Direkt zum Hauptbereich

The Beatles - The Beatles [White Album]

It's been a while - hier überaus passend, immerhin ist der letzte Blogpost ziemlich genau zweieinhalb Monate her. In diesen zwei Monaten hat sich medial vielleicht nicht allzuviel neues getan, doch ich habe die Liebe zu einem Album entdeckt, welches ich nun hier vorstellen möchte.

Die Beatles sind legendär, soweit klar. Doch welches ihrer Alben nun eigentlich den wirklichen Legendenstatus verdient, darüber sind sich die meisten Menschen uneinig. Von Sgt. Pepper bis sogar zu Yellow Submarine reichen hier die Stimmen. Doch für mich ist dieser Fall eigentlich klar, denn mein liebstes Album der Fab Four ist zugleich das, an dem sich die meisten Geister scheiden. Das legendäre The Beatles, inoffiziell auch White Album bezeichnet ist die Spitze des kreativen Potenzials der Jungs aus Liverpool.

Scan eines Fotos von Paul McCartney, welches diversen Vinyl- und CD-Auflagen (hier: 30th Anniversary Edition, 1998) beiliegt (Copyright Apple Music/EMI)

Nach den Aufnahmen zu Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band im Frühjahr 1967 stieg die Gruppe aus ihrem Vertrag bei Parlophone aus, um (nach einem längeren Indien-Aufenthalt) das legendäre Label Apple zu gründen. Die allererste auf Apple gepresste Platte war eine Sinatra-Single, gedacht als Geschenk für Ringo Starrs damalige Ehefrau, Maureen Starkey. Bald darauf folgte George Harrisons Debüt-LP Wonderwall Music, die gnadenlos floppte. Drei Wochen darauf, am 22. November 1968 erschien es dann: Das White Album, dessen Aufnahmesessions sich über fünf Monate hinzogen, während denen es zu gewaltigen Spannungen innerhalb der bereits zerbrechenden Band kam ("you could cut that atmosphere with a knife"). Ringo Starr verließ zudem spontan das Aufnahmestudio, um nach Sizilien zu reisen, da er sich mehr als fünftes Rad am Wagen sah. Lennon erinnerte sich später, "die Band befand sich im Auflösen und auf diesem Album konnte man es hören".

Ein nur allzu realer Gedanke, da das Album, im Gegensatz zum vorherigen Werk, inhaltlich wenig Zusammenhang aufweist. Nein, jedes Bandmitglied hat hier seine ganz persönliche Sternstunde, auch der ansonsten eher im Hintergrund agierende George Harrison auf While My Guitar Gently Weeps, mit Eric Clapton an der Gitarre (eines der Highlights des Albums!). Auch stilistisch wirkt das Album sehr durchbrochen, denn auf diesem Album sind Genres wie Hard Rock, Ballade, Folk/Country, Rock, Blues und sogar Avantgarde (wieder einmal dank Yoko Ono) vertreten. Und hier beweisen die Beatles aufs Neue, weshalb sie bis heute Legendenstatus haben, denn sie beherrschen all diese Stile meisterhaft und mit solch ungebannter Kreativität, dass heute davon - zumindest in verkommenen Mainstream-Gefilden - allerhöchstens noch geträumt werden kann. Ab und an mischt sich auch noch das Element der Parodie hinzu, etwa auf McCartneys Rock-Opener Back in the U.S.S.R. Die meisterhafte Instrumentation der gesamt 30 Tracks tut das Übrige, um das Album zum Meisterwerk zu machen.


Produzent George Martin war davon wenig begeistert - er war stets dagegen, ein Doppelalbum (das einzige in der achtjährigen Geschichte der Beatles) zu veröffentlichen und wollte es auf 15 Songs herabkürzen. Doch die Fab Four wehrten sich - zum Glück. Besonders hervorzuheben sind auf diesem Album das harte Helter Skelter und die Avantgardecollage Revolution 9. Beide zeigen eine ganz ungewohnte, neue Seite der Band auf, die beim Anhören durchaus zu überraschen vermag. Helter Skelter mit McCartneys aggressiv-brüllenden Gesang entstand in einem Konkurrenzkampf um den (damals) härtesten Song aller Zeiten, den zuvor Pete Townshend von The Who mit I Can See For Miles aus der LP Sell Out für sich beansprucht hatte. Der aggressive Text, insbesondere der Refrain, beeindruckten den berühmt-berüchtigten Serienmörder Charles Manson derart, dass er den Songtitel spontan zum Flügelwort für einen Rassenkrieg, den er für 1969 prophezeite, erklärte - unwissend, dass Helter Skelter eigentlich eine Rutsche in einem alten Vergnügungspark in Birmingham war.

