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Alle sagen: I love you (1996)

Miramax

Ja, der zierliche Mann mit großer Brille, ewig leicht verrutschtem Outfit und unordentlichem Haar, das ist Woody Allen. Filmfans kennen ihn vor allem für seine ewigen Liebesverstrickungen und hektischen Dialoge, die Filme wie Manhattan berühmt gemacht haben. Aber Woody als Sänger? Nicht wirklich, oder? Doch, einmal: Alle sagen: I love you nimmt die Musicals der goldenen Ära Hollywoods auf die Schippe und beinhaltet damit viel Gesang und Tanz - ob das gut gelungen ist?

Aus der Sicht der pubertierenden D.J. Berlin, einer der Töchter von Allens Joe Berlin und dessen Exfrau Steffi, taucht der Film in die amourösen Verwirrungen einer gelangweilten Upperclass-Familie aus Manhattan ein: die Mutter kümmert sich aus schlechtem Gewissen ob ihrer privilegierten Finanzlage um Häftlinge und Tiere, Tochter Skylar steht vor der Heirat mit dem erfolgreichen Yuppie Holden und die jüngeren Kinder D.J. und Laura hangeln sich von einem scharfen Typen zum nächsten. Derweil hält sich Joe in Paris und Venedig auf, wo er sich von seiner Trennung zu erholen sucht und auf Brautfang geht, Allen-typisch mit mäßigem Erfolg.

Arthaus
Naturgemäß verkompliziert sich die Lage, als Joe während des Venedig-Aufenthalts mit Tochter D.J. die aus New York angereiste Von (Julia Roberts) kennenlernt und mithilfe seiner Tochter, die dank ihrer Bekanntschaft mit Vons Psychiaterin deren sämtliche Vorlieben und Sexfantasien kennt, die Frau auf grandios-komische Weise erobert (besonders, als er ihre Fantasien und Ängste "zufällig errät", merkt man, dass Allen beim Dreh vorübergehend zu alter komödiantischer Größe zurückgefunden hatte). Zeitgleich verliebt sich Skylar in den animalischen Ex-Häftling Charles und lässt ihre Verlobung mit Holden vorübergehend platzen, bis sich schließlich nach vielem Hin und Her, politischer Streiterei zwischen Liberalen und Republikanern sowie der ein oder anderen Träne die ganze Familie im Pariser Ritz zu einer großen Weihnachtsgala einfindet.

Das Ganze klingt jetzt wie eine sehr klischeehafte Feelgood-Liebeskomödie und irgendwie ist der Film ja genau das. Auch Finessen wie die grandiose Kameraführung von Manhattan fehlen diesem späteren Allen zur Gänze. Was er jedoch als Unikum in dessen Filmographie besitzt: den Gesang. Und ich liebe Musicals. Wo hat man etwa Tim Roth oder Woody Allen selbst schon einmal singen hören? Allen wählte bewusst eher mäßig begabte Sänger aus, um den Film ganz natürlich erscheinen zu lassen, als würde man selbst in Verliebtheit singen. Die Songs sind klassischen Musicals wie Ein Amerikaner in Paris entnommen und leicht modernisiert worden, um das Flair jener goldenen Ära wieder auferstehen zu lassen. Gleichzeitig wird dieses Flair ad absurdum geführt, als etwa im Krankenhaus sämtliche Ärzte und Patienten im Rollstuhl plötzlich zu tanzen und zu singen anfangen, nachdem Skylar ihren Verlobungsring verschluckt hat. I'm through with love, dieser Abgesang auf die Verliebtheit und deren Verwirrungen, zieht sich wie als Leitmotiv durch den ganzen Film - letzten Endes bejaht der Film ganz Allen die Liebe abermals und entlässt den romantisch veranlagten Zuschauer mit angenehmer Melancholie... hach ja. Direkt sieht man sich wie Frank Sinatra um drei Uhr nachts unter einer Straßenlaterne stehen, mit einer brennenden Zigarette in der Hand.
Capitol

Jedenfalls ist Alle sagen: I love you ein wunderbarer, verdammt lustiger Film (Skurrilitäten wie die Klischeebayerin Frida, die Pflegerin von D.J.s Großvater, machen den besonderen Reiz des Streifens aus) mit viel Herz und einer Menge Gesang von Starschauspielern wie Alan Alda (M*A*S*H*), Julia Roberts, Goldie Hawn, Drew Barrymore oder Edward Norton. Die Songs sind wunderbar choreographiert und bleiben im Ohr hängen - und spätestens, wenn Woody Allen und Goldie Hawn am Ufer der Seine im Mondschein tanzen, weiß man: la vita è bella. Und Alle sagen: I love you Woody Allens schönster Film. Auch einer seiner allerbesten. Da kann man noch träumen... und das wollen wir doch alle manchmal, oder?

Arthaus








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