Direkt zum Hauptbereich

Bonnie & Clyde (1967) - Eine Revolution des Kinos, Sinnbild eines Volkes im Umbruch

 
Warner Bros./Seven Arts


Wir befinden uns gerade in einer konservativen Revolution: Mitte-Rechts-Parteien sind in der Europäischen Union salonfähig geworden, die Rechte Einzelner werden schon einmal großzügig übergangen, Pressefreiheit und Demokratie stehen auf dem Prüfstand einer Bevölkerung, die sich zwischen zwei Extremen zu orientieren versucht und aus allen Richtungen mit der Wahrheit zwangsbeglückt wird. All das gab es - so erzählt man sich - vor fünfzig Jahren auch schon in umgekehrter Richtung: liberale Werte von der Gleichberechtigung, vom Streben nach der ganz persönlichen Freiheit und vom Ausbrechen aus bürgerlichen Konventionen durchdrangen allmählich erzkonservative Gesellschaften und besonders in der BRD, den USA und Großbritannien kam es oft genug zu Ausschreitungen zwischen dem "Establishment" und den Vertretern der neuen Geistesströmungen, durch welche die Bevölkerung sich ebenfalls in zwei Fronten teilte. Dieser radikale Geist der Revolution durchdrang während der 60er-Jahre natürlich auch den Kulturbetrieb, der ebenso als Vermittlerkraft für die Flower-Power-Bewegung und ihnen Nahestehende diente: in der Musik waren es Gruppen wie The Who, deren extremes und destruktives öffentliches Auftreten den aufgestauten Zorn der Jugend in längst zu Klassikern gewordenen Songs wie My Generation ansprach und für die Nachwelt konservieren sollte.

Natürlich kann dies gleichermaßen für den Film gelten - große Leinwandepen wie Lawrence von Arabien oder Musicals wie Singin' in the Rain waren 1967 längst nicht mehr angesagt. Hollywood wurde langsam, aber sicher vom neuen Geist jener Jahre des Umbruchs gepackt - Filme wie Der Unbeugsame oder In der Hitze der Nacht brachen mit den Konventionen des golden age of Hollywood und setzten auf gesellschaftliche Außenseiter (einen Sträfling bzw. einen farbigen Polizisten in der Einöde von Mississippi) anstelle "echter, amerikanischer Männer" wie John Wayne in den Hauptrollen. Nur vier Tage nach In der Hitze der Nacht (und Monate vor Der Unbeugsame) gelangte ein Werk ins Kino, das wohl fast im Alleingang das Aggressionspotenzial einer missverstandenen Jugend und ihr Verlangen nach einer vollständigen Abkehr vom Establishment Hollywood-tauglich machte und filmgeschichtlich als wahrscheinlich bedeutendster Film der gesamten 60er-Jahre betrachtet werden kann: Arthur Penns Bonnie and Clyde.

Ist man von Chaos und Ungewissheit umgeben, sucht man sich ganz von alleine irgendeine Art der Identifikationsfigur - einer Figur, deren Handeln man als richtig und gut erachtet, deren Existenz alleine als etwas ganz und gar Notwendiges angesehen werden kann und die von einer Art höherer Macht bestimmt zu sein worden scheint, das Halt suchende Volk ins gelobte Land zu führen. 1930, während der Weltwirtschaftskrise, begegnen sich die Kellnerin Bonnie Parker und der Gauner Clyde Barrow zufällig. Sie verlieben sich ineinander und werden ein Paar - drei Jahre später haben sie bereits 14 Polizisten auf dem Gewissen, eine Menge Tankstellen und Banken ausgeraubt und treiben ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Justiz und der sensationsgeilen Presse. Zur Freude der Bevölkerung, die ihnen immer wieder Unterschlupf gewährt, ihnen hilft und sie zu modernen Robin Hoods hochstilisiert. Bonnie und Clyde wurden als Rächer der kleinen Leute, als Revolutionäre gegen eine Staatsmacht, die im Zuge der Finanzkrise schwer versagt hatte, gefeiert und vergöttert. Wie gemacht also für einen Film, der das Publikum der später als 68er bezeichneten Generation ansprechen sollte. Die beiden lernen sich im Film kennen, als Clyde Bonnies Mutter das Auto klauen möchte - fünf Minuten später hat Clyde vor Bonnies Augen einen Gemischtwarenhändler ausgeraubt und die beiden fliehen jubelnd und lachend aus der Stadt. Später im Film wird Bonnie sagen, sie sei ganz einfach naiv und verliebt gewesen, als sie sich dazu entschloss, mit Clyde mitzukommen. Doch in dem Moment, da sie zu Beginn beschließt, gemeinsam mit Clyde eine Verbrecherkarriere hinzulegen, da wirkt das alles überaus gewollt, wie ein bewusster Bruch mit ihrem einfachen Leben auf dem Land.

