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Falco - Einzelhaft

GiG
Oder: als der Falke ausflog, um mit der Apathie seiner Generation berühmt zu werden.

Wien: das ist sozialer Knotenpunkt, Kulturhochburg und magischer Ort der Selbstentfaltung für viele junge Österreicherinnen und Österreicher. So sagt man. Ebenso ist Wien jedoch Prostitution, Armut und Drogenumschlagsplatz, im Guten wie im Schlechten etwas von einer Miniaturausgabe Berlins. Und was Berlin 1982 die Einstürzenden Neubauten, das war in Wien Falco. Ein famoses Debut, das auch heute noch von den ewig frischen Grooves und der genauen Beobachtung seiner Scene lebt.

Sehr minimalistisch kommt das Gros der Platte daher. Der Opener Zuviel Hitze bedient sich lediglich einer sanften Drum Machine, eingestreutem Bass und wenigen Gitarren- sowie Keyboardfragmenten. Aber ehrlich - zu diesen Texten passt weder der Pomp von Pink Floyd noch die grobkörnigen Schlachtgesänge der Sex Pistols oder der frühen Clash. Falco beschwört ein Wien der Nacht herauf, eines, das sich am Straßenstrich, in Junkiewohnungen oder in den angesagten Clubs (U4) abspielt. Eine Stadt, die Kälte ausstrahlt, wo sie nur kann, und es ihren Bewohnern, allen voran den Nachtmenschen, nicht leichter ergehen lässt als sich selbst. Die Hitsingle der Platte, der Durchbruch Hans Hölzls, nämlich Der Kommissar, begibt sich auf ähnliches Terrain, ist lyrisch jedoch metaphernreicher und bietet mehr Interpretationsspielraum - sog eam, dei Lebn bringt di um. Im heimischen Chartradio Ö3 wurde der Song fast dreißig Jahre lang totgespielt, und jetzt, wo man mit ihm nicht mehr tagtäglich genervt wird, scheint erst seine Raffiniertheit durch, bekommt der Groove, der den Falken in die Welt trug, eine doppelbödige und bedrohliche Bedeutung der Staatsgewalt, die überall lauert. Bis heute vielleicht eine der ungewöhnlichsten Nummern, die jemals die Spitzenposition der österreichischen Charts erklimmen konnte.

Aber auch für etwas dichtere Instrumentierung findet sich auf Einzelhaft noch Platz. Siebzehn Jahr etwa klingt schon durchaus wie eine Walzervariation im Plastikgewand, die Gitarre bekommt mehr Raum im Klangbild und sogar ein Saxophon hat sich in das Lied geschlichen. Die Schlagerparodie Hinter uns die Sintflut hingegen ist absolut misslungen, sie evoziert das Bild eines schmierigen Kreuzfahrtsängers wie etwa Semino Rossi und ist auch textlich ungewöhnlich eindimensional für einen frühen Falco-Song. Für Zeilen wie Die Not der Welt blieb hinter mir, meine Millionen bleiben hier braucht es keinen Interpretationsspielraum, fehlen einfach die Ecken und Kanten, die etwa den Kommissar so faszinierend machen. Und auch den leidlichen Mitgröhl-Sommerhit Nie mehr Schule, der zur Maturaphase in keiner österreichischen Schulsprechanlage fehlen darf, hätte man nicht unbedingt auf die Platte packen müssen, ein reiner Single-Release hätte es auch getan. Doch, wenn ich ehrlich bin, hört man sich den frühen Falco ohnehin nicht wegen der Hits an. Über den Erfolg von Falco III mit Rock Me Amadeus, dieser grässlichen Anbiederung an Yuppietum und Plastikpomp, sind die beiden Vorgänger nämlich etwas ins Hintertreffen des kollektiven Gedächtnis geraten, was mit Sicherheit daran lag, dass diese eben nicht zu zwei Drittel mit gar offensichtlichen "Single-Songs" vollgepackt waren. Die wahren Highlights liegen hier - wie so oft - im Obskuren verborgen, in den Songs, die heute nicht mehr wirklich im Radio auftauchen. Auf der Flucht etwa ist mein persönlicher Lieblingssong des Albums, der abermals dem Motto weniger ist mehr Folge leistet und mit einem minimalistischen Drumgebilde die sozialen Missstände, die angeprangert werden, angemessen untermalt, ihnen den nötigen Punch verleiht, der zur erfolgreichen Vermittlung der Anti-Establishment-Message vonnöten ist. Das sind harte Momentaufnahmen (West-Berlin, neunzehnhundert sechzig-sieben), die mit den letzten Zeilen (Für die Zukunft sei gesagt: sicher kommt mal wer und fragt was die Jungwähler so denken über Kräfte, die sie lenken - schwere Wolken, Donnerschlag - und wer sieht sich da jetzt auf der Flucht?) zur nachhallenden Warnung werden und auch heutzutage noch voll greifen würden.

