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Genesis - The Lamb Lies Down On Broadway

Virgin/Charisma

Wer schon einmal in einem wahren Rausch der Inspiration gewesen ist, kennt das: man schreibt und schreibt, wohl wissend, dass jedes Wort, jeder Satz, den man niederschreibt, allerhöchste Qualität besitzt und die ganze Welt es wissen muss. So erging es auch Genesis-Frontmann Peter Gabriel, der 1974 im Alleingang ein Doppelalbum über Sinnsuche, erste Male und eine Menge Sinnestäuschungen schrieb. Nicht alle waren damit so einverstanden...

Die zeitgenössische Rezeption des Ulysses von James Joyce war eine weitgehend entsetzte: man sprach und schrieb von dem Jahrhundertwerk als ungenießbares Konzentrat, als die 1500-seitige Fantasie eines Jungen, der sich dabei seine Pickel auskratzt, als einzige, große, verwirrende Schweinerei. Wer das im Hinterkopf behält und sich auf The Lamb Lies Down On Broadway, den Ulysses of Concept Albums (The New Yorker) einzulassen gedenkt, muss also wagemutig sein und starke Nerven besitzen. Als großer Joyce-Fan und Genesis-Liebhaber konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, einmal ganz genau hinzuhören...

Was, hat man die erste Seite des Doppelalbums aufgelegt, sogleich auffällt, ist die wortgewandte Sprache, die Peter Gabriel hier reicher als auf den vorigen Platten anzuwenden weiß. Die Einleitung erzählt von der New Yorker Nacht, die langsam in den Tag übergeht, dem Wind, der vom Meer kommend durch die Straßen weht, den schließenden Pornokinos, aber auch den ersten Arbeitenden, die wie an jedem anderen Tag ausschwärmen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.  Der für diese Produktion charakteristische verzerrte Bass von Mike Rutherford bearbeitet die Lyrics und bildet im Duett mit Phil Collins' großartigem Schlagzeug einmal mehr die melodische Grundstimmung der folgenden 95 Minuten. Gefangen zwischen traumähnlicher Leichtigkeit und Horror, zwischen Verwirrung, Angst und Aggression schafft der Opener jene zerrissene Atmosphäre, die The Lamb Lies Down On Broadway mit Sicherheit zum schwierigsten Genesis-Album macht. Die folgenden fünf Stücke, die nahtlos ineinander übergehen, zerlegen die Motive in der Partitur bereits, verarbeiten auch den ein oder anderen äußeren Einfluss (etwa von den Drifters und - wenn auch nur sehr vage - Uhrwerk Orange) und machen die erste Seite zu einem ganz und gar runden, komplexen, aber sehr genießbaren Werk, das mit Sicherheit zu den großen Momenten von Genesis gehört. 

The Grand Parade of Lifeless Packaging ist für den Protagonisten Rael, aber auch für die ganze Band der Punkt, an dem das Geschehen und seine musikalische Begleitung immer abstruser, verkopfter und surrealer werden. Rael wähnt sich in seiner Vergangenheit, denkt an seine Zeit in der Besserungsanstalt, seine ersten sexuellen Erfahrungen, seine Gang in den Straßen von New York (faces and traces of home back in New York City) und findet sich dabei immer mehr in einer Welt wieder, die an die Grenzen des Erlebbaren gleitet und in der er seinen Bruder John sucht, welcher Teil der großen Parade lebloser Hüllen geworden zu sein scheint. Stellen wie Counting Out Time sind dabei von einer zeitlosen Eleganz vereinnahmt, die dieses Stück nach wie vor zu einem Liebling unter Fans macht und - was auf diesem Album oft genug NICHT der Fall ist - lässt eine eng zusammenarbeitende, harmonisch klingende Band erahnen. Der Rest der zweiten Seite ist sehr, sehr schwierig einzuordnen, sperrig und zudem wirklich nicht gut produziert: alte Genesis-Alben sind für das klangliche Mischmasch, das sie zuweilen darstellen, unter Klangfetischisten berüchtigt und The Lamb ist da leider absolut keine Ausnahme. Innerlich ist man froh, wenn die Kammer der 32 Türen erreicht ist und man Seite 3 auflegen kann - die auch für die Hauptperson Rael wieder positiver wird.

