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Duran Duran - Seven and the Ragged Tiger

 
EMI

 Der beste musikgewordene Sex der letzten vierzig Jahre... and more.
Ohne jetzt allzu lang die Geschichtskeule zu schwingen, kann man wohl mit Fug und Recht behaupten, dass Duran Duran, eine der Pionierbands im Bereich des Musikvideos sowie Galionsfigur der zweiten britischen Invasion des amerikanischen Musikmarktes, 1983 eine der größten Bands der Welt waren: das 1982 erschienene Rio mit seiner legendären Hitsingle Hungry Like the Wolf und den von Dekadenz und Reizüberflutung geprägten Musikvideos machte die Band, bis dahin eher als Insider-Tipp gehandelt, plötzlich auf beiden Seiten des Atlantik zu Stars. Die Hochstilisierung zu Ikonen wurde durch das sehr Boyband-mäßige Teenagerschwarm-Aussehen der fünf Bandmitglieder nur noch mehr begünstigt und führte bis zu einem gewissen Grad auch zur Kategorisierung der Gruppe als eine Art Vorläufer der New Kids on the Block und dergleichen.

1983 steht die Band vor dem Problem, einen angemessenen Nachfolger zum Überalbum zu schreiben. Man sieht sich mit einer Schreibblockade konfrontiert, die niemals während der Aufnahmen, welche in einem Schlösschen unweit von Cannes stattfinden, vollständig überwunden werden kann. Als die Platte schließlich im November 1983 erscheint, ist man sich nicht einig, wie mit dem Endprodukt umgegangen werden soll. Letztendlich wird Seven and the Ragged Tiger als Anfang des Untergangs dieser Musiklegenden gehandelt und findet auch eher wenig kritische Beachtung - trotz der Tatsache, dass es bis zum heutigen Tag das einzige Album der Band bleibt, welches die Spitzenposition der britischen Charts erreichen konnte. Blicken wir nun auf den Inhalt des Pakets:

Der Opener The Reflex ist wohl - und ich weiß, wie überinflationär ich so etwas schreibe - die perfekte Art und Weise, dieses Album zu beginnen. Kein Wunder, dass der Song bis heute der wahrrscheinlich erfolgreichste, auf jeden Fall bekannteste der Band ist: das eklektisch zuckende Riff, das sich auf eine wunderbar verspielte, subtile Weise immer weiter bis in den orgiastischen Schluss steigert, untermalt den rätselhaften Songtext, der dank Zeilen wie The reflex is a door to finding treasure in the dark auf jeden Fall eine deutliche sexuelle Komponente in sich trägt, auf Bestmögliche und beschert dem Track in seiner unruhig zuckenden, pulsierenden Natur einerseits die Plakette 80er, unterhält andererseits dank der schelmischen Versiertheit, mit der man bei der Produktion jeden Bestandteil des Songs sexualisiert hat, aufs Beste und viel, viel gekonnte als so viele andere Songs über Sex und dergleichen. Der verdammt eingängige Refrain, der mich seit dem ersten Hören immer und immer wieder einholt, tut sein Übriges, um einem stets die dekadente, hedonistische Entstehungszeit der Platte in Erinnerung zu rufen. Ein Wahnsinnssong aus einer Wahnsinnszeit, könnte man jetzt sagen. Sagen wir einfach: der beste musikgewordene Sex der letzten vierzig Jahre. New Moon on Monday erinnert mich spontan an die Art von Zeitgenossen, die gerne mittendrin anfangen, französisch, italienisch und dergleichen zu reden (ich bekenne mich schuldig ;)): this time la luna, wozu man dann paraphrasieren kann, dass es plumper kaum noch geht. Nach dem Reflex ist der Neumond klanglich wirklich eine Enttäuschung, zumal auch der Text wie kopiert wirkt. Besser - und zwar wirklich viel besser - ist dann (I'm Looking For) Cracks in the Pavement mit seinem schrillen, neongefärbten Synthesizer, dem so unglaublich eingängigen Refrain, einer fantastisch gespielten Bridge und einem Songtext, dessen psychologische Tiefe sich für eine New Wave-Band, die sich in großen Schritt dem Pop annäherte, wirklich sehen lassen kann.

