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Womit leben wir?: Der Exorzist (1973)

Warner Bros.

Wenn ich mir aktuell erfolgreiche Horrorfilme wie ES oder das 2009 erschienene Reboot von Freitag der 13.  ansehe,  wird mir wieder und wieder schmerzlich bewusst, wie sehr das Genre an seiner Salonfähigkeit seit den 90ern leidet. "Große" Horrorfilme von Big-Budget-Studios sind heute keine Seltenheit mehr und leben in erster Linie von plumpen Schockeffekten und CGI-Überladung. 

Doch das war nicht immer so. In einer Zeit, als Horrorfilme meistens in schäbigen Bahnhofskinos, in Autokinos oder in Mitternachtsaufführungen über die Leinwand flimmerten, erschien ein Film, der mit bekannten Darstellern, großem Budget und einem der renommiertesten Filmstudios seiner Zeit aufwarten konnte und trotzdem wunderbar funktionierte - im Dezember 1973 ließ Warner Bros. The Exorcist auf das Publikum los. Mythen und Legenden umranken die ersten Aufführungen: in New York City sei es während des Films zu Fehlgeburten gekommen, Menschen mussten sich angeblich übergeben, christliche Therapeuten spendeten den aus dem Kino vorzeitig Geflohenen auf der Straße Trost und Schutz. Der Exorzist sei wie nichts gewesen, was man bislang in einem Film gesehen habe. Die Frage muss nun lauten: taugt er auch heute noch was? Oder geht er als Produkt seiner Zeit ähnlich unter wie Easy Rider?

Der Einstieg ist mit Sicherheit die Szene, die beim ersten Ansehen auf mich den nachhaltigsten Eindruck gemacht hat, den je ein Horrorfilm-Einstieg hatte: denn die ersten zehn Minuten spielen im Irak. Auf einer archäologischen Ausgrabungsstätte, um genau zu sein. Die Szene wirkt wie aus einer anderen Zeit, man sieht einen Bazar, Menschen mit Tüchern und Vasen auf dem Kopf, Tempelanlagen wie aus der Zeit der Römer. Ein kranker Pater eilt zu einem der Gräber und hält eine Pazuzu-Figur, einen Dämon der babylonischen Mythologie, in den Händen. Als er darüber mit einem Kollegen spricht, bleibt die Pendeluhr im Hintergrund plötzlich stehen. Angst. Der Geistliche steht auf einem Felsen, der großen Dämonenstatue gegenüber. Ein starker Wind verweht den Sand und verdeckt die Sicht auf die Umgebung. Zwei Hunde bekämpfen sich brutal am Fuß des Hügels. Einstellung eines Tempels im Sandsturm.

Warner Bros.
Die Atmosphäre, die durch diese scheinbar zusammenhanglose Eröffnung entsteht, dient als perfekter Vorgeschmack auf den späteren Verlauf des Films, besonders sein Finale. Hysterische Streicher und ganz eigenartige Lichtverhältnisse vermitteln ein subtiles Gefühl der Verfolgung, ganz einfach der Angst. Bilder wie die oben eingefügte Moschee im roten Licht der untergehenden Sonne sind surreal, angesichts der bekannten Thematik des Streifens entsteht Verunsicherung, weil man als Zuschauer (noch) nicht weiß, wo man diese Szenen einzuordnen hat. Dass man zu Beginn eines Horrorfilms derart aufwändig für die richtige Stimmung sorgt, scheint mir heutzutage sowohl bei genannten  Big-Budget-Filmen als auch bei Independent-Produktionen wie Martyrs wohl als überflüssig angesehen. Diese ersten zehn Minuten finde ich immer noch höchst beeindruckend und äußerst wirksam, sie verleihen dem Film bereits zu Beginn eine ganz und gar eigene Stimmung, wie ich sie heute im Horrorkino oft so schmerzlich vermisse.

