (er wird sie auch entjungfern), gibt ihr das Gefühl, in einer kalten, selbstsüchtigen Welt endlich irgendwo dazuzugehören. Man kennt sich. Gemeinsam beschafft man in dunklen Passagen Geld für den nächsten Schuss und schließt sich auf öffentlichen Toiletten ein, um sich bei Bedarf auch gegenseitig mit dem Spritzbesteck behilflich zu sein. Echte, gottverdammte Junkie-Romantik, nicht wahr? Erschwerend hinzu kommt auch noch der von der Szene verehrte David Bowie, nach dessen Konzert in der Deutschlandhalle im April 1976 (während der Isolar World Tour) Christiane erstmals Heroin nimmt, hinzu, der zum Film die Musik beisteuerte und zur Nachstellung des Konzerts sogar selber auftrat. Die Auswahl der Songs ist dermaßen gut, dass sie ehrlich gesagt nicht eben dabei hilft, den Film zur Abschreckung heranzuziehen: beim Konzert gibt er Station to Station zum Besten, meinen persönlichen Lieblingssong von ihm, im Sound laufen Stay, Boys Keep Swinging und Look Back in Anger, die Fahrten durch die Nacht, zum Strich oder zurück, werden von Bowies berühmten Instrumentals wie Warszawa oder Neuköln begleitet und das eingangs zitierte Helden macht die Szene des nächtlichen Geldklaus zur jovialen, irgendwie ziemlich coolen Angelegenheit. Nicht falsch verstehen, ich bin nicht auf der Suche nach Stoff (außer nach Kaffee ;)). Aber der Film stellt die Szene nicht unbedingt so negativ dar, wie man es von ihm vielleicht erwarten würde. An Schockfaktor hat das Buch mit Sicherheit mehr zu bieten.

Constantin
Aber mal ehrlich: ich will hier wirklich keine Moralapostel spielen, davon gibt es ohnehin schon mehr als genug. Was von Wir Kinder vom Bahnhof Zoo am nachhaltigsten in Erinnerung bleibt, das sind ohnehin die Bilder. Berlin als nächtlicher Neondschungel, in dem der nächste Schuss stets nur einen Katzensprung entfernt ist, in dem man glaubt, einer fehlgeleiteten, grausam genormten Gesellschaft entkommen zu können. ist brillant in Szene gesetzt. Die Entscheidung, alles an Originalschauplätzen mit echten Junkies und Prostituierten zu drehen, erwies sich als goldrichtig, denn sie verleiht dem fertigen Werk ein Vielfaches der Authentizität, die andere Werke aus jener Zeit - etwa Midnight Express - so nicht ausstrahlen können. Wir Kinder vom Bahnhof Zoo kann als Milieustudie, als das eine berühmte Beispiel unter vielen gelesen werden - unabhängig davon, ob die Drogenszene Berlins damals wirklich so ausgesehen hat oder nicht. Die gecastete Besetzung tut ihr Übriges: die damals 14-jährige Natja Brunckhorst ist als Christiane so überzeugend, dass ich als Leser des Buches sofort wieder meine Sympathie gegenüber der Fixerbraut gefunden habe - womöglich auch mein Problem dabei, den Film als Prävention zu verstehen: die Ansichten, die sie im Buch zu ihrer "normalen" Umwelt breittritt, sind leider Gottes ziemlich nachvollziehbar. Ebenso Thomas Hausteins Detlef kann überzeugen, wenngleich er bis zum Schluss viel zu gesund für meine Vorstellung von einem Junkie aussieht - man kauft ihm die Verzweiflung darüber, bis zum Hals in den Tücken der Sucht zu stecken, vom Anfang bis zum Ende ab und es ist eigentlich ziemlich schade, dass Haustein danach nie wieder in einem Film mitgespielt hat. C'est la vie...

Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo ist ein letzter filmischer Aufschrei gegen die alten Werte und Konventionen, gegen das - wie seine Protagonistin es nennt - verlogene Spießertum, dem die nouvelle vague, das New Hollywood Cinema, der Neue deutsche Film in den 20 Jahren davor den Kampf angesagt hatten, der nach dem Heaven's Gate-Desaster verloren schien. Der scheinbare Antidrogenfilm porträtiert für mich die Auswüchse einer Generation, die aus gängigen Mustern endgültig ausbrechen wollte, deren Idole allesamt für schockierte Eltern und volle Konzerthallen sorgten, und die zum Äußersten bereit war, um ihre persönliche Freiheit zu erlangen, ohne an den Zwang eines bürgerlichen Lebens gebunden zu sein. Und als solche kann sie nur in der vielfältigen Großstadt Berlin funktionieren - das extreme Stadt-Land-Gefälle bei der Bereitschaft, gegen diese Vorstellungen zu rebellieren, wird im Buch viel deutlicher. Als reine Literaturverfilmung funktioniert Edels Film kaum, da fast sämtlicher Kontext gestrichen wird, Erklärungen (etwa zu Christianes Tick, im Sound nur Kirschsaft statt Alkohol zu trinken) fehlen und wichtige Ereignisse der Handlung werden verdreht oder völlig unter den Tisch gekehrt. Ebensowenig kann das Werk moralisieren, was viele kritisiert haben, doch was ich ehrlich gesagt nur begrüßen kann. Denn ein Film sollte niemals von hilflosen Erziehungsberechtigten und Pädagogen instrumentalisiert werden, das würde seiner Qualität nicht helfen. Als schillerndes, abgrundtief grelles Bild einer Generation am Abgrund der Revolution jedoch, einer Jugend, die zu allem bereit war, bevor wenige Jahre später schon wieder ein konservativerer Wind wehen sollte (den man allem voran auch an Christianes Idol David Bowie erkennen sollte - man denke an die Kluft zwischen Low und Let's Dance) ist der Film genial - Berlin bei Nacht sah niemals wilder, lauter und unwirklicher aus. Und spätestens, als Christiane zu Bowies düsteren Instrumentalklängen von Neuköln durch die U-Bahn-Station streift, Trinker, Junkies und Obdachlose beobachtet, die das Leben seelisch schon lange hinter sich gelassen haben, wird einem schmerzlich klar, dass alles - Konvention, Freiheit, (Tod?) - seinen Preis hat. Christiane, das ist nicht deine Welt.

Wir sind dann wir an diesem Tag.





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