Beziehungen in einer vergnügungssüchtigen Zeit sind ja heute als Topos nach wie vor sehr beliebt und dominieren auch weite Teile der nun folgenden restlichen Platte. I Take the Dice und das spätere Shadows on your Side sind gute früh-80er-Standardware über den gefährlichen, riskanten Abstieg romantischer Liebe in bloße körperliche Begierde, wie sie der Opener großartig zur großen Droge hochstilisiert hatte. Of Crime and Passion könnte genauso gut von Frankie Goes to Hollywood sein und weiß musikalisch absolut zu überzeugen, wobei auch die now don't look awaaay-Hook zu überzeugen vermag. Thematisch befinden wir uns wieder einmal beim typischen passion crime, das auf eine einmalige 80er-Jahre-Weise zur Mittanzhymne erster Güte wird und dessen Zusammenspiel von verschiedenen Keyboard-Schichten mit der Gitarre den frühen New Order viel zu verdanken hat - der Song nämlich tönt sehr nach einer opulent ausstaffierten Neuinterpretation von Everything's Gone Green, nur mit mehr Teenie-Appeal. Seite zwei liefert mit Union of the Snake noch einen Nachschlag der mythisch-verwobenen Duran Duran, die man auf Rio bestaunen durfte und könnte direkt aus der Feder des Miami Vice-Stammkomponisten Jan Hammer stammen - ohne zu werten: hier klingt kaum etwas echt, wie es sich für den Großteil der 80er-Musik gehört, schreien die Neonleuchten, riesigen Handys und dunklen Sonnenbrillen, die man mit diesen Jahren verbindet, aus jeder Note deutlich heraus. Doch mir macht das gar nichts aus und vielen, vielen anderen Musikfreunden genauso wenig: denn diese Musik strahlt einfach eine einzigartige Coolness aus, eine so, man möchte schon fast sagen penetrante Selbstsicherheit, wie es sie sonst wohl niemals in dieser Form auf Platte geschafft hat. Jene Jahre werden nicht umsonst von vielen Menschen geliebt, sowohl Filme als auch Musik aus den 80ern haben einfach so einen unverwechselbaren Inszenierungsstil, der von bösen Zungen ja gerne als Style over Substance bezeichnet wird. Aber ich habe es schon einmal zu Miami Vice gesagt: wenn der Stil so dermaßen gut sitzt, dann verzichte ich auch gerne mal auf tiefgehende Geschichten - eine Miami Vice-Episode würde ich Produktionen wie dem Top of the Lake et cetera jederzeit vorziehen. Nach dem erwähnten Shadows on Your Side schlagen Duran Duran mit Tiger, Tiger nochmals umso deutlicher den Weg des neonpink leuchtenden Miami Vice-Esprit ein, um nach diesem (leider viel zu kurzen) Instrumental mit The Seventh Stranger das Album im Stil der Smiths oder U2 zu beenden und zu zeigen, dass der Geist ihrer Anfangsjahre als Alternative-Band auch 1983 noch in ihnen weilte. Ein wunderbarer Weg, um uns aus dem Album idealerweise direkt in die dunkle Nacht zu entlassen.

Seven and the Ragged Tiger besitzt nicht mehr das künstlerische Grandeur von Rio oder den lässigen Hedonismus des Erstlings von 1981 - hier ist alles eine ganze Ecke schwerer, düsterer und aussichtsloser. Und gleichzeitig ist Seven and the Ragged Tiger für die Musik der darauf folgenden 2 bis 3 Jahre wohl sehr wegweisend gewesen - ohne diese Platte wären Alben wie a-has Hunting High and Low mit seinem Take On Me undenkbar. Und auch wenn Duran Duran danach immer bedeutungsloser wurden, 1983 waren sie noch on fire - Seven and the Ragged Tiger ist ein erstklassiges musikalisches Portrait der berühmten 80er-Jahre, das bis auf ein oder zwei schwache Nummern auf jeden Fall zu meinen persönlichen New Wave-Favoriten zählen muss. Wer das Jahrzehnt von Phil Collins, Maßanzügen und K.I.T.T. in sein Herz geschlossen hat, der muss die Platte sowieso hören. Und der Rest auch, wird hierauf doch ein meiner Meinung nach immer noch gültiges Ideal der radiotauglichen Hitsingle (The Reflex) geformt, das man sich heutzutage einmal wieder als Vorbild nehmen könnte.
Aber ich schreibe schon wieder zu viel. They won't slow down the roundabout.

4.5/5

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