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Filmkritik: Spring Breakers

Poster (Copyright Universum Film)

Seit längerer Zeit geisterte ein nicht ganz unumstrittenes Filmchen auf meiner Netflix-Liste, das ich bislang stets erfolgreich ignoriert habe. Aber heute Nachmittag überkam mich die Lust, das kontroverse Werk einmal zu sehen und so kam es auch zu diesem Blogpost: Willkommen in der irren Welt von Spring Breakers! (Die folgenden drei Absätze enthalten Details zur Handlung!)

Das Semester ist um und die vier Freundinnen Faith, Candy, Cotty und Brit träumen seit Jahresanfang davon, nach Florida zum berühmten Spring Break, der größten Semesterparty der Vereinigten Staaten, zu pilgern. Doch sie haben nicht genug Geld, weshalb drei von ihnen ein Diner irgendwo am Highway überfallen, um nicht mit leeren Taschen gen Süden zu reisen. Dort angekommen, stürzen sich die Mädchen ins ungezügelte Vergnügen, bis sie verhaftet werden und vor ein Gericht kommen. Doch das ist noch lange nicht das Ende der Fahnenstange...

Screenshot (Copyright Universum Film)







Der Gangster Alien (genial: James Franco!) zahlt die Kaution für die vier und führt sie schrittweise in sein Milieu ein. Die gläubige, stets vorsichtige Faith (ausgezeichnet gespielt von Selena Gomez) wird als erste misstrauisch und reist nach einigen Tagen ab. Die verbleibenden drei gehen mit Alien in Clubs und helfen ihm, seine Geschäfte durchzuziehen, sie werden von dem Sog, in den sie geraten sind, wie magisch angezogen.
Als jedoch einer von ihnen in den Arm geschossen wird, wendet sich das Blatt langsam: Die angeschossene Cotty reist verängstigt ab, während Candy und Brit mit Alien noch ein letztes Ding durchziehen wollen, namentlich: Vergeltung an dem Gangsterboss üben, der für Cottys Verwundung verantwortlich ist. Dabei stirbt Alien, die beiden Mädchen zerlegen das Anwesen des Gangsters und begeben sich mit dessen Lamborghini auf die Heimreise.

Soviel nun zur Handlung von Spring Breakers. Doch was macht Harmony Korines Film für mich einfach so gut, dass ich über ihn schreiben MUSS? Da wäre zum Einen das Erschaffen einer sehr künstlichen, unwirklichen und bedrohlichen Atmosphäre unter der Sonne Floridas, die einen sogleich in der Auftaktszene erfasst: Viele nackte Frauen und Männer, die am Strand tanzen, trinken, Spaß haben. Die Schnitte werden immer schneller, das Bild verschwimmt zusehends und das Verhalten der gezeigten Personen wird immer animalischer - Schnitt in den Hörsaal eines Colleges. Solche extremen Kontraste sind das wohl wichtigste Stilmittel des Films und sie werden oft bis an die Grenze des Erträglichen durchgeführt; