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Laserdisc: Kate Bush - The Whole Story

Pioneer/Polygram Music Video

A pure dialogue of fiction:
-Kate is on television? 
-Yeah, but she doesn't seem comfortable with it.
-What a shame.

Als ich im vergangenen Sommer in einem kleinen Plattenladen in Amsterdam, eingepfercht zwischen mal mehr, mal weniger empfehlenswerten "Irish Pubs", Hotels und fremdländischen Souvenirshops, die DVD Peter Gabriel: PLAY the Videos in den Händen hielt, kam ich nicht umhin, mich zu fragen: Wieso hat Kate Bush eigentlich nie eine DVD veröffentlicht? Und das frage ich mich immer noch. Der einzige Weg, heute noch an eine (offizielle) physische Kopie der oft fantastischen Kurzfilme, die Songs wie Cloudbusting oder The Dreaming veredeln sollten, zu gelangen, ist die Anschaffung einer der VHS/Laserdisc-Compilations, mit denen EMI in den 80ern möglichst viel Profit aus der Britin herausquetschen wollte. Um eine möglichst komplette Werkschau zu bekommen, fiel meine Wahl auf The Whole Story, erschienen 1986, auf der zwar die drei Videos von The Sensual World sowie die Red Shoes-Promoclips fehlen (beide Platten erschienen erst Jahre später), die aber trotzdem ein Gefühl von Komplettheit vermittelt und vor allem richtig Spaß macht. Da ich jedoch sämtliche Alben, von denen die Tracks stammen, bereits hier rezensiert habe und somit meine Bewertung der vertretenen Songs bekannt ist, beschränke ich mich hier - so gut es geht - auf die visuelle Umsetzung der Stücke. Tauchen wir einmal mehr ein in das Schaffen der größten Frau in der Musikwelt.

Und so sieht das dann aus. Willkommen im Jahr 1986.

Wuthering Heights

Natürlich beginnt jede gute 80er-Compilation mit dem Hit, mit dem alles anfing. Wirklich jede. Im Falle von Kate Bush ist das natürlich Wuthering Heights, welches sie im März 1978 als erste Frau in der britischen Chartgeschichte mit einem selbstverfassten Song auf Platz 1 katapultierte, wo sie für einen ganzen Monat bleiben sollte. In Australien, Irland, Italien und Neuseeland waren ebenfalls die Chartspitze drin, in Westdeutschland die 11, in Österreich Platz 17. Für den Sammler interessant ist hier, dass die Laserdisc im Gegensatz zur CD-Ausgabe der Compilation nicht die wesentlich bessere Neuaufnahme des Songs enthält, die Bush 1986 mit neuem Gesang und dem typischen 80er-Drumsound neu einspielte, sondern das Original von 1978. Das verwendete Musikvideo ist unspektakulär, aber effektiv: dunkler Hintergrund und Nebel umspielen die Performance von Kate Bush, die den Songtext letzten Endes in ihre Körpersprache übersetzt und dem Video einen jenseitigen, gegenweltlichen Touch verleiht. Das ist nicht das ursprüngliche Video. Der erste Clip wurde Ende 1977 im Hinterland von London gedreht und zeigt die Sängerin im roten Kleid, wie sie auf einer Waldlichtung tanzt - Vorlage für den Wuthering Heights Day, der immer noch mehr oder weniger regelmäßig stattfindet und aus einem riesigen Flashmob besteht, der an öffentlichen Plätzen (etwa heuer in Berlin) diese Performance aufführt. Da dieser Clip jedoch den Plattenbossen nicht gefiel, wollte man  eifrig ein "vorzeigbareres" Video drehen, welches den Aufstieg der Single in den Charts weiter unterstützen sollte. Cutter Brian Wiseman zum Dreh: "Wir drehten es während einer einzigen langen Nacht. Wir waren schon halb durch, als wir beschlossen, dass es uns nicht gefiel, und fingen nochmals komplett von vorne an." Ein schönes Video, aber nichts allzu Weltbewegendes.

Cloudbusting


Ganz anders allerdings das nächste Video, in dem Kate Bush Peter Reich, Sohn des berühmten Forschers Wilhelm Reich, mimt, welcher übrigens von Donald Sutherland verkörpert wird. Dieser befand sich 1985 bei den Dreharbeiten zum Geschichtsdrama Revolution in Devon, unweit von Bushs Wohnort also, und erklärte sich auf ihr unerbittliches Fragen bereit, in dem Video mitzuspielen. Da er in Revolution den einzigen Briten darstellt, wurde er sowohl von Hauptdarsteller Al Pacino als auch vom Großteil der übrigen Crew gemieden und freute sich deshalb sehr darüber, in den Drehpausen mit einem Fan seines Schaffens zusammenarbeiten zu dürfen. Für die Regie war Ex-Monty Phython Terry Gilliam vorgesehen, doch nachdem dieser ablehnte (er befand sich gerade im Streit um den Schnitt von Brazil), drehte Bush das Video gemeinsam mit dem Cutter von Life of Brian, Julian Doyle, selbst. In drei Tagen entstand ein Video, das dramatisch aufgeladen von der innigen Vater-Sohn-Beziehung zwischen Wilhelm und Peter Reich erzählt, ehe der Vater wegen seiner Experimente, die zum Teil gesetzeswidriger Natur waren, in seiner Werkstatt festgenommen wird. Bei der Abfahrt deutet er Kate Bush noch, den Cloudbuster, ein Gerät zur "Herstellung" von Regen, in Gang zu setzen, und während der Song an seinem Höhepunkt langsam ins Fadeout übergeht, läuft sie den Hügel Vale of White Horse hinauf, zieht an den hebeln des Cloudbusters und freut sich, als der Regen einsetzt. Ein großartiges Video, das durch schöne Bilder und die intensive Darstellung Sutherlands zu begeistern weiß.

The Man With the Child in His Eyes

Kurz und knapp: sehr ähnlich wie Wuthering Heights, nur viel heller und wesentlich intimer inszeniert. Ebenfalls gilt: simpel, aber effektiv.

Polygram/EMI
Breathing

Das war wieder ein sehr gewagtes und aufwändiges Video für die Zeit, in der es entstanden ist: 1980, zwei Jahre vor MTV, drehte man Kate Bush in einer riesigen Plastikblase, die den mütterlichen Bauch, in dem sich die Erzählerin des Liedes befindet und darüber sinniert, wie viel sicherer es jetzt wäre, drin zu bleiben. Sie wird oft gezeigt, wie sie sich überschlägt, ehe das in meiner Review von Never for Ever erwähnte, Supertramp-mäßige What are we going to do? den stilisierten Einschlag der Atombombe begleitet, auf den schließlich eine Einstellung von Kate Bush und mehreren, nicht näher definierten Männern folgt, die aus dem Wasser steigen und sich am Ufer niederlassen. Die neue Menschenrasse? Das Jenseits? Man weiß es nicht. Erstmals entdeckte Bush mehrschichtige Musikvideos, die Raum für Interpretationen lassen und bereits aufwändigerer Inszenierung bedürfen, für sich. Mit Sicherheit ein Meilenstein ihres persönlichen visuellen Erscheinungsbildes und mit Bowies Ashes to Ashes maßgeblich an der weiteren Entwicklung des Musikvideos an sich beteiligt. Wieder aufregender als das letzte Video und ein großartiger Clip, der auch heute noch zu unterhalten weiß.

Wow
Der beste Song von Lionheart kommt auf Laserdisc mit einem exklusiven Video, das jedoch lediglich aus zusammengeschnittenen Szenen der Live at the Hammersmith Odeon-Laserdisc besteht und weder taktlich noch inhaltlich irgendwie zum Lied passen kann. Schade, denn das Originalvideo von 1978 ist zwar auch "nur" eine Performance, jedoch eine wirklich, wirklich gelungene, die dem Songtext sogar noch eine völlig neue Klarheit und Bedeutung verleiht - hier war der Bonus des Videokaufs nicht notwendig.

Hounds of Love
Wieder ein storylastiges Video, in dem Kate Bush von den Höllenhunden der Unvernunft, der Spontaneität und Unüberlegtheit des Verliebtseins in Gestalt eines Mannes mit Fedora auf dem Kopf ihrer vertrauten Umgebung entrissen wird. Die beiden flüchten durch den Wald zu einer Party, auf der sie tanzen, ehe der Hutträger von den Wächtern der Vernunft zurückgeführt werden soll, doch er entreißt sich ihren Kräften, schnappt sich Kate und flieht mit ihr wieder. Klingt konfus, ist aber wirklich sehr gelungen und kann mit professioneller Ausstattung sowie erstklassiger Kamera punkten. Einer meiner sicheren Favoriten (auch, weil sie in diesem Clip überragend aussieht), wäre da nicht...

Running Up That Hill
Dass der größte Charterfolg auch das beste Musikvideo erhält, ist bei weitem nicht selbstredend, vor allem bei Künstlern, die gerne alles selbst machen. Charttauglichkeit ist leider nicht immer für Musik- und Videoqualität förderlich, wie David Bowie mit Let's Dance und Modern Love schmerzlich erfahren musste. Doch genau wie Peter Gabriels Sledgehammer ist auch Running Up That Hill ein auf seine Art einmaliges Musikvideo, das trotz vieler Nachahmer auf ewig ein Unikum darstellen wird. Der Clip ist im Wesentlichen wieder eine Performance des Songs, aber so dermaßen professionell, stimmig, sinnlich und ganz und gar hypnotisch waren sie davor und danach nie. Gemeinsam mit dem Tänzer Michael Hervieu gibt Bush in einem traditionellen japanischen Outfit namens Hakama den Liedtext in dramatischer Körpersprache wieder, und was dieses Video von ihren früheren "Performance Clips" abhebt, das ist die zusätzliche metaphorische Aufgeladenheit, die uns etwa Bilder von Kate, gefangen in einer Masse von Kate-Kopien, die aller ihr Gesicht aufgeklebt haben, zeigt, wie sie sich vor dem Ertrinken im eigenen Unverständnis zu retten versucht und verzwefielt die Hand nach ihrem Partner ausstreckt, den sie einfach nur verstehen möchte. Ein großartiges Video, das gemeinsam mit Hounds of Love, The Big Sky und The Sensual World das Must-Watch für jeden Musikfan ist. Fun Fact: MTV weigerte sich in den USA, den Clip zu spielen, da die Sängerin nicht beim Singen des Textes gezeigt wurde. Ach ja, Amerika...

Army Dreamers
Das Lied ist tieftraurig und ziemlich verstörend, das Video nicht ganz. Das Intro mit dem eindringlichen Blick Kate Bushs in die Kamera, mit einem Sturmgewehr in der Hand und in Tarnkleidung, brennt sich ins Gedächtnis. Der Rest des Videos wirkt jedoch unfokussiert und etwas chaotisch, von Leuten, die umfallen, über Nebelbomben und wiederholtes Springen ins Gebüsch sind einige Kriegsfilm-Standards zu bestaunen, doch sie fügen sich nicht stimmig zusammen. Ambitioniert, stellenweise auch ein sehr gelungener Clip, doch man hätte noch mehr machen können. Kein Vergleich zu Breathing vom selben Album.

Sat in Your Lap
Da ist sie - die Verrückte, die ich ursprünglich so zu schätzen gelernt habe! Das Video ist vollkommen irre, hat etwas von Bowie und Visage, wirft mit antiker Symbolik (Minotauren auf Rollerskates, die im blauen Nebel verschwinden) um sich und wirkt wie ein einziger, vollkommen verrückter Traum. Eben wie die zugehörige Platte, The Dreaming, meiner Meinung eines der gelungensten Alben aller Zeiten. Und wenn das etwas komische, Stop-and-Go-mäßige Ende des Clips nicht wäre, er wäre wohl mein Favorit. Im Großen und Ganzen ein richtig geiles Musikvideo, das ich immer gerne sehe.

Experiment IV
Die Compilation-exklusive Single Experiment IV handelt von Wissenschaftlern, die einen Klang suchen, der auf Distanz töten kann. Der Erzähler wird sich schlagartig seines Fehlers bewusst, dieses Projekt zu leiten, doch da ist es schon zu spät: im Video erscheint Bush als böser Geist dieses Klangs und tötet alle Wissenschaftler. Actionreich und einfach fantastisch. Das Ende zeigt einen Van, der aus der Quarantänezone fährt und die Anhalterin Kate mitnimmt - mit ihrem Zeichen an das Publikum, ja nichts zu verraten, endet der Clip. Klasse Song, klasse Clip - das passt!

The Dreaming
Experimentell - dieses Attribut passt zu diesem Clip wohl am besten. Die Belichtung ist sehr strange - was ich ehrlich gesagt für gewollt gehalten habe, doch der Mitwirkende John Henshall bezeichnet diesen wirren Stil als eine Folge des Chaos, das beim Dreh geherrscht hatte: "Sie brauchte eine führende Hand, aber da war niemand. Sie dachte wohl auch, sie hätte alles im Griff." Das Video ist im Outback angesiedelt, Lichtblitze schießen aus allen möglichen Ecken hervor und Kate führt gemeinsam mit den Tänzern einen leicht Kraftwerk-mäßigen Tanz auf, der erotisch höchst aufgeladen ist. Sehr spannend, sicher nicht ihr bestes Video, aber ein sehr gewagtes und trotz seiner Mängel sehr gelungenes Video.

