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Genesis - Duke

Copyright Charisma/Virgin Records

Nach einem vergangenen Post über Invisible Touch kommt hier nun ein weiteres von vielen missverstandenen Genesis-Alben, das über weite Strecken grandios eingespielte Duke von 1980.

Nachdem die Band 1978 plötzlich nur mehr aus den drei Mitgliedern Phil Collins, Mike Rutherford und Tony Banks bestand, veröffentlichte man das zugegeben ziemlich kitschige And Then There Were Three, Zeugnis einer Band, die nicht so recht wusste, wohin ihre Reise künftig gehen sollte. Gewissermaßen anspornend wirkte daher die 1979 vollzogene Scheidung von Phil Collins, die ihn in eine tiefe Sinnkrise stürzte, welche er musikalisch erst mit seinem 1985 erschienenen Album No Jacket Required wirklich überwunden hatte. In dieser schweren Stunde schrieb Collins sehr viel Songmaterial für sein Debütalbum Face Value von 1981 (ebenfalls ein großartiges Stück Musikgeschichte!), aber ebenso für ein weiteres Genesis-Album. So kam es, dass sich die Band Ende 1979 wieder traf und unter dem steten Einfluss Phil Collins' ein Album in 12 Tracks schrieb, wobei fünf als Gruppenkompositionen entstanden und die restlichen Stücke von den einzelnen Mitgliedern kamen.

Das Eröffnungsstück bildet Behind the Lines, ein fünfeinhalbminütiges Progressive-Stück, das mit einem treibenden Drumset beginnt, begleitet von Rutherfords stets subtil genutzter Gitarre. Nach über zwei Minuten setzt Collins' Gesang ein, ein fiktiver Dialog zu einer früheren Geliebten und somit wunderbar in seine damalige Situation passend (weshalb er es sich nicht nehmen ließ, das Stück auf seinem Debüt im Folgejahr zu covern). Dieses erste Highlight der Platte stellt auch den Beginn der albumdurchziehenden Duke Suite dar, die ihrerseits eine eigene Geschichte erzählt und gesamt sechs Stücke umfasst, ein Konzept, welches auch Pink Floyd auf dem 1975 erschienenen Wish You Were Here mit dem neunteiligen Shine on You Crazy Diamond umsetzten. Den nächsten Teil der Suite bildet der nahtlose Übergang zu Duchess, dem ersten Stück von Genesis, auf dem eine drum machine zum Einsatz kam. Das Stück baut sich - ganz progressiv - vom unauffälligen Geräusch der drum machine zu einer Fusion von Keyboard und Drums auf, bevor nach fast drei Minuten der Text wieder einsetzt, der ebenso nahtlos an den Opener anknüpft und von Erinnerungen an ebenjene Frau erzählt (She never thought about the future, she just did what she would/Oh, but she really cared about her music... it all seemed so important then). Das ganze Stück wird von der drum machine aus dem Intro begleitet, während immer wieder das Keyboard von Tony Banks angespielt wird. Ebendieses dominiert den kurzen Song, der nun folgt, die Banks-Komposition Guide Vocal, in der sich das "innere Ich" des Protagonisten der Suite verabschiedet und ihn allein mit seinem Leben zurücklässt (Take what's yours and be damned).

Hierauf folgt nun mein persönliches Highlight des Albums, Man of Our Times, welches kein Teil der Suite ist und in dem Phil Collins zeigen kann, was für ein Genie er an den Drums ist. Der schwer verständliche Text handelt womöglich vom Fall eines Idols, dem Ende eines Menschen, der als Konnektor einer ganzen Gesellschaft diente (No more me into me and you into you/Tonight, tonight, oh he's burning bright). Es folgt die Single, die Genesis in den Vereinigten Staaten zum endgültigen Durchbruch verhalf, das sehr keyboardlastige Misunderstanding, ein Stück über einen Mann, der die emotionale Distanz zwischen ihm und seiner Angebeteten nicht sehen will und jedes Versetztwerden als "Missverständnis" abtut (There must be some kind of mistake/I was waiting in the rain for hours and you were late). Hier kommt nun Heathaze, die Gedanken eines Tagträumers, der erkennt, dass er mit Realitätsflucht nichts erreicht und zurück in die reale Welt muss, die Erinnerung an alte Tage jedoch nicht loslassen kann (It's time to stop this dreaming, must rejoin the real world...The trees and I are shaken by the same wind, but whereas the trees will lose their withered leaves, I just can't seem to let them loose). Die Besonderheit des Stückes findet sich in Collins' Gesang, der bewusst Peter Gabriel imitiert und somit auf vergangene Zeiten der Band verweist.

