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The latest party is never far: David Bowie - "Diamond Dogs"

RCA/Parlophone
Wie kommt man auf die Idee, Orwells 1984 zu einem Musical umzuschreiben, komplett mit einem Hammer-Titellied und einer Menge Glanz und Glam? Sowas konnte man sich nur in den Siebzigern ausdenken - einem Jahrzehnt, das die Freude am Untergang und an Drogen aller Art so schillernd zelebrierte wie kaum ein anderes.

Das Musical sollte niemals aufgeführt werden - Orwells Witwe verweigerte dem Kopf hinter dem Projekt die Zustimmung. Dieser Kopf hieß David Bowie. Und der machte aus seinen Ideen kurzerhand ein neues Album unter dem Titel Diamond Dogs, eine musikalische Dystopie, die - angereichert mit einer Menge Anspielungen und höchst dekadent tönenden Passagen - den Weg Bowies weg vom Glam hin zu Funk und Soul ebnen sollte. Nur, macht diese Reise auch beim Zuhören Spaß?

Am Anfang war das Wort - zumindest hier. Diamond Dogs dürfte das einzige Bowie-Album mit einer gesprochenen Einleitung sein und selbige mit dem Titel Future Legend erzählt gleich ganz schaurig von der postapokalyptischen Szenerie der Platte, von sich stapelnden und verrottenden Leichen, gesichtslosen Wolkenkratzern, die von Straßengangs bevölkert und demoliert werden, während Ratten in Katzengröße von Flöhen in Rattengröße ausgesaugt werden. Uhrwerk Orange als eine Art pervertierter Planet der Affen im Stil von 50er-Jahre-Naturhorror. Wow, das muss man erst einmal aufnehmen. Solange jedenfalls, bis der Satz this ain't rock 'n' roll, this is genocide einen unter tosendem Applaus mitten in diese düstere Welt hineinwirft. Der nun folgende, hymnisch anmutende Titelsong Diamond Dogs setzt mit dem ersten Satz  auch gleich die Haltung fest, auf die es bei diesem Album hinausläuft: as they pulled you out of the oxygen tent you asked for the latest party - nach der Sauerstofftherapie gleich mal wieder auf die Party, also wenn das kein dekadenter Lebensstil ist! Ähnlich wie bei Station to Station steht diese apokalyptische Feierlaune im Mittelpunkt des Geschehens, doch wird sie hier noch energetischer und lustvoller behandelt als auf den seelisch zerrütteten Studien, die 1975/76 den Geist Bowies vereinnehmen sollten. Eine Welt, die von mannequins with kill appeal tyrannisiert wird, muss man sich ja auch irgendwie erträglich machen. Zum Beispiel mit Broschen von Dalì und in Verkleidung eines Freak aus dem Todd-Browning-Film Freaks - sie alle werden von Bowie erwähnt und erweitern den Scopus seiner Lyrik auf diesem Album ungemein, man kommt um den Vergleich mit Uhrwerk Orange samt dessen höchstgebildeten Gangleader Alex DeLarge eigentlich nicht umhin, würde er nicht komplett den Rahmen sprengen. Ihn einfach mal zu erwähnen, reicht also fürs Erste.

Das zusammenhängende Trio Sweet Thing/Candidate/Sweet Thing (Reprise) ist opernhaft angelegt und traktiert den Verlust der Fähigkeit, zu lieben, in einer Welt, die sich letztendlich auf rein körperliche Intimität beschränkt zu haben scheint. Sex als putting pain in a stranger zu bezeichnen, sagt eigentlich schon alles. Und auch, wenn der Erzähler in dem Song versucht, eine Prostituierte wirklich zu lieben, bleibt trotzdem nicht mehr, als gemeinsam im Drogenrausch in einen Fluss zu springen. Und musikalisch? Klingt das Ganze nicht mehr wirklich nach Glam (zum Glück), sondern nimmt Anleihen an der Avantgarde, am Funk, an der Music Hall und mixt alles zu einem verführerischen Klangcocktail, der Jahrzehnte später auf Outside wieder serviert werden sollte. Einzig Rebel Rebel, die obligatorische Hitsingle mit höchst ansteckendem Riff, ist eindeutig ein Kind des Glam und als solches hat es der Song halt etwas schwer bei mir, wenngleich ich ihn trotzdem immer wieder gern höre. Trotzdem nicht der beste Song auf Diamond Dogs, ein Schicksal, das sich Rebel Rebel mit dem daran anschließenden Rock 'n' Roll with Me teilt - ganz nett, atmosphärisch und alles, aber im Kontext eines solch abgefahrenen Albums irgendwie zu konventionell, zu unspektakulär, nicht gewagt genug. Das psychedelische We Are the Dead, das auch wieder an den Orwell-Stoff anschließt, bringt das Album wieder auf Spur - I love you in your fuck-me pumps heißt es da vor dem fatalen because of all we've seen, because of all we've said we are the dead, auf das mein Höhepunkt dieses Albums folgt. Nämlich der ultra-funky 1984, der wohl einmal als Titellied für das Musical geplant war und als solches unheimlich catchy und einfach nur megageil eingespielt ist. Ein Traum! Und Vorausblick auf Bowies nächste Alben, auf denen dieser Sound noch viel präsenter werden sollte. Mit Big Brother und dem Chant of the Ever Circling Skeletal Family werden die Motive der elf Songs nochmal vereint, was dem Ganzen einen fast schon klassischen Anstrich gibt. Die sehr seltsame, weil kritische und trotzdem höchst dekadente Stimmung dieses Abschlusses sitzt dem Album wie angegossen und sorgt für ein Gefühl beim Hören, das sich am ehesten als bittere Euphorie beschreiben lässt. Das ist etwas ganz Besonderes.

Auch wenn Diamond Dogs zwei oder drei Songs hat, die sich wirklich ziehen und sich so überhaupt nicht ins Gesamtbild einfügen wollen, der Rest des Albums ist der helle Wahnsinn. Man hört an jeder Note, an jeder intonierten Songzeile das Umfeld, in dem sich Bowie damals wohl bewegte, die kreativsten und gleichzeitig auch dekadentesten, wildesten Geister versammeln sich auf den Songs von Diamond Dogs, auf Songs, die anprangern und gleichzeitig feiern, verdammen und dabei selbst nur allzu gut wissen, das im Verdammten auch die Freude und in der Not auch die Dekadenz liegen. Wer sich jemals vor einem schwarzen Unglückstag hemmungslos gehen ließ und ein ganzes Wochenende zwischen himmelsgleicher Lebensfreude und bodenloser Finsternis im Herzen bewegte, der muss dieses Album einfach hören. Und dieser Teil von mir gibt ihm trotz seiner offensichtlichen Schwächen die Höchstwertung samt uneingeschränkter Empfehlung für alle, die sich manchmal auch so fühlen, als würden sie am liebsten komplett high in einen Fluss springen und den Menschen beim Verrotten zuschauen.

If this trade is a curse, then I'll bless you...

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