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Peter Gabriel IV - Abgründe des Alltags

Charisma Records
Auch dieser Post wartet schon seit Langem darauf, geschrieben zu werden: nach dem großartigen dritten Album von 1980 ließ sich Peter Gabriel zwei Jahre Zeit, um mit seinem vierten Longplayer allmählich in die World Music, die sein Tun bis heute beeinflusst, einzutauchen - dabei jedoch stets auf die düsteren Klangwelten der Vorgänger bedacht, was Peter Gabriel IV zu einem wahnsinnig interessanten Dokument des Wandels macht.

Dabei geht es auf dem vierten Soloalbum des Briten viel weniger um Abstraktionen, um gesellschaftliche Randerscheinungen, wie sie etwa in Songs á la Family Snapshot verrtont wurden, vielmehr warten die Texte mit dem Horror und den Abgründen des ganz gewöhnlichen Alltags auf. Am Beginn steht jedoch ein rein sinnlicher, von Zeit und Raum getrennter Erfahrungsschatz im Zentrum: The Rhythm of the Heat berichtet in wilden, paranormalen Klangwelten des Irrsinns von der Trancewirkung afrikanischer Tänze und die dazugedichteten Lyrics überschreiten die Grenze zwischen Dies- und Jenseits mehr als nur einmal. Heißt es etwa drawn across the plainland to the place that is higher/drawn into the circle that dances 'round the fire, stellen sich wie ganz von alleine die Assoziationen mit übermenschlichen Gewalten ein. In sehr roh abgemischtem Trommelschlag, der fast zwei Minuten andauert, endet dieser Opener gewaltig. Und man ist mittendrin.

San Jacinto trägt diese vorzeitliche Stammesatmosphäre aufs Radikalste in die Gegenwart: San Jacinto ist eine wohlhabende Stadt in Kalifornien, die ein Reservat der einstmals vertriebenen Ureinwohner beherbergt. In bedrohlichen Synthesizer-Klängen spaziert Peter Gabriel mit dem Hörer durch diese Stadt und entstellt textlich in grandioser Montage die 'weiße' Aneignung indigener Kultur, wenn die Rede ist von Geronimo's disco und die Drohung We will walk on the land - we will breathe of the air als Abschluss formuliert wird. Der Horror liegt oft genug in der eigenen Geschichte begraben.

Wie die nächsten Stücke aufzeigen, ist jedoch der scheinbar so gewöhnliche Alltag oft Hölle genug: I Have the Touch reduziert zwischenmenschliche Kommunikation und das Gesellschaftsleben als Ganzes auf ein animalisch anmutendes Spiel, in dem jeder seine festen Rollen einnimmt und das seine Spieler am Leben erhält. Dabei unterstreichen die Naturmetaphern und die New Wave-artige Melodie die satirische und zynische Intention des Songs - all that fur and all that hair wird im Nu zum mitreißenden Ohrwurm-Refrain Wanting contact, I'm wanting contact, I'm wanting contact with you!. Funktioniert ja prima als Anheizer in einschlägigen Lokalen, könnte ich mir vorstellen. The Family and the Fishing Net beweist erstmals die literarischen Qualitäten des post-Genesis Peter Gabriel, die auf dem '92er-Album Us zur vollständigen Blüte kommen sollten: in Parallelmontage werden ein Opferritual und eine gutbürgerliche Hochzeit sozusagen aufeinander 'abgestimmt' - will heißen, die gravierenden Ähnlichkeiten werden auf herrliche Weise verdeutlicht, der Hochzeitskuchen urplötzlich zum Leichenschmaus erklärt, während Braut und Bräutigam undressed by all dastehen. GE-NI-AL! Alles wäre nur halb so kraftvoll ohne die eiskalte, harte digitale Produktion, durch die die Spielereien auf dem Fairlight-Synthesizer voll zur Geltung kommen können, ähnlich wie auf Kate Bushs The Dreaming, welches dieser Platte auch ansonsten sehr, sehr ähnlich ist.

Die zweite Seite wird von dem damaligen Radiohit Shock the Monkey eröffnet, einem gefälligen, aber nichtsdestotrotz großartig inszenierten Popsong, der Begierde und Eifersucht in tierische Metaphern übersetzt, mit denen auch dem letzten Zweifler klar werden dürfte, dass Peter Gabriel auf einem ganz schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn zu wandeln pflegt. Lay Your Hands On Me ist da schon etwas schwieriger in der Interpretation - die einen sprechen von Selbstentfremdung, die anderen von absoluter Hingabe, um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, was der Song mir sagen will. Grandios ist abermals die wechselartige Stimmung, das Lied baut sich wahnsinnig schizophren auf, bis die losen Soundenden - die Collins-mäßigen Drums, das surreal geloopte Geräusch am Anfang - abermals in einem unglaublichen, kraftvollen Finale zuammengeführt werden, das das titelgebende I am willing, lay your hands on me, over meeeeeeeee hinausschreit, bis die Boxen beben - so muss das sein! Dagegen wirkt das folgende Wallflower ziemlich fad, man merkt deutlich die Absicht, ein zweites Biko zu schreiben, nur leider ohne die lyrische Dringlichkeit und die einprägsamen Chorgesänge - schade drum. Mit Kiss of Life endet die Platte höchst eigenartig in einem surrealen Samba, der aus einem David Lynch-Film stammen könnte und thematisch wieder an The Rhythm of the Heat erinnert - ein sehr umstrittener Song bei Fans, mir gefällt er sehr gut und in meinen Augen liefert er genau das richtige Ende zu diesem irren Horrortrip.

Von seinen frühen Alben ist Peter Gabriel IV klar das beste. Davor war es für mich das dritte Album, welches diesen Titel für sich beanspruchen konnte, doch die Klangwelten der vierten Platte sind noch vielschichtiger und dichter als die des manchmal doch noch recht kruden Vorgängers. Ein ganz besonderes Schmankerl ist bei dieser LP die deutsche Version, zeitgleich als Deutsches Album in der BRD, den USA und Japan erschienen. Diese liefert die Songtexte auf deutsch, vorgetragen von Gabriel selbst, und schafft dank der höchst eigenwilligen Aussprache des Sängern eine noch viel wahnsinnigere Atmosphäre als die englische Version - doch das ist dann wirklich nur für Hartgesottene, denn die ersten Male wird man einfach nur über die Deutschversuche des Briten lachen müssen. Hat man sich jedoch an die Eigenheiten der deutschen Version gewöhnt, wird man die viel druckvollere Produktion und die teils zum Brüllen komischen Wortspiele der deutschen Übersetzung nicht mehr missen wollen - nicht als Ersatz des Originals natürlich, sondern als Ergänzungsmaterial, sozusagen.

Doch egal, welche der beiden Versionen man jetzt bevorzugt, die bereits erwähnte kalte, erbarmungslose Produktion aus dem frühen digitalen Zeitalter ist genau das, was diese Inhalte gebraucht haben - Drums kommen mit unerbittlicher Härte aus den Boxen, die Fairlight-Spielereien schießen nur so aus allen Ecken und Enden hervor und ergeben ein grenzgeniales, verrücktes, den Hörer ganz und gar vereinnahmendes Klangbild. So und Us sind dann zwar für mich persönlich nochmals besser als das Frühwerk, aber mein Gott, wer nur ein einziges Peter Gabriel-Album hören und erleben möchte, der muss zum Grenzen überschreitenden, tiefgründigen und durch und durch einfach nur komplett irren Peter Gabriel IV greifen. Unbedingte Empfehlung und trotz subjektiver Rückstellung hinter seine Nachfolger die glasklare Höchstwertung! 

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