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Glengarry Glen Ross (1992)

New Line Cinema

Die Immobilienbranche ist knallhart, umkämpft und erbarmungslos. Perfekter Stoff also für einen Film, oder?

Wir erweitern diesmal unseren monatlichen Verkaufswettbewerb. Wie Sie wissen, ist der erste Preis ein Cadillac Eldorado. Interessiert jemanden der zweite Preis? Ein Satz Steakmesser. Dritter Preis: Ihre Entlassung. So beginnt die - unter Geschäftsleuten angeblich überaus beliebte und berühmte - Rede von Alec Baldwins Charakter Blake und alle Anwesenden blicken gebannt nach vorne, wohl wissend, dass jeder von ihnen um seine Existenz gebracht werden könnte. Die Aufgabe: in einer Woche die meisten Immobilien und Grundstücke verkaufen, um den Job zu behalten. Der Haken: die ausgegebenen Immobilien und Grundstücke sind so gut wie wertlos, die Makler laufen also geradewegs ins Verderben. Und so beginnt ein packender Dialogfilm, der sich immer und immer weiter zuspitzt, bis es schließlich keinen Ausweg mehr zu geben scheint...

Turbine/New Line Cinema
Die  anfängliche Nervosität mündet immer mehr in echte Verzweiflung, da so gut wie jeder weiß, dass er wohl keine einzige Adresse verkaufen wird können. Trotzdem versuchen es die Makler mit ihren altbewährten Tricks und Argumentationslinien, die die Kunden mittlerweile jedoch kalt lassen. Jack Lemmon als Shelley gibt einen besonders tragischen Makler, der mit jeder nur erdenklichen Masche versucht, Abschlüsse zu schaffen. Sie haben in diesem Geschäft nichts verloren sagt er in einer der unzähligen Dialogszenen zu seinem Boss, dem jungen und gnadenlosen John Williamson (Kevin Spacey). Dieser Williamson liegt wie ein Schatten über allen Charakteren, der Druck, der von ihm ausgeht und die Angst des Existenzverlustes schwingen in jeder der brillanten Zeilen mit. Der Grundton ist immer ein verfolgter, ein verzweifelter - es wird ständig geflucht, geweint oder geschrien. Die Darsteller gaben in dem Film wirklich alles, um den Handlungsverlauf glaubhaft darzustelln - wobei, eigentlich passiert ja ziemlich wenig Handlung, das allermeiste geschieht auf psychologischer Ebene. Und selten war das so eindrucksvoll wie in James Foleys Film.

Turbine/New Line Cinema
Am Morgen nach dem Ausruf des Verkaufswettbewerbes kommen die Makler ziemlich niedergeschöagen ins Büro - eine lange Nacht ohne Erfolg liegt hinter ihnen - , alles scheint normal. Doch da erfahren sie, dass die wertvollen Glengarry-Adressen geklaut wurden - die wertvollen, neuen Bauprojekte, mit denen viele Abschlüsse möglich sein könnten. Bald ergibt sich: es muss einer von ihnen gewesen sein. Und so stellen die Makler alle möglichen Vermutungen an, trinken einen Kaffee nach dem anderen und beschimpfen oder beschwichtigen sich gegenseitig quasi im Sekundentakt. Über all dem liegen geheimnisvoll die mysteriösen Glengarry-Adressen wie ein Heiliger Gral, von dem man als Zuschauer niemals weiß, wie er aussieht, aber genau spürt, dass von ihm eine unheimliche Macht ausgeht. Besonders in dieser zweiten Hälfte merkt man, dass das Drehbuch von einem Theaterstück stammt - dessen Autor David Manet ja auch selbst für das Script verantwortlich war. Es gibt sehr wenige Kulissen und genauso wie in Volker Schlöndorffs fantastischer Verfilmung von Der Tod eines Handlungsreisenden wirkt der Film auch fast wie die Aufzeichnung einer Theateraufführung.

Die minimalistischen Kulissen ziehen die Aufmerksamkeit jedoch auf das Herz dieses Filmes, nämlich die bereits oft erwähnten Dialoge, bei denen sich jeder Satz messerscharf ins Gehör bohrt. Derart packende Dialoge hört und sieht man im Film sehr, sehr, sehr selten. Obwohl fast "nichts" passiert, MUSS man einfach gebannt zusehen und zuhören. Der Ensemble-Cast tut sein Übriges: Kevin Spacey, Al Pacino, Jack Lemmon, Alec Baldwin, Alan Arkin und Ed Harris geben sich hier die verbale Klinke in die Hand und spielen alle auf dem absolut höchsten Niveau. Es ist wirklich ein Hochgenuss, dieser grandiosen Darstellerriege beim sich-Anschreien und verzweifelten Anflehen zuzusehen. Und als dann der Dieb gefunden ist, Kevin Spacey anfleht, nicht die Polizei zu rufen (Denk an meine Tochter...!) und selbiger dem Dieb ein kaltes Fick dich ins Gesicht sagt, bleibt einem als Zeuge dieser Szene wahrlich der Mund offen stehen. So eindringlich, beklemmend und fesselnd kann Minimalismus sein.

Glengarry Glen Ross war bei seinem Erscheinen 1992 kein finanzieller Erfolg - nicht einmal das Budget von 12 Millionen Dollar konnte eingespielt werden und auch Kritiker sprachen teils von uninspirierten Darstellern und einer künstlichen Atmosphäre. Mit den Jahren hat das klaustrophobische Meisterwerk jedoch an Ansehen gewonnen und gilt mittlerweile als ein echter Geheimtipp für Genrefans - wobei ich mir vorstellen kann, dass der Film besonders Menschen aus der Immobilienbranche ein teuflisches, wenngleich auch teils besonders schmerzliches Vergnügen bereiten dürfte. Die dezente Jazzmusik, die nur sehr selten verwendet wird und deshalb an Wirkung nur gewinnen kann, tut dann den Rest in der ohnehin schon kongenialen Inszenierung. Unbedingt ansehen! 5/5

Kommentare

  1. Super geschrieben! Aber darin werden sich nicht nur Immobilienmakler wiederfinden können ;-)

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