Dann haben wir noch Ganz Wien und Maschine brennt, zwei Nummern, die sich an den Freuden von Untergang und No Future delektieren, vollends Produkte ihrer Zeit sind und Falco - zumindest, was Ganz Wien betrifft - schon 1980 bei der Gruppe Drahdiwaberl zum Stern des Untergrunds hochstilisierten. Während Ganz Wien mit seinem chaotischen Piano gegen Ende für mich etwas von Bowies Aladdin Sane hat, ist Maschine brennt bereits astreiner Rap, der damals auch schon in New Yorks Hip Hop-Scene aufgelegt wurde und der Platte immerhin zu Position 64 der Billboard Charts verhelfen konnte - wo er drei Jahre später mit III unter den Top 3 rangieren sollte. Für einen Österreicher bis heute undenkbar. Und für Falco der Anfang vom Ende, zumindest kommerziell. Doch befassen wir uns nicht mit rockmerockmerockme und dem ganzen Mist. Maschine brennt war kurzzeitig auch in Österreich sehr erfolgreich (#4), doch verschwand relativ bald wieder von der Bildfläche. Mehr Bowie hingegen findet sich am Schluss, denn Helden von heute - der Titel nimmt's vorweg - ist Falcos Umdichtung von "Heroes", das für ihn einen gesamtgesellschaftlichen Sinn hat - Brot und Spiele san' gefragt, no future extrem angesagt. Melancholisches Requiem für eine Gruppe, die sich selbst stets am Abgrund sah. Was für a modisches Weltbild. Ein wunderbares Stück österreichischer Weltuntergangsstimmung im Schrammelkostüm Brian Enos und mit dem Gefühl der Unendlichkeit des Heute im high life spleen. Großartig und gemeinsam mit dem Titelsong Einzelhaft das richtige Schlusswort, denn auch da heißt es schließlich: ohne zu leben, stirbst du auch.

Einzelhaft zeigt Falco bereits auf einem ersten Höhepunkt, von dem er noch für den Nachfolger Junge Roemer genährt werden sollte, ehe auf III und Emotional die letzten Anflüge des Genies grausam unter den Erfolgsansprüchen seiner neuen Produzenten verpuffen sollten. Als Debut macht Einzelhaft alles richtig, was man beim Einstieg in die Musik nur richtig machen kann, denn es offeriert einen Einblick in Falcos Stil, den er bis zum Schluss beibehalten sollte, zeigt die musikalische Varianz des Künstlers und zeichnet eindrucksvoll ein detailliertes Bild seiner Entstehungszeit. Nicht zu vergessen auch das Talent des Produzenten Robert Ponger, der gemeinsam mit Falco dessen beste Platten - Einzelhaft, Junge Roemer, Data de Groove - formte und textete und dessen Handschrift sich im prophetischen Minimalismus dieser drei Scheiben äußert. Hier sind wirklich zwei Männer mit der Liebe zur Musik zusammengekommen und haben gemeinsam ein großartiges Werk geschaffen, das auch noch beinahe 40 Jahre nach Erscheinen frisch und unverbraucht tönt. Mit den wärmsten Empfehlungen.

Ich sehe ganz genau: noch ist der Himmel blau. Wer weiß, wie lange dieser Segen hält...


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