Und überhaupt wirken die beiden während des ganzen Films so gar nicht verurteilenswert und amoralisch: natürlich sind sie im Grunde amoralisch, weil sie willkürlich Banken berauben, Autos klauen und es genießen, die Justiz zu verhöhnen und öffentlich bloßzustellen. Aber das Pärchen mit den zwei Revolvern im Anschlag, dem Fedora respektive der Strickhaube auf dem Kopf und zwei ewig coolen Grinsern auf den Lippen muss einem als Zeuge einfach sympathisch sein: Faye Dunaway und Warren Beatty mimen das Gangsterpaar, das im Grunde nur auf der Suche nach seiner eigenen Freiheit fernab des Korsetts von Konvention und Konformität zu sein scheint, so ur-sympathisch und liebenswert, dass man Bonnie und Clyde einfach ins Herz schließen muss. Die Konflikte werden dabei eher an den anderen Beteiligten reflektiert und treten dabei durchaus auch unter Einsatz von Gewalt zum Vorschein: Clydes Bruder Buck (Gene Hackman) und seine Frau Blanche (Estelle Parsons) beschwören mit ihrer lauten, unbedachten und überhaupt ziemlich planlosen Art in der zweiten Filmhälfte ein Drama ums andere hervor, was bei den beiden Protagonisten zunehmend für schwache Nerven sorgt - und damit auch für Fehler. Bei einer überstürzten Fluchtaktion kommt es zum Kugelhagel und zu Opfern, die Überlebenden müssen sich durchschlagen und werden von Zivilisten gepflegt. Beim Vater des Bandenmitglieds C.W. Moss (Michael J. Pollard) finden sie letztendlich Unterschlupf. Doch dieser schließt einen Pakt mit dem Texas Ranger Frank Hamer (Denver Pyle) und liefert ihm Bonnie und Clyde ans Messer: nach eindreiviertel Stunden Laufzeit stirbt das berühmteste Gangsterpaar Amerikas im Kugelhagel eines feigen Hinterhalts auf einer Landstraße. Und damit wird der Zuschauer mit einem flauen Gefühl im Magen zurückgelassen...

