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Genesis - Invisible Touch

Cover-Scan (Copyright Virgin Records/Genesis)
Sei es David Bowies Never Let Me Down, AC/DCs Fly on the Wall oder Coldplays Ghost Stories, viele Musiker haben dieses eine Album, das von den Fans verachtet und verspottet, im besten Fall noch ignoriert wird - so irgendwie auch Invisible Touch von Genesis, das beim Release im Sommer 1986 für die Fans der 70er-Progressive-Rock-Genesis ein harter Schlag gewesen sein dürfte und in Besprechungen bis heute neben dem Nachfolger I Can't Dance das Schwarze Schaf der Band-Diskographie darstellt. Trotz allem waren die beiden genannten Alben mit Verkäufen jenseits der 15 Millionen Exemplare die wohl erfolgreichsten der britischen Ausnahmeband. Kann das Album Invisible Touch also wirklich so schlecht sein, wie es gerne gemacht wird?

Bald nach der extrem erfolgreichen Veröffentlichung des Albums No Jacket Required von Bandmitglied Phil Collins traf man sich Ende 1985 wieder auf der alten Farm irgendwo im britischen Hinterland, wo bereits (mit Ausnahme des Debüts von 1969) all die Genesis-Platten zuvor aufgenommen worden, um gemeinsam nach drei Jahren Pause an einem neuen Album zu werkeln. Wie Keyboardspieler Tony Banks später berichtete, war sich die Band "komplett sicher bei dem, was sie tat. Das neue Album konnte gar kein Flop werden". Was auch der Wahrheit entspricht: Nach dem immensen Erfolg des Vorgängers Genesis von 1983 und der Soloplatten von Phil Collins hätte sich die Band alles erlauben können, es hätte ihnen in jedem Fall hohe Gewinnzahlen verschafft.

Die große Selbstsicherheit und die Harmonie der Zusammenarbeit, die zwischen den drei Bandmitgliedern in jenem Winter 1985 herrschte, macht sich gleich beim Einlegen der CD bemerkbar: Der Opener Invisible Touch sorgt gleich für gute Stimmung und die Stimme von Phil Collins harmoniert wunderbar mit den Keyboardeinlagen von Tony Banks sowie immer wieder eingestreuten Gitarrenakkorden von Mike Rutherford, der 1985 mit seinem Nebenprojekt Mike & The Mechanics ebenfalls sehr erfolgreich war. Das Stück wurde als Leadsingle der Platte ausgekoppelt und - ganz wie erwartet - zu einem Welthit. Das nächste Stück Tonight Tonight Tonight ist nach dem lockeren Einstieg um vieles ernster: Phil Collins singt von Drogenabhängigkeit und davon, dass er heute Nacht alles besser machen wird (...try to shake it loose, cut it free, let it go... but just get it away from me... 'cause tonight, tonight, tonight maybe we'll make it right), umspielt von Banks' Keyboardsoli, die bedrohlich dahinrollen und den Hörer mit sich reißen, bevor das Lied mit Collins' letzter Strophe dramatisch endet. Das Stück erinnert - wenn auch nur sehr entfernt - an die "alten" Genesis, die gerne mal Stücke jenseits der Viertelstunde einspielten und diese über mehrere Alben fortsetzten (wie zum Beispiel Supper's Ready vom 72er-Album Foxtrot, im Folgejahr auf Selling England by the Pound nochmals kurz angespielt) - nur eben mit viel mehr Synthesizer und textlich doch nicht mehr so vielschichtig wie zu früheren Zeiten.

Die nächste Hitsingle des Albums war Land of Confusion, wohl auch aufgrund der großen Vertrautheit damit mein Lieblingsstück des Albums, ein herrlich eingängiges Lied über die Folgen politischer Machtsysteme und dem optimistischen Versprechen "my generation will put it right" , erneut getragen vom unverkennbaren Gesang von Phil Collins und diesmal auch mit wesentlich mehr Gitarreneinsatz von Mike Rutherford, womöglich hier mit den meisten Einsätzen des ganzen Albums. Die nächsten beiden Songs sind die Achillesferse des Albums, denn weder das schmalzige In Too Deep (wahrlich ein Graus für klassischere Genesis-Hörer) noch das vor lauter Synthesizer-Saxophonen nervig lärmende Anything She Does wissen den Hörer zu überzeugen.