Der Sandsturm mündet im fließenden Wechsel des Settings: Georgetown, Washington D.C. Ein friedliches Städtchen mit Einfamilienhäusern wohlhabender Familien, einer großen, alt und stabil wirkenden Autobrücke, mit Bäumen und ein paar Vögeln in der Ferne. Fast schon idyllisch. Hier lebt die Schauspielerin Chris MacNeil (vorübergehend) mit ihrem Hausdiener Carl und Tochter Regan. Vermeintliche Ratten ziehen am Dachboden umher, was Chris kurzzeitig ziemlich beunruhigt, ehe sie wieder zum Dreh fährt. Der Film im Film: typisch für die frühen Siebziger. Studentenunruhen, abgesperrtes College, Kundgebungen vor den Toren der Hochschule. Damit fühlt die Schauspielerin sich unwohl - sie versteht diese neuen Zeiten wohl nicht mehr. Entfremdung von Eltern und ihren Kindern. Eines der unterschwelligen Hauptmotive des Films, der nun auf den wohl interessantesten Charakter umschwenkt: in Pater Damien Karras spiegeln sich die gesellschaftlichen Krisen jener Jahre und die grundsätzlichen Glaubensfragen, die dem Exorzisten zugrunde liegen, wider. Als seine Mutter, die in einem ärmlichen Teil von New York lebt, weigert, sich in Pflege geben zu lassen, macht Karras sich schwere Vorwürfe. Auch am Priesterseminar, an dem er als Psychologe tätig ist, findet er keinen Trost, keine Zukunft: ich habe meinen Glauben verloren. In dieser theologisch kritischen Atmosphäre wird nun auch eine Madonnenstatue in der örtlichen Kirche geschändet und Karras wird von einem Polizisten immer wieder befragt, ob er jemanden kenne, der das getan haben könnte. Bald darauf wird er das wissen...

Zur selben Zeit bemerkt Chris MacNeil an ihrer Tochter einige Veränderungen: Regan beginnt zu fluchen und schreit nachts ohne ersichtlichen Grund. Schließlich wird das gesamte Haus Zeuge, als ihr Bett ohne Fremdeinwirkung heftig zu wackeln beginnt und das Kind schreit Make it stop! Die besorgte Mutter besucht jede Menge Ärzte, Leute vom Fach. Doch weder Operationen des Gehirns noch Schocktherapien oder Medikamente helfen dem Kind. Da stellt einer der Ärzte die Möglichkeiten eines Exorzismus in den Raum, einer längst überholten Praxis der katholischen Kirche, zu der es eine besondere Genehmigung benötigt. Chris treibt schließlich Pater Karras auf - das Weltliche (weder Chris noch Regan gehören einer Konfession an) kehrt zur Kirche zurück - doch in einer solchen Situation kann das für keinen Geistlichen Grund zur Freude sein und streut womöglich sogar noch mehr Salz in die Wunde der Glaubenskrise. Dessen ungeachtet, erklärt sich Karras einverstanden, sich Regan anzusehen - und nach dem Einholen mehrerer Meinungen am Seminar ist er überzeugt, dass das Kind wirklich besessen ist und es kommt letzten Endes zum Exorzismus, auf den ich hier gar nicht genauer eingehen möchte. Denn das wirklich Erschreckende an dem Film ist - aus heutiger Sicht - nicht das ketzerische Verhalten des Kindes, das sich mit einem Kruzifix selbst befriedigt und einem der Exorzisten das Gewand vollkotzt. Diese Sachen sind ein reiner "Zeitgeist-Schock", etwas, das in einer Zeit, zu der die heutige Doppelmoral der Gesellschaft noch durch eine furchtbare Prüderie verschlimmert wurde, unerhört gewesen sein mag, im Jahre 2017 jedoch etwas seltsam erscheint. Nein, das wirklich Erschreckende an dem Film ist die dichte Atmosphäre, in der die sozialen Umstände des Geschehens genau beleuchtet werden, das ist die Funktion, die Regans Zimmer in der Inszenierung zuteil wird: denn der Raum ist mit Blaufiltern gedreht worden und in einem riesigen Gefrierschrank gestanden, in dem es so kalt war. dass man in den Exorzismusszenen den Atem der Beteiligten in Dampfform davonschweben sehen kann - wahrlich wie der Übergang in eine andere Welt, in eine jenseitige Welt, in die christliche Hölle, wenn man so will.