Die zweite Seite setzt nun wieder die Duke Suite fort, und zwar mit dem astreinen Rocksong Turn It On Again, einem der großen Hits des Frühjahrs 1980, in dem Genesis fast wie Bon Jovi klingen. Der Text handelt von einem Mann, der sich in der Scheinwelt des Fernehens verliert und einer Frau aus einer Serie so sehr verfällt, dass der Fernseher für ihn zur Obsession wird (You're just another face that I know from the TV show/I have known you for so very long I feel you like a friend/Can't you do anything for me, can I touch you for a while?/Can I meet you on another day and we will fly away?/... I, I get so lonely when she's not there). Stark konträr schließt an diesen zweiten großen Höhepunkt des Albums Alone Tonight, ein eher unauffälliges Liedchen, an, in dem einzig der bombastische Drum-Einsatz im Refrain wirklich auffällt und das vom Alleinsein einer Person handelt, die große Trauer darüber zeigt (I know tonight that I'll be on my own again, alone again tonight). Das meiner Meinung nach unterschätzte Cul-de-sac (französisch für Sackgasse) folgt, in dem Phil Collins von den Enttäuschungen und Illusionen eines Lebens singt, auf das der Mensch letzten Endes so gut wie keinen Einfluss haben kann (You're just a natural fact, another cul-de-sac... on nature's hard unfeeling trail). Das Stück wird etwas sehr vom Keyboard beherrscht, doch der hintergründige Gitarreneinsatz Rutherfords entschädigt den Hörer locker.

Nun ist das Album leider an seinem einzig wirklichen Tiefpunkt angekommen, der Collins-Komposition Please Don't Ask, in der selbiger sich komplett im Selbstmitleid aufgrund der Scheidung verliert, etwas, das man auf seinen Soloalben locker hinnehmen kann (immerhin sollen diese ja im Fall Phil Collins durchaus auch eine Reflexion seines emotionalen befindens darstellen), doch auf einem Genesis-Album definitiv deplatziert ist. Zeilen wie Oh I cry a bit, I don't sleep too good, but I feel fine finden sich in ihrem lächerlichen Pathos nämlich gar nicht erst auf einem Collins-Soloalbum, weshalb sich mir nicht erschließt, aus welchem Grund die Band In the Air Tonight beispielsweise nicht auf dem Album wollte, da es meiner Meinung nach besser ins Klangbild der Platte, vielleicht sogar in das Konzept der Duke Suite gepasst hätte als Please Don't Ask. Sei's drum, die Platte und die Suite werden von den letzten beiden Stücken beschlossen, bei denen wir zum Einen Duke's Travels  hätten, in dem instrumental die Reise des Protagonisten in dessen Innerstes verdeutlicht wird, wobei virtuose Keyboard-Linien und erneut treibende Drums am meisten hervorstechen, bis zum Schluss in dieses instrumentale Duett erneut das Guide Vocal dringt, das vor allem rezitative Funktion erfüllt und gleichzeitig das hektische Kontraspiel der Instrumente in ein harmonisches, ruhiges Keyboard führt, dessen Minimalismus sich letztendlich auf eine einzige Taste beschränkt, bevor Duke's End nahtlos plötzlich wieder das Motiv aus dem Intro von Behind the Lines aufgreift und somit das Coda des Albums bildet, in dem die prägnanten Motive der Platte zusammengefasst werden und schließlich am Höhepunkt schlagartig in einem einzigen Beckenschlag enden.

Der Aufbau der Platte sowie die Verbundenheit einzelner Stücke und Motive des Albums sind etwas, was Genesis auf Duke zum letzten Mal in dieser Form präsentieren sollten und dem Ergebnis der Aufnahmesessions zuzuhören, ist schlichtweg atemberaubend. Denn nach dem enttäuschenden And Then There Were Three von 1978 war die Aussöhnung mit der Hörerschaft bitterst nötig. Und dennoch, Duke wurde von "Fans" der Band noch heftiger in der Luft zerrissen als der Vorgänger, so sprach man vom endgültigen "Ausverkauf" der Gruppe, davon, dass Phil Collins weg müsse, da er die Band in den Abgrund treibe. Was darüber hinaus vergessen wurde, war, dass Genesis in der Besetzung als Trio, in der sie bis 1991 immerhin sechs Alben aufnahm, besser zusammenarbeiten konnte als je zuvor. Zudem sind die Wurzeln im Progressive Rock auf Duke wohl noch stärker spürbar als auf späteren Alben, die sich immer mehr dem hochwertigen Pop zuwandten, der stets besser als die übrige 80er-Jahre-Konkurrenz war. Auf Duke findet eine Fusion von erdigem Rock, Pop und Progressive statt, wie ich sie in solcher Form niemals zuvor gehört hatte und die mich bis heute immer wieder aufs Neue fasziniert. Wer also über die Unkenrufer-"Fans", die der Band seit 1976 leider stets anhafteten, hinwegsehen kann und mit offenem Ohr an diese Platte herangehen kann, den erwartet mit Duke eines der besten (und unterbewertetsten) Genesis-Alben sowie fernab von allen Anhaftungen einfach ein großartiges, höchst professionell eingespieltes Album, das bei jedem Hören aufs Neue Freude bereitet.

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