Dafür belohnt einen das nächste Stück, das 11-minütige von Tony Banks getextete Domino, dessen Part I (In the Glow of the Night) durch Collins' Beschreibungen von imaginären Gesprächen zu einer Frau, während sich der Protagonist in einer vom Krieg zerrütteten Stadt (only foreign city sirens can cut through) befindet, getragen wird (Do you know what you have done? Do you know what you've begun?), bevor das Stück mit einem Schlag in den härteren, von Gitarren getragenen, zweiten Teil The Last Domino übergeht, der mit - für 80er-Jahre-Genesis - ungewohnt düsteren, fast schon apokalyptischen  Lyrics aufwartet (take a look at the mountains, take a look at the beautiful river of blood) und von mysteriösen, tragischen Ereignissen erzählt, sie vielmehr nur andeutet (now you never did see such a terrible thing as was seen last night on the TV). Domino verdient von allen Stücken auf dem Album wohl am ehesten die Bezeichnung Progressive, wenn sie meiner Meinung nach auch aufgrund des repetitiven Charakters trotzdem nicht vollends zuträfe.


Der vorletzte Song Throwing It All Away plätschert nett vor sich dahin, wird jedoch überraschenderweise vom Drumset getragen und behandelt bitter, aber optimistisch das Scheitern einer Beziehung, in der der männliche Protagonist sich dazu entschließt, alles hinzuschmeißen und zu gehen (Late at night when you call my name/the only sound you'll hear is the sound of your voice calling... calling after me). Großer Pluspunkt ist wieder einmal der sehr angenehme und melodische Gesang von Phil Collins, ohne den dieses Album ein Großteil seines Charmes einbüßen würde. Das letzte Stück verzichtet jedoch völlig auf Collins' Vokalkünste, so ist The Brazilian - für ein Mainstream-Album der 1980er-Jahre etwas ungewöhnlich - ein reines Instrumentalstück, welches aber bis auf ein leichtes Unbehagen und ein bisschen Spannung nicht wirklich viel zu übermitteln vermag. Ein etwas unausgegorener Schlusstrack.

Was bleibt zu Invisible Touch also zu sagen? Ist es anders als die klassischen Genesis-Platten? Und wie! Ist es künstlich? Aber sowas von! Könnte ebensogut Phil Collins auf dem Cover stehen? Nein! Denn obwohl Invisible Touch gerne unterstellt wird, eine bloße Erweiterung von Collins' eingangs erwähntem No Jacket Required zu sein, sind Einflüsse aller drei damaligen Bandmitglieder nicht zu leugnen: Das Album deckt ein für die alles-ist-neonfarben-und-unsere-Mucke-kommt-vom-Synthesizer-Attitüde der mittleren 80er-Jahre  unüblich breites Spektrum an Instrumenten ab, so sind neben den obligatorischen Keyboards auch viele Drum-Einsätze, Spielereien an Rutherfords Bass und im Intro zu Domino sogar Flöten zu vernehmen. All dies würde jedoch wenig bringen, wäre die technische Seite des Albums nicht so perfekt: Produzent Hugh Padgham trimmte das Album während der Produktion zur kalten, durchkalkulierten Perfektion, wie sie in den 80er-Jahren so typisch war, und sein Konzept ging wunderbar auf: Auf der richtigen Anlage gehört, klingt die originale CD-Auflage von Invisible Touch nahezu perfekt. Selten hörte ich eine solch gelungene Symbiose von Musik und Produktion, sodass jede Restauration dem Sound des Albums nur schaden kann (weshalb von den Remastered-Neuauflagen auch stets abgeraten wird) und jedes Anhören des Albums ein höchster Genuss fürs Ohr ist. Doch trotz allem muss ich sagen, dass dem Album die Virtuosität von Peter Gabriels So leider Gottes abgeht. Das ehemalige Genesis-Mitglied hatte nicht nur die bessere Leadsingle (Sledgehammer), sondern schaffte es zudem, sich selbst trotz Anbiederungen an den Massengeschmack der 80er etwas treuer zu bleiben als das Trio um Phil Collins, was auch damit belohnt wurde, dass er mit So nach einigen Wochen die ehemaligen Kollegen und Invisible Touch an der Spitze der US-Charts ablösen konnte. Trotzdem bleibt Invisible Touch insgesamt ein gutes Album, das gut anhörbar ist, dennoch im falschen Moment eine große Herausforderung für das Nervenkostüm darstellt und Hörer der frühen Genesis sowieso erstmal in Rage versetzen dürfte. Da ich jedoch über Invisible Touch überhaupt an das alte Material der Band gekommen bin und mir das Album als solches gut gefällt, kann ich es - gewisse 80er-Nostalgie vorausgesetzt - ohne schlechtes Gewissen empfehlen.

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