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Der Pate (1972)

Paramount
Bonasera, was habe ich dir getan, dass du mich so respektlos behandelst? Du kommst in mein Haus, am Hochzeitstag meiner Tochter, und bittest mich, einen Mord zu begehen... Ein großer Film über eine große Familie in einer großen Zeit.

Ich glaube, jeder hat schon einmal Der Pate gesehen. Wirklich, das ist meine feste Überzeugung. An Francis Ford Coppolas Mammutwerk vorbeizukommen, ohne stehen zu bleiben und es zu betrachten, das ist eigentlich nicht machbar. Zu oft wurde die Geschichte um die Familie Corleone in anderen Medien aufgegriffen, wurde parodiert, ihr wurde Tribut gezollt. Zu diesem Film steht wohl nahezu schon alles geschrieben, was man schreiben kann. Dessen ungeachtet, ist es für mich ein absolutes Muss, diesen Film auf meinem Blog zu besprechen. Das bin ich alleine schon der Geschichte meiner Leidenschaft für Film schuldig. Ein Versuch, den Paten nicht zuletzt auch in einen persönlichen Kontext einzuordnen.

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Es wirkt wie das Abtauchen in eine andere Zeit: Coppolas Grandeur, das opulente Hochzeitsfest der Connie Corleone, eröffnet den nahezu dreistündigen Film. Und dieses Fest alleine vereint bereits die Leitmotive des ganzen Werks, ja eigentlich der gesamten Trilogie, in sich: Werte werden großgeschrieben. Die Familie ist den Corleones das heiligste Gut auf Erden, ein mit Blut besiegelter Rückhalt, den zu hintergehen mit dem Tod geahndet werden muss. Wer nicht zumindest seine Freizeit mit seiner Familie verbringt, der ist kein Mann, spricht der Don früh im Film, diese gottähnliche Figur der Güte, deren Präsenz den ganzen Film alleine tragen könnte. Ein weiteres Motiv, das unter der Oberfläche dieser Hochzeitsfeier lodert, ist der Gegensatz zwischen Licht und Schatten, zwischen italienischer Lebensfreude und dem dreckigen Geschäft eines Mafiabosses. Während draußen bei strahlender Sonne die Gäste eintreffen, scherzen, tanzen und singen, empfängt der Don im Dunkel seines Arbeitszimmers Bittsteller, Untertanen, die ihm einen Gefallen abringen. Denn: ein Sizilianer darf am Hochzeitstag seiner Tochter niemandem eine Bitte abschlagen. Mit diesen Bitten kommen und gehen die verschiedenen Charaktere, die alle im Verlauf des Films wieder auftauchen werden, werden die ersten Fäden des weiteren Handlungsverlaufes ganz leise gesponnen und begreift man als Zuschauer bald das epische Ausmaß des Paten. Alleine die Hochzeitsfeier dauert eine halbe Stunde. So viel Zeit lässt man sich heute in aller Regel nicht mehr. Doch dazu später.

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Letzten Endes ist aber auch Vito Corleones Geschäft ein schmutziges Geschäft. Und die Diskrepanz zwischen Fest und Geschäft, die nur durch eine Hausmauer voneinander getrennt sind, wird auch in der sich zuspitzenden Bildsprache immer deutlicher, bis sich nach den ersten dreißig Minuten der Filmproduzent Jack Woltz in der misslichen Lage sieht, mit einem abgetrennten Pferdekopf zu Füßen aufzuwachen. Weil der Pate seinem Patensohn Johnny Fontane zu einer bedeutenden Filmrolle verhelfen will und wird. Doch der interessanteste Moment der Feier zu Beginn, das ist sicherlich folgender Ausspruch von Michael, Vitos jüngstem Sohn: Das ist meine Familie, Kay. Das bin nicht ich. Dieser kleine Satz fällt erst nach mehrmaligem Sehen wirklich auf. Doch seine Bedeutung ist unglaublich. All das, die Bedeutung, die diesen Worten in ein paar Stunden zuteil werden wird, wird nun durch ein scheinbar normales Gespräch zwischen Mafiosi aufgebaut: Virgil Sollozzo, der Türke, tritt an den Paten mit einem Geschäftsvorschlag heran: die Corleones sollen in Sollozzos Heroinhandel einsteigen, um ihre Beziehungen zu Polizei und Politik spielen zu lassen. Don Corleone lehnt ab. Zu riskant sei ihm der Handel mit Rauschgift. Und obwohl keiner im Raum etwas sagt, weiß nahezu jeder: das gibt Krieg. So besteht Der Pate aus ineinander eng verwobenen Episoden der Gewalt, Mafiosi auf allen Seiten werden perfide zu den Fischen geschickt und aus Verbündeten werden Verräter, bis nach 170 Minuten die Tür zu Michaels Büro zufällt und dessen Verlobte Kay somit für immer ausschließt. Michael ist am Schluss der neue Pate, Don Michaele Corleone. Und das ist erst der Anfang...