Polygram/EMI
Babooshka
Minimalistische Bombastik - nur Kate, ein Kontrabass und Schwarz. Im Refrain kippt die Stimmung und sie steht da in einem Highlander-mäßigen Dress mit wallendem Haar und gefährlichem Blick - traumhaft. Ein tolles, phänomenales Video, das anno 1980 die Wandlungsfähigkeit der Künstlerin erstmals voll unter Beweis stellte. Wahnsinn! Und die Disc endet mit...

The Big Sky
..., dem (neben Running Up That Hill) sicherlich besten Video der Compilation. Man sieht Kate mit Strickhaube und Taschenlampe in den Himmel schauen, bis sie von einem Vordach runterspringt und wie aus dem Nichts eine riesige Menschenmenge hinzustößt, die eine gigantische Choreographie vom Zaun bricht - da kommen Sowjetsoldaten, Stasi-Männer, Superman, Astronauten, alle möglichen Fahnen wehen im Wind - so schaut für mich ein wirklich gelungenes Musikvideo aus! Die Beteiligten hatten sichtlich Spaß daran und auch der dazugehörige Song ist einfach nur großartigster, tanzbarer Pop - fantastisch im wahrsten Sinne des Wortes!

So bleibt zu sagen, dass The Whole Story natürlich in erster Linie für den absoluten Bush-Fanatiker ist - "normale" Fans können sich problemlos alle Videos der Dame auf deren offiziellen YouTube-Kanal ansehen, auf dem auch alle Videos ab 2005 (wie King of the Mountain, ihre Comeback-Single) verfügbar sind. Außerdem fehlen hier und da ein paar Videos (aus dem Zeitraum 1978 - 1986 Hammer Horror, Suspended In Gaffa, There Goes A Tenner und Them Heavy People sowie die Originale zu Wuthering Heights und Wow, diese finden sich auf den Laserdiscs Live at the Hammersmith Odeon sowie The Single File; weiters natürlich die Videos zwischen 1989-1993, die jedoch alle gesondert auf Laserdisc unter den Titeln The Sensual World - The Videos, The Line the Cross and the Curve und The Whole Story 1993 erschienen), was trotzdem niemanden, der einen Laserdisc-Player besitzt oder problemlos an einen solchen kommen kann, vom Kauf abhalten sollte (sobald man die Disc aufgetrieben hat), vermittelt diese Zusammenstellung doch einen sehr geschmeidigen Eindruck, wirklich einen guten Einblick in das visuelle Werk Kate Bushs zu haben, Die gelungene Tracklist rührt wohl auch daher, dass The Whole Story zunächst von EMI als Best-Of-CD erschien, um mit dem Erfolg von Hounds of Love noch mehr Profit machen zu können und eine dementsprechend wohlüberlegte Songabfolge aufweisen kann, diese wurde nämlich für das Heimvideo 1 zu 1 übernommen. Mit The Big Sky als Bonus und der bis heute einzigen Möglichkeit, die zum Teil wirklich großartigen Videos dieser tollen Frau auf legalem Wege im Schrank stehen zu haben, im Hinterkopf, kann ich dem Sammler The Whole Story nur wärmstens empfehlen. Vorsicht ist jedoch bei dieser Laserdisc geboten, da sie ziemlich anfällig für den berüchtigten Laser rot ist, unter dem das Bild dann doch leiden kann. Mein Exemplar hat diese Störung jedoch nur im Abspann, der ohnehin nicht mein Hauptkaufgrund für diese Compilation war. Qualitativ gibt es nichts zu meckern, der Ton ist natürlich bereits digital aufgespielt und die Bildqualität ist den YouTube-Uploads meistens haushoch überlegen (die Bilder hier sind von YouTube, zur Info), als würde man sich ein perfekt gelagertes Masterband ansehen, so scharf sehen diese Clips auf Laserdisc noch immer aus. The Whole Story bietet dem Fan also schöne, vergnügliche, verrückte 55 Minuten, auf die man sich gerne wieder und wieder einlässt. In diesem Sinne: It's you and me...

Polygram/EMI



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