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War - The World Is A Ghetto

United Artists
Brütende Hitze, grelles Sonnenlicht und wolkenfreier Himmel - der Frühling ist jetzt endgültig da. Das verlangt nach dem richtigen Soundtrack, mit dem man so richtig entspannt Sonne tanken und trotzdem geistig gefordert werden kann.

War waren eine wahrhaftig Grenzen sprengende Gruppe: bereits in den frühen 60ern trafen sich die Musiker mit afro- und lateinamerikanischem Background in Los Angeles. Da sich die Einflüsse aus traditionell eher schwarzen Musikrichtungen wie Jazz und Blues erstklassig mit dem Latino-Sound der damaligen Zeit kombinieren ließen, war die Idee, gemeinsam Musik zu machen, natürlich naheliegend. 1970 veröffentlichte man schließlich gemeinsam mit Animals-Frontmann Eric Burdon das ambitionierte, aber noch etwas kraftlose Debut Eric Burdon Declares War, bald darauf folgte mit The Black Man's Burdon ein ähnlich zahnloser Zweitling. Nachdem Eric Burdon das Kollektiv 1971 verlassen hatte, wurden die Platten von Mal zu Mal besser - noch im selben Jahr folgten mit War und All Day Music bereits zwei echte Funk-Klassiker, die sich sowohl bei Publikum als auch Kritik behaupten konnten. Ende 1972 erschien dann als insgesamt fünftes Album The World Is A Ghetto, das der Band endgültig zum Durchbruch verhelfen sollte. Und eines kann ich vorwegnehmen: das tat es vollkommen zurecht!

Denn schon der Opener The Cisco Kid kommt so lässig und relaxed daher, dass sich beim Hörer wie von selbst ein kleines natural high einstellt. Die groovende Basslinie, das jazzige Saxophon und die lässig durch den Hintergrund schwurbelnde Gitarre laden des Weiteren zum lasziven Tanzen ein - Portwein inklusive ;) Als Single schaffte es der Track auf Platz 2 der Billboard Charts und ist bis heute einer der bekanntesten Songs von War - so fand er auch in Grand Theft Auto V Verwendung.
Der Rest des Albums ist dann nach diesem beschwingten Einstieg eine einzige, lange Suite der puren Entspannung. Where Was You At mit seiner letztendlich egalitären Einstellung zur gesuchten Geliebten und dem Rat, sich doch einfach einen Hund zuzulegen, ist aus denselben Elementen wie der Opener gebaut, nur ist der Groove hier viel, viel langsamer und entspannter - eine Einladung, sich ein Gläschen Whiskey einzuschenken und auf der Terrasse in der Sonne zu aalen. Diese Stimmung eines brütend heißen Nachmittags findet in dem fast viertelstündigen Instrumental City, Country, City Verwendung, in dem ein langsames Bluesmotiv der Harmonika den ersten Teil bestimmt, ehe die ganze Band einsteigt und einen psychedelischen Trip übers Land unternimmt, ehe man dann am Abend wieder zurück ins Viertel geholt wird, wo das Eingangsmotiv die erste Seite beschließt. Dabei passiert besonders zwischen Bass und Saxophon sehr viel, wie in einer Jamsession treten die einzelnen Stimmen plötzlich in den Vorder- oder in den Hintergrund, wandern von links nach rechts, sodass die Boxen auf ihre Touren kommen. Kein Wunder, dass die Scheibe damals sogar im Surround-Vorgängerformat Quadrophonic Tape erschienen ist. Diese sehr frei gespielte Reise durch psychedelische Klanglandschaften tönt dabei etwa nach der ersten Soloscheibe von Curtis Mayfield - besonders fühle ich mich da an Move On Up erinnert.

Seite zwei startet mit Four Cornered Room, wohl einem DER Songs, um high zu werden. Wieder tut sich eine nahezu unendliche Basslinie in den Vordergrund, die Timbales und allerhand Percussion spielen sich ganz tief und intim in den Gehörgang und berauschen selbst ganz ohne zugehörige Substanzen. Der Gesang scheint gleichsam im Raum zu schweben, ein ganz eigenartiges und stimulierendes Fest für die Sinne. Der Titeltrack The World Is A Ghetto geht abermals über 10 Minuten Länge und bringt das Element der social conscience in die Musik der Platte: don't you know that it's true that for me and for you the world is a ghetto? Das Leben im Ghetto und soziale Missstände sollten War drei Jahre später auf dem genauso legendären Why Can't We Be Friends? noch genauer und konsequenter beleuchten, hier bleibt es bei diesem einen Song, dessen Text letzten Endes auch primär als Aufhänger für einen zehnminütigen Jazz-Relaxer dient, bei dem die Band abermals aus dem Vollen schöpfen kann und zeigt, was sie draufhat. Besonders Charles Millers Saxophone dürfen hier endlich so glänzen, wie es ihnen gebührt. Beetles in the Bog ist dann der kurze Abschluss, bei welchem man sich an die Titelmusiken einschlägiger 60er und 70er-Jahre-Serien wie 77 Sunset Strip oder The Sreets of San Francisco erinnert fühlt - ewige Anspannung im Ghetto?

Wohl kaum, denn dafür ist The World Is A Ghetto einfach viel zu lässig, zu verspielt, zu selbstsicher in seinen nicht enden wollenden Jams, Soli und rauchigen Gesangspassagen. Das, meine lieben Leserinnen und Leser, das ist ein wahrhaftig großer Wurf, ein Meilenstein, geradezu das Momentum einer der großartigsten und unterschätztesten Gruppen der Musikgeschichte. Wie virtuos die sieben Musiker hier Funk, Soul, Blues, Psychedelic Rock und Sambarhythmen zu einer einmaligen, mitreißenden Mischung verkochen, zeugt von großem Talent. Und der Erfolg der Platte gab der Band Recht: das meistverkaufte Album des Jahres wurde es 1973 in den USA, während der Release in England und Kontinentaleuropa drei Monate später erfolgte und zum Jahreswechsel wohl hoffnungslos unterging. Doch wenn die Platten so erfolgreich waren, warum sage ich denn dann, dass War so unterschätzt sind? Nun, die Geschichte hat die Band leider nahezu vergessen. Neuauflagen der Platten sind rar gesät und alte Auflagen können schon mal teuer werden. Wer es dennoch schafft, The World Is A Ghetto aufzutreiben, soll unbedingt zugreifen. Das ist ein Album, das wirklich zählt!

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