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Ash My Love - Money

Dieter Oitzinger/Noise Appeal Records
Money, it's a gas - das wussten schon Pink Floyd, die sich auf dem steten Weg in die jahrzehntelange Selbstverliebtheit Roger Waters' auch über das liebe Geld ausließen. Oktober 2017: der zweite Longplayer der auf der Medienkiste schon des Öfteren besprochenen Ash My Love erscheint, was für viele Fans (und auch für mich) naturgemäß ein Ereignis darstellt. Der Titel, so knapp wie programmatisch: Money. Aus persönlichen Gründen konnte ich mich nie genauer mit der Platte befassen, nun ist es endlich soweit und ich wünsche euch viel Vergnügen in den oft dreckigen, staubtrockenen Soundwelten der Wiener Delta-Rocker.

Es ist doch so: Geld ist eines dieser Konzepte, ohne die die Welt eine gänzlich andere, vielleicht bessere, auf jeden Fall eine vollkommen andere wäre. Etwas, wovon man sich oft erlöst wünscht, aber in den entscheidenen Momenten eben doch mehr als gut gebrauchen kann. Für Gläubige also ein bisschen wie Religion - diesen Bogen spannen Ash My Love gleich auf dem Opener God's Got It, der eine Allmacht schildert, die die poor man's needs nach allem erfüllen kann. Für das Konzept der Platte nimmt Geld also einen gesellschaftlich ähnlich hohen Stellenwert ein wie Gott in den Kirchengemeinden dieser Welt - etwas Unumstößliches also, ein Heiligtum, dem man zu dienen hat. Nicht umsonst zitieren die Albumcredits Charles Laughtons Die Nacht des Jägers, einen Film, der mit seiner schonungslosen Darstellung von Habsucht und Geldgier in den Fünfzigern naturgemäß auf breite Ablehnung stieß (inzwischen darf er sich zu den einflussreichsten Filmen der Geschichte zählen!). Und bei all den Folgen, die eine solche Sucht nach Kapital mit sich bringt, ist es doch besser, sich den eigenen Idealen, die aus tiefster Seele zu einem sprechen und alles Geld der Welt überdauern können,  zuzuwenden: Hey, Bo Diddley! Der Musikpionier, bekannt für seinen Rock 'n' Roll und den Einsatz afrikanischer Rhythmen, dürfte wohl - so wie Robert Johnson für den Erstling Honeymoon Blues - musikalischer Pate für Money gestanden haben und die Atmosphäre pendelt sich irgendwo zwischen einer zynischen Variante von König der Löwen und dem dreckigen Noise-Worldbeat-Punkrock-Soundtrack zu Oliver Stones Natural Born Killers ein - ganz gemäß dem echten Rock 'n' Roll, eben.

Auch straightforwarde Rocker finden zwischen der oft zum Zerreißen dichten Atmosphäre ihren wohlverdienten Platz - Asleep etwa, oder das bereits 2015 als Single erschienene Darling (Oh My), dem in den zwei Jahren seit dem limited release nochmal ordentlich Feuer unterm Basslauf gemacht wurde und der nun wirklich... "am Ziel angekommen" klingt - will heißen, die hypnotische Phrase my dear darling, where have you been? All my friends are gone (verführerisch-manisch von Ursula Winterauer vertont) darf nun zwischen dem wie immer hinreißend-angriffslustigen Gitarrenspiel Andreas Dauböcks ganz düster strahlen. Like the Devils do, eben. Auf dem Titeltrack Money darf dafür Andreas den Elvis aus der Hölle sensationell mimen, während Ursulas Bass auch den letzten Zweifel an der Dringlichkeit von Zeilen wieMoney won't let me go mit Schmackes aus dem Weg räumt. Und auf dem Closer Buried Alive richtet sich das Duo in Public-Enemy-Manier, wenn auch leicht subtiler, an die Fanbase: we'll be the ones who break free. Das Ende monetärer Knechtschaft, die Hinwendung zu den schönen Künsten, wie sie die beiden auf ihrem zweiten Album so lässig zelebrieren, als wären sie schon Jahrzehnte im Business, ist eine längst überfällige. Und Money der passende Soundtrack dazu. It's a gas - besonders, wenn Ash My Love draufsteht.


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