Flau zum Einen, weil die Art der Inszenierung ihr Publikum in einen moralischen Zwiespalt bringt, den es im Hollywood-Kino bis dato nicht gegeben hatte: da waren - bei aller Verlockung - Verbrecher immer die Bösen und das Gesetz stand am Ende doch noch siegreich da, damit das Publikum nur ja nicht auf dumme Gedanken käme. Nicht so bei Bonnie and Clyde. Klar, auch hier gewinnt das Gesetz letzten Endes den Kampf gegen das Unrecht. Nur, dass es diesen Kampf mit faschistoiden Mitteln, einem unverhältnismäßig hohen Materialaufwand und nicht zuletzt mithilfe eines doppelzüngigen alten Mannes geschlagen hat. Bonnie Parker und Clyde Barrow sind in Arthur Penns Film die Opfer eines zu eingespielten und übermächtigen Establishments, einer Staatsmacht, die sich die Feigheit seiner Untergebenen zunutze macht, um den status quo bei aller Gewalt beizubehalten. Soll man sich da wirklich freuen, dass die beiden Hauptpersonen, die nicht nur für die Bevölkerung im Film, der alles genommen wurde, sondern auch für das Publikum gewissermaßen Freiheitskämpfer und Revolutionäre gegen ein unmenschliches System darstellten, am Ende durchlöchert auf der Straße liegen, während die Polizei sich um den Tatort versammelt und mit großen Augen auf die Gerichteten starrt?
Flau zum Anderen, weil der Film als Ganzes betrachtet absolut kompromisslos daherkommt. Nicht umsonst hieß es damals, Bonnie and Clyde sei der Gipfel des filmischen Sadismus und ein nie dagewesenes Blutbad aus dem bis dahin eher verhaltenen Hollywoodkino. Es wird am laufenden Band geschossen, das Kunstblut fließt stellenweise in Strömen und Aufnahmen wie die des Schusses, der Blanche ihres linken Auges beraubt, sorgen nach wie vor für leichtes Unwohlsein. Ganz ehrlich, alleine schon wegen des Gewaltpegels muss dieser Film für Hollywood wie ein Orkan gewesen sein - zerstörerisch, mitreißend und bei den meisten ungewollt. Dafür wurde das Werk bei seiner Erstaufführung auch in Grund und Boden kritisiert, erst eine Wiederaufführung auf Drängen des Hauptdarstellers und Produzenten Warren Beatty brachte den gewünschten Erfolg und machte Bonnie and Clyde zu einem der umsatzstärksten Filme des Jahres, der mit weltweit 70 Millionen Dollar fast das 30-fache seines Budgets von 2.5 Millionen einspielte. Und bei all den Anfechtungen war der Film in seiner drastischen Erzählweise und den blutigen Bildern eines der Pionierwerke des New Hollywood Cinema, das Außenseiter zu Hauptfiguren und die Gesellschaft zum verachtenswerten, amoralischen und menschenunwürdigen Konstrukt machen sollte und auch in puncto Gewalt sowie deren Inszenierung gehörig von der Geschichte des berühmten Gangsterpärchens zehrte. Bonnie and Clyde mag zunächst wie ein alter Schinken aus längst vergangenen Tagen wirken, doch lässt man sich genauer auf die Darstellung ein und befasst sich etwas mit den 68ern, so erscheint einem der Genius dieses Films wie von alleine und ganz von selbst beginnt man zu begreifen, dass dieses Spiel um Identität, um Freiheit und um Werte die Stimmung widerspiegelt, in der sich die Vereinigten Staaten, nein, im Grunde die gesamte Welt zum Zeitpunkt der Veröffentlichung befanden. Bonnie Parker und Clyde Barrow sind die Messiasfiguren der armen Bevölkerung, sie sind ein Symbol der Hoffnung und des Glaubens an seine eigenen Träume, und sie scheinen sich spielend leicht über allgemein gültig geglaubte Regeln hinwegsetzen zu können - einfach nur, weil ihnen ihr ganz eigenes Glück wichtiger ist als irgendwelche Regeln oder gesellschaftliches Ansehen. Bonnie und Clyde spiegelten für die 68er wahrscheinlich ihre ganz eigenen Sehnsüchte wider, den Traum vom Freisein, die Illusion einer herrscherlosen Gesellschaft, mit der Millionen und Abermillionen in die Irre geführt wurden und den Traum von unverfälschter, reiner Liebe bis in den Tod und darüber hinaus.

Und filmisch wurde dieses Märtyrertum, die Größe, die Arthur Penn seinen Protagonisten andichtete, auf eine damals revolutionäre Weise umgesetzt: wo Schießereien im Gangsterfilm der frühen 30er-Jahre oft noch kurz und schmerzlos abgehandelt wurden, stehen Bonnie und Clyde schon mal zehn Minuten im Gefecht, mit Tommygun und Revolver in den Händen, werden besonders treffsichere Schüsse in der Zeitlupe gezeigt und Autos begeistert zu riesigen Flammenbällen. Die Kompromisslosigkeit des Filmes sprach seinem Publikum direkt aus den sehnsüchtigen Herzen und machte Bonnie & Clyde zu einem Film, der als Vertreter für ein ganzes Filmjahrzehnt, eine ganze Generation stehen kann. Und die Ambivalenz, mit der man als Zuschauer zwischen Trauer und Zufriedenheit ob des extremen Endes des Gangsterpaares zurückgelassen wird, sorgt dafür, dass man über das Gesehene ernsthaft reflektiert. Und dafür, dass Bonnie & Clyde nach wie vor den Esprit des Ruchlosen, des Gewagten und des moralisch Strittigen verströmt. Gerade in Zeiten, in denen Hollywoodproduktionen längst wieder auf dem oft dümmlichen, erzkonservativen Niveau der McCarthy-Ära angekommen sind, in denen Produzenten mit ihrem Geld herrschen und Schauspieler zu Clowns vor dem Greenscreen verkommen, gerade in solchen Zeiten ist es absolut notwendig, sich vor Augen zu halten, wozu die Traumfabrik des Films dereinst fähig war und was der unerschütterliche Glaube an Veränderung alles bewirken kann - selbst in so lange etablierten, eher konservativ ausgerichteten Kreisen wie Hollywood. Faye Dunaway, Warren Beatty, Arthur Penn - ich ziehe meinen Hut. Bonnie & Clyde wird als Monument des Wandels, als Sinnbild einer Revolution und als trauriges Lehrstück zur Übermacht des Staates und des Korsetts des Bürgertums auch noch in fünfzig Jahren Bestand haben und seinem Publikum aus der Seele sprechen.