Liliwhite Lilith ist ganz ehrlich unübertroffen. Ich glaube, es gibt ganz, ganz wenige Songs, die ein solches Niveau erreichen - zwischen erdigem Rock und federleichtem Klangspiel decken Genesis in diesen drei kurzen Minuten so ziemlich jedes Spektrum ab und bleiben dabei auch noch ungemein catchy. Besser geht's doch gar nicht. Die 12-saitige Gitarre Rutherfords darf hier einmal so richtig in den Vordergrund treten und evoziert Gedanken an feinsten britischen Hard Rock jener Jahre, auch eine kleine Prise Glam darf nicht fehlen. Geht man rein nach musikalischen Einflüssen, müsste dies tatsächlich das allerreichste Genesis-Album sein - weitere Stücke auf der dritten Seite erinnern nämlich weiters ans Folk-Revival, die Musik der Renaissance (The Lamia), barocke Fugen oder Bluesrock. Eigentlich unglaublich, wie viel auf ein Album passt und was für eine Vielzahl an Ideen beim Songwriting vorhanden war. Hier gelangt Rael nun aus der Kammer der 32 Türen über Umwege zu bildschönen Kreaturen, die zunächst Sex mit ihm haben, dann seit Blut anzapfen und sterben. Der einzige Weg, wieder menschlich zu werden, ist die Kastration, und so lässt sich Rael mit seinem inzwischen wiedergefundenen Bruder John kastrieren und trägt sein Gemächt anschließend an einer Kette um den Hals spazieren - bis es ihm von einem Raben geklaut wird. Als Rael seinen Penis wieder an sich genommen hat, - wir sind inzwischen auf Seite 4 und somit am Schluss angelangt - sieht er seinen Bruder beim Ertrinken. Er muss sich entscheiden, durch das nun offene Tor wieder nach New York zurückzukehren oder John zu retten. Sein Bruder ist ihm wichtiger, und so rettet Rael John, nur um festzustellen, dass er selber John ist und sich die ganze Szenerie jetzt auflöst, während Rael eins wird mit allem, was ihn umgibt. Das alles wird von den großartigsten Keyboards und Drums begleitet, die man bei Genesis nur hören kann. 

The Lamb Lies Down On Broadway, das wirkt alles manchmal schon wie ein einziger, gigantischer Witz Peter Gabriels - die Szenerie kippt fast schon im Minutentakt, wortreiche Visionen wechseln sich mit exzentrischen Wortspielen und Teenagerwitzchen ab, wobei auch die musikalische Untermalung voll ist von Verzerrungen, Stereo-Spielereien und abenteuerlichsten Akkordfolgen. Viel davon entstand spontan in Jamsessions, was zur Folge hat, dass die Band sich oft besonders tight und aufeinander eingespielt zeigt. Anders bei den Songtexten: die sind eindeutig Produkte Peter Gabriels, was innerhalb der Band für viele Spannungen sorgte und zu Gabriels Ausstieg im Folgejahr 1975 führen sollte - er verbot allen anderen, Songtexte zu verfassen und wollte um jeden Preis seine Vision des Doppelalbums durchsetzen, die sich auch in den eigens verfassten Liner Notes auf der Innenseite des Klappcovers nachlesen lässt. Der hier geschilderte Plot beruft sich auch auf Gabriels Anmerkungen dazu, denn ich persönlich muss ganz ehrlich sagen, dass ich bei diesem Album irgendwann den Durchblick bei der Handlung verloren habe. Ich glaube vielmehr, man muss das alles metaphorisch betrachten: Raels Suche nach seinem Bruder, sein Abgleiten in eine Welt voller Gefahren und schräger Figuren, sein finales Einswerden mit der Welt und dem Universum stehen für die eigene Sinnsuche und ganz besonders für das Finden der eigenen Rolle an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Wir haben es immerhin nicht umsonst mit einem circa 18-jährigen Delinquenten zu tun, der sich bei seiner Einführung bereits auf der Flucht befindet - auf der Flucht vor Erwachsenen und ihren Wertvorstellungen, auf der Flucht vor Entwicklungen, die ihn verwirren und nicht zuletzt auch auf der Flucht vor Konventionen des Bürgertums, die einhergehen mit dem kulturellen Erbe des Landes, in dem Rael groß geworden ist. Während Peter Gabriel von den MGM-Musicalfilmen der 30er singt, geben Glenn Miller, John F. Kennedy und Fred Astaire sich die Hand, und all das passiert zur selben Zeit, zu der Rael genau davor und allem, was kulturell und sozial daran hängt, auf der Flucht ist. Die reichsten Bilder von blutsaugenden Nymphomaninnen, denen man nur durch Kastration entrinnen kann, und Räumen mit Dutzenden von Türen sind allesamt in erster Linie Sinnbilder für die Wirrungen der Jugend, die Entscheidungsvielfalt, die sich einem in jenen Jahren bietet und das Gefühl kompletter Überforderung angesichts so vieler möglicher Lebensentwürfe. Der Weg von New York auf die andere Seite, von der bis zuletzt nicht klar wird, ob sie schon das Jenseits oder noch eine Zwischenwelt höchster spiritueller Reinheit ist, ist der Weg weg von alldem, von den Erwartungen der Gesellschaft, von Beziehungen, die mehr Probleme aufwerfen als lösen, hin in das einzig wahre Selbst, das hier für tiefsten inneren Frieden steht und durch das Einswerden mit allem erkenntlich wird.