Zum anderen wäre da Revolution 9, eine achtminütige Collage von Stimmengewirr, Chorgesang, einem rückwärts abgespielten Klavier und so ziemlich allem, was sich spontan im Archiv auftreiben ließ. John Lennon und Yoko Ono kündigten somit schon die Richtung, in die sich ihr künstlerisches Schaffen entwickeln würde, an (sie veröffentlichen 1969 die beiden überaus interessanten LPs  Unfinished Music Vol. 1 & 2). Die Collage ist bis heute umstritten, die einen sagen, Lennon wollte sich über die Hörer lustig machen, die anderen sagen, er wollte sich mit dem Stück in der Avantgardeszene etablieren. Was auch immer er erreichen wollte - das Stück gefällt mir ungemein!


Das White Album - eine perfekte Symbiose verschiedenster Musikrichtungen und ein Beweisstück der ungeahnten Talente einzelner Bandmitglieder. Dass die Band sich danach ziemlich bald trennte, war zum Release bereits abzusehen, doch das tut dem Hörgenuss keinerlei Abbruch. Es ist immer wieder eine Freude, die Beatles in so vielen verschiedenen Musikstilen zu erleben und immer wieder neue Details in den teils sehr komplizierten Arrangements zu finden. Eine unbedingte Empfehlung für jeden Leser, der seinen Horizont erweitern möchte!

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Various - Belgian Nuggets 90s-00s: Volume 1

 Es ist schön, wenn etwas erhalten bleibt - egal, ob das Kochrezepte oder Häkelhauben sind. Das Gefühl, Werke vergangener Tage,  großer wie kleiner Bedeutung, für die Nachwelt konserviert und verfügbar gemacht zu haben, muss toll sein. Und gerade bei Musik gibt es sehr viele Bands - die eindeutige Mehrheit aller jemals existierenden Bands und Solokünstler - die auf kleine, engagierte Fanbasen angewiesen sind, um ihr Werk am Leben zu erhalten. Ein Beispiel für einen solch leidenschaftlichen Musikfreund ist der Belgier Tony Vandenbogaerde. Er betreibt in dem kleinen, grenznahen Städtchen Kortrijk das Label Mayway Records, welches sich auf kleine Releases belgischer Independent-Künstler spezialisiert. Zusätzlich zu denen denkt der Liebhaber, der gemeinsam mit seiner Frau die Plattenfirma führt, jedoch größer: er möchte - so in eigenen Worten - neue Maßstäbe in Belgien und darüber hinaus setzen. Wie so oft war ihm dabei der Zufall behilflich: vor einigen Jahren kaufte Tony eine riesige CD…

Genesis - The Lamb Lies Down On Broadway

Wer schon einmal in einem wahren Rausch der Inspiration gewesen ist, kennt das: man schreibt und schreibt, wohl wissend, dass jedes Wort, jeder Satz, den man niederschreibt, allerhöchste Qualität besitzt und die ganze Welt es wissen muss. So erging es auch Genesis-Frontmann Peter Gabriel, der 1974 im Alleingang ein Doppelalbum über Sinnsuche, erste Male und eine Menge Sinnestäuschungen schrieb. Nicht alle waren damit so einverstanden...
Die zeitgenössische Rezeption des Ulysses von James Joyce war eine weitgehend entsetzte: man sprach und schrieb von dem Jahrhundertwerk als ungenießbares Konzentrat, als die 1500-seitige Fantasie eines Jungen, der sich dabei seine Pickel auskratzt, als einzige, große, verwirrende Schweinerei. Wer das im Hinterkopf behält und sich auf The Lamb Lies Down On Broadway, den Ulysses of Concept Albums (The New Yorker) einzulassen gedenkt, muss also wagemutig sein und starke Nerven besitzen. Als großer Joyce-Fan und Genesis-Liebhaber konnte ich der Versuchung …

Heaven's Gate - Das Tor zum Himmel (1980)

Die USA sind doch in Wirklichkeit eine gottverdammte Bananenrepublik.

Ungefähr einmal pro Jahrzehnt erscheint ein Film, der mehr als nur ein einfacher Flop ist. Aus kommerzieller Sicht ist er ein Desaster, eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes, den Hollywood als Anlass zu allen möglichen Regeländerungen nimmt, der von allen Filmschaffenden als Negativbeispiel hochgehalten wird, wie man es nicht machen sollte. Unlängst erst erschien mit John Carter so ein Film. Die 60er hatten Der Untergang des römischen Reiches. Die 70er hatten Mohammed - Der Gesandte Gottes. Und die 80er hatten Heaven's Gate, einen Film, der zum Verkauf seines Studios führte und bei der US-Kritik bis heute kaum ein gutes Haar hat. Und das nur, weil Amerikaner ein verdammt ignorantes Volk sind.

Schon die Einführung in Michael Ciminos (The Deer Hunter, Im Jahr des Drachen) opus magnum erinnert einen an groß angelegte Epen wie Der Pate, zumal offensichtlich dieselben Farbfilter wie bei Coppolas Film benutzt wurd…