That's what you done for me. You made me somebody they're gonna remember.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Genesis - The Lamb Lies Down On Broadway

Wer schon einmal in einem wahren Rausch der Inspiration gewesen ist, kennt das: man schreibt und schreibt, wohl wissend, dass jedes Wort, jeder Satz, den man niederschreibt, allerhöchste Qualität besitzt und die ganze Welt es wissen muss. So erging es auch Genesis-Frontmann Peter Gabriel, der 1974 im Alleingang ein Doppelalbum über Sinnsuche, erste Male und eine Menge Sinnestäuschungen schrieb. Nicht alle waren damit so einverstanden...
Die zeitgenössische Rezeption des Ulysses von James Joyce war eine weitgehend entsetzte: man sprach und schrieb von dem Jahrhundertwerk als ungenießbares Konzentrat, als die 1500-seitige Fantasie eines Jungen, der sich dabei seine Pickel auskratzt, als einzige, große, verwirrende Schweinerei. Wer das im Hinterkopf behält und sich auf The Lamb Lies Down On Broadway, den Ulysses of Concept Albums (The New Yorker) einzulassen gedenkt, muss also wagemutig sein und starke Nerven besitzen. Als großer Joyce-Fan und Genesis-Liebhaber konnte ich der Versuchung …

Die allertraurigste Romantik und das schönste Leiden: Peter Gabriel - Us

Allgemein sagt man ja, Musiker in Krisen seien die besten Musiker. Geldprobleme wie bei Springsteen, die Folgen eines Überfalls auf Paul McCartney und das Wissen um Johnny Cashs baldigen Krebstod haben bei selbigen zu ganz und gar außergewöhnlichen, meisterhaften Ergebnissen geführt. Und auch Peter Gabriel stand 1992 vor den Trümmern seiner Beziehung mit der Schauspielerin Rosanna Arquette sowie vor einem zerrütteten Verhältnis zu seiner Tochter Anna-Marie. Das alles versuchte er auf seinem sechsten Studioalbum Us musikalisch zu verarbeiten.

Und wie sehr er sich ins Zeug gelegt haben muss, um seinem Privatleben das passende Soundgewand zu vermachen, wird sogleich am Opener Come Talk To Me deutlich. Afrikanische Schlaginstrumente, Dudelsack, ein armenisches Duduk sowie russicher Choralgesang veredeln das Drama um Entfremdung, um die Unfähigkeit, ab einem gewissen Punkt in Beziehungen miteinander zu reden und nicht zuletzt um unüberbrückbare Distanzen, die sich zwischen Menschen auftun …

Die Klasse von 1984 (1982)

A Clockwork Orange meets Death Wish meets What the actual fuck!?Die Klasse von 1984 ist wirklich ein ganz besonderes Schätzchen unter den abenteuerlichen Dystopien der späten 70er und frühen 80er - warum man an Schulen nur noch mit Schusswaffen unterrichten kann, wie viel Koks eigentlich so auf Highschool-Klos vertickt wird und was das alles mit einem extrem schlechten Haarschnitt von Michael J. Fox zu tun hat, erfahrt ihr hier und heute: viel Vergnügen.


Idealistische Lehrer, die für ihr Fach Feuer und Flamme sind und bei deren Erscheinen die gesamte Klasse auf den Tisch steigt, die Hand aufs Herz legt und oh captain, my captain... intoniert? Richtig: nett anzuhören und wunderbar anzusehen, nur leider enorm realitätsfremd. Idealistische Lehre, die für ihr Fach Feuer und Flamme sind und bei deren Erscheinen Papierkugeln und Stühle durch die Gegend fliegen, während ein glatzköpfiger Kampfkoloss von einem Schüler bereits sein Messer wetzt? Hmm... vielleicht schon eher. Glaubt man zumindes…