Mit The Lamb Lies Down On Broadway ließ Peter Gabriel auch die letzten kritischen Stimmen, welche an seiner lyrischen Gabe gezweifelt hatten und das Vorgängeralbum Selling England by the Pound noch als 'viel zu britisch' und exzentrisch bezeichnet hatten, verstummen. Es ist nicht zu leugnen, dass Gabriels vieldeutige Geschichte um Rael und seine Erlebnisse der literarischen Brillanz des oft als Vergleich genannten Ulysses um nichts nachsteht. So reich an Metaphern, so gefüllt mit Wortspielereien und phonetischen Tricks ist ein Rockalbum sehr, sehr selten und meistens ist es dann ohnehin eines, das entweder den Namen Peter Gabriel oder David Bowie trägt, vielleicht noch Richard Thompson oder Elvis Costello. Auch musikalisch gibt es am Lamm wenig auszusetzen, Drummer Phil Collins spielt hier um sein Leben, Tony Banks darf sich an Mellotron, Synthesizer, Keyboard, Orgel sowie Klavier so richtig austoben, Hackett und Rutherford sorgen mit ihren Gitarren für die richtige Dosis Erdung im Gesamtpaket und Peter Gabriel darf sich durch die 23 Songs schreien, säuseln und quaken, virtuoser als sonst in seiner beispiellosen Karriere. Man hat es also mit einem wirklich außergewöhnlichen, wenn auch schwer zugänglichen Konzeptalbum erster Güte zu tun, das nur durch ein Manko wirklich gebremst wird: die Produktion. Was da - sowohl auf Original-Vinyl als auch auf den verschiedenen CD-Pressungen - teilweise für spannungsloser, undurchsichtiger Klangbrei produziert wurde, ist wirklich ermüdend und traurig. Besonders die zweite Seite der Vinylausgabe (also die Songs 7 bis 11) leidet unter einem extrem schwachen, matschig tönenden Mix, bei dem alles irgendwie zusammengewürfelt wurde, wie als ob man das alles irgendwie in zwei Stereokanäle packen wollte. Hier könnte der Surround-Mix etwas Abhilfe schaffen - Tatsache ist aber, dass alle Genesis-Alben vor Invisible Touch ganz einfach nicht gut klingen. 

Kann man darüber allerdings hinwegsehen (und wer Genesis, bevor sie zum Ö3-Liebling wurden, mag, wird das sowieso müssen!), belohnt einen The Lamb Lies Down On Broadway reicher als die meisten anderen Platten. Es ist doppelbödig, musikalisch vielseitig, literarisch wertvoll und bis auf den Durchhänger bei Seite 2 auch sehr spannend umgesetzt. Das Album benötigt seine Zeit und mehr als einen oder zwei Durchläufe, doch wer Genesis mag und sich auf das Abenteuer einlässt, wird es schwer haben, aus The Lamb Lies Down On Broadway wieder rauszufinden - versprochen!

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