Warner Bros.
Und dann natürlich die erwähnte Milieustudie: bis auf gelegentliche Anfälle des Kindes passiert in der ersten Stunde des Films, eigentlich die ersten 90 Minuten, fast nichts von dem, wofür Der Exorzist heute so berühmt ist. Vielmehr werden die kleinen Risse, die im so idyllisch wirkenden Georgetown zu Tage treten, beleuchtet - die Illusion einer perfekt funktionierenden Gesellschaft zerlegt. Als Chris etwa eine Party mit ihren Bekannten vom Film gibt, läuft alles gut und die Gäste haben Spaß - bis ein betrunkener Regisseur anfängt, einen anderen Gast vom Filmteam, welcher deutscher Herkunft ist, als Nazi pig zu beschimpfen. Wie aus dem Nichts tut sich hier wieder ein tiefer Abgrund auf, soziale Probleme wie die nach wie vor präsente Diskriminierung, von der man glaubte, sie sei mit den 68ern ausgestorben, erscheinen wieder im Kollektivbewusstsein und versetzen den Anwesenden, der Gastgeberin und auch dem Zuschauer einen tiefen Stich. Ähnlich gelungen ist der Subplot um Pater Karras und seine Mutter, die letzten Endes dank Karras' Bruder in einer heruntergekommenen Psychiatrie landet und dort - ans Bett gefesselt - stirbt, was dessen Krise nur noch verschlimmert. Er macht sich den ganzen Film über Vorwürfe, was in einer wirklich atemberaubenden Szene gipfelt, in der Karras die besessene Regan betrachtet, als sie sich plötzlich in seine tote Mutter verwandelt und nach ein paar Sekunden Totenstille leise Dimi... Dimi haucht. Er bekämpft nicht nur Pazuzu, der Pater bekämpft auch sein zerrüttetes Inneres. Dabei wird er schwach, und ein verärgerter Lankester Merrin (der Experte, gespielt von Max von Sydow) will den weiteren Exorzismus alleine durchführen. Kein Platz für Schwäche. Die idyllische Fassade zerbröckelt in all jenen Szenen und entblößt das ohnehin ziemlich bösartige, egozentrische Wesen einer Gesellschaft, in der weder der sensible Pater Karras, noch die von Alters wegen naturgemäß etwas verwirrte Regan eine reelle Chance des Überlebens haben. Einen solchen gesellschaftlich relevanten Kontext in einem Horrorfilm zu finden, war damals en vogue (man denke zum Beispiel an George A. Romeros Dawn of the Dead von 1978, eine bitterböse Kapitalismuskritik getarnt als Zombiefilm), heute muss eine solch detaillierte Charakterzeichnung leider vorsintflutlichen CGI-Jumpscares und schwachsinnigen Lovestorys oder Familiendrama (The Ring) weichen. Der Horrorfilm der 70er hat schon etwas für sich. Über die ganzen unterbewusst wahrgenommenen Muster und Symbole (dazu gibt es eine Menge interessanter Artikel im Netz!) und den Soundtrack, der Mike Oldfield berühmt machen sollte, habe ich kaum ein Wort verloren. Nur so viel: die subtil eingesetzten Schweinslaute, Musiktupfer und Schreie kreiren eine Atmosphäre, die im wahrsten Sinne des Wortes Horror ist. Genau wegen solcher Kniffe habe ich angefangen, mir Horrorfilme anzusehen und es ist einfach schade, dass man sich offenkundig nicht mehr so viel antut, um einen glaubhaften Kontext für das (scheinbar) unglaubwürdige Geschehen zu erschaffen. Der Exorzist ist ein großartiger Horrorfilm, der wie kaum ein anderer Vertreter des Genres gleichzeitig als Dokumentation des Zeitgeistes seines Entstehungsjahres gesehen und analysiert werden kann und mit einer Handvoll inszenatorischer Genialitäten wie etwa der Anfangsszene im Irak auch heute noch mehr als sehenswert ist. Bemerkenswert ist lediglich, dass die Stellen, für die das Werk heute noch so berühmt ist, eigentlich eher kurzweiliger Natur sind und sich mir bei weitem nicht so ins Hirn eingebrannt haben wie etwa Karras' Mutter in der Psychiatrie.

Höchstwertung für einen Klassiker, der auch heute noch einer der besten seines Genres ist.



Kommentare

  1. Cultural Studies werden dich lieben, aber nicht nur diese ;-) super be- und geschrieben. Schade, dass man heute in so manchem Film keine Zeit mehr hat (scheinbar), die Atmosphäre - die wirklich passend ist - zu kreieren. So etwas braucht halt Zeit und Aufwand. Der frühere Es-Film war (das traue ich mich ohne nähere Kenntnis des neuen zu sagen, denn allein die Beschreibung desselben ist stinkelangweilig...und in summe scheint das zum coming of age zu mutieren...was ich persönlich in seiner Reinform jetzt auch nicht gerade brauche) war super gemacht. Und wirklich furchteinflößend, scheint mir. Selbst Friedhof der Kuscheltiere war recht cool. Aber bei heutigen Horrorfilmen - fürchte ich mich höchstens noch vor den Ideen und dem Tun von Regie und Filmteam.
    Vielleicht meine Lebensjahre.

    Was Kirche angeht - den wahren Horror findet man nur allzu oft dort.
    Das vergangene Jahr hat mir zahlreiche Lektionen erteilt.
    Natürlich gibt es auch beim "klerikalen Bodenpersonal" jene, die wirklich in Ordnung sind - und nichts für die Negativbeispiele können. Aber ob Kirche oder die Gesellschaft - ich persönlich habe da speziell 2016 einige Dinge erfahren und dazu gelernt, und auch so manche Szenen 2017 hatten was.

    Daumen hoch, super beschrieben, lieber Maximilian!

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