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Einer meiner ehemaligen Klassenkollegen sagte einmal zu mir, die Wandlung Michaels sei eine entsetzliche. Ich konnte ihm damals nicht wirklich folgen. Nun, da ich den Film mit der nötigen Aufmerksamkeit drei Mal gesehen habe, kann ich ihm vollends zustimmen: nie zuvor wurden Mafiosi psychologisch so dicht dargestellt. Die Familie Corleone ist ein eingeschworener Treuebund, der einen Gegenentwurf zur korrupten Lebensrealität des höchst authentisch dargestellten Nachkriegsamerika bildet, in dem alle Polizisten käuflich sind und Morde so beiläufig geschehen wie Obsteinkäufe. Dieser Treuebund wird geprägt durch traditionell, eng mit der sizilianischen Herkunft Vitos verbundene Werte wie die Familie, Treue, Freundschaft, Standhaftigkeit und nicht zuletzt auch den Glauben. Diese Traditionen beschwören naturgemäß eine sehr wertekonservative Rollenverteilung in der Familie herauf, was zur Folge hat, dass Der Pate ein primär männerdominierter Film ist und somit in heutigen Zeiten wohl äußerst schwer umzusetzen wäre. Doch ohne darüber zu klagen, ist es ohnehin besser, den Paten einfach so stehen zu lassen. Denn heutzutage würde vor allem die viele Zeit, die sich der Film nimmt, um seine Charaktere zu zeichnen, kritisiert werden. Doch genau auf diese tiefe Charakterentwicklung kommt es an: nie zuvor waren Mafiosi im Gangsterkino so klar definierte, präzis charakterisierte Figuren gewesen. Antihelden wie James Cagneys Eddie Bartlett aus Die wilden Zwanziger, der Kleine Cäsar von Mervyn LeRoy oder Tony Camonte aus Howard Hawks' Scarface waren Außenseiter, brutale Einzelgänger, die alle ihr brutales Ende fanden - vom Schicksal, der eigenen Gewalt überwältigt. Al Pacinos Darstellung des jüngsten Corleone, der sich zunächst aus allen Mafiageschäften der Familie raushält, um schließlich selbst zum skrupellosen Don aufzusteigen, ist vom Anfang bis zum Ende psychologisch nachvollziehbar und packt den Zuschauer da, wo es wehtut. Etwa in jener Szene, in der der Polizeichef von New York Michael zusammenschlagen lässt, weil er sich in der Nacht vor dem Krankenhaus, in dem sein Vater liegt, aufhält. Weil der Polizeichef von der befeindeten Tattaglia-Familie geschmiert wurde, kippt in Michael ein Schalter und er schwört Vergeltung. Der Tod seines älteren Bruders Santino macht ihn - nach dem Exil auf Sizilien, das meine Lieblingsepisode im Film ist - nun zum neuen Familienoberhaupt. Was undenkbar war, ist nun erschreckend real. Und diese Wirkung ist der Verdienst des meisterhaften Spiels eines jungen Al Pacino.

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Auch in der Inszenierung bahnt sich diese schicksalhafte Entwicklung an. Da wäre zu allererst natürlich die dramatische Musik von Nino Rota, die den Film eröffnet und beschließt, ihn in verschiedenen Variationen mitbegleitet und -formt. Die oft zirkuläre Konstruktion ist kein Zufall - gerade in der Sizilien-Episode ist das Hin- und Herspringen zwischen der Heimat und dem Exil notwendig, um die Verkettungen, die Auswirkungen der heimischen Entwicklungen auf Michaels Leben mit seiner Frau Apollonia begreiflich zu machen. So ist es nur trauriger, aber logischer Höhepunkt, dass einer der Leibwächter auf Sizilien ein Verräter ist und Apollonia durch eine Autobombe stirbt. Kleine Andeutungen, Worte, Gesten, finden sich verschlüsselt alle in der Szene mit der Taufe wieder, als Michael bei der Taufe seines Neffen Pate steht, das lateinische Gebet des Priesters in einer Montage vieler Mafiamorde, die alle während der Taufe vollzogen werden, mündet und damit den vollzogenen Wandel in Michaels Wesen beschließt. Die Farbgebung ist auch besonders, verschiedene Arten von Dunkelheit verleihen den Szenen unterschiedliche Bedeutungen und das grelle Licht Siziliens verkündet bereits das drohende Schicksal Michaels. Inszenatorisch ist Der Pate ein Kunstwerk und - neben In der Glut des Südens und Es war einmal in Amerika - mit Sicherheit das Höchstmaß filmischen Erzählens und bildlicher Konstruktion. Es ist selten, einen Film zu Gesicht zu bekommen, in dem jedes einzelne Bild seine Bedeutung erhält, keine Szene überflüssig wirkt und der trotz seines epischen Ausmaßes niemals fadisiert.

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Und letzten Endes hat Der Pate auch für mich persönlich einen hohen Stellenwert. Mit 13 bekam ich das Werk erstmals zu Gesicht und war erst einmal ziemlich geplättet - natürlich, groß und faszinierend war der Film schon. Aber ich konnte damals keine wirkliche Handlung nachvollziehen, es schien mir ein geradezu langatmiger Film.  So kam ich jedoch zu den "actionhaltigeren" Gangsterfilmen, weil mich das Thema faszinierte: Brian DePalmas Scarface zum Beispiel, ebenfalls mit Al Pacino. Oder GoodFellas. Und dann natürlich Es war einmal in Amerika, einer der größten Filme, die je gedreht wurden. Schließlich fand ich - auch um einige unschöne Erlebnisse reicher - wieder zum Paten. Und mit jedem Ansehen fasziniert er mich mehr, begreife ich mehr und mehr feine Zusammenhänge, Nuancen in der Erzählführung, die mir nie zuvor aufgefallen waren. Eben wirklich wie die Hand, die alle Fäden in der Hand hält und die Geschichten immer enger miteinander verwebt. Der Pate ist wahrlich großes Kino in seiner ursprünglichsten, reinsten Form. Denn es geht ihm darum, eine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte von Liebe. Eine Geschichte von Gewalt und Rache. Die Geschichte einer Familie, in der Loyalität das höchste Gut ist. Und die Geschichte eines Mannes, der durch das Schicksal korrumpiert wird.

Der Pate ist ein Angebot, das kein Filmliebhaber ablehnen kann.



Kommentare

  1. Ja, du hast recht, lieber Maximilian. Eins sehr spannender Film, und leider transportiert er auch so manche spannende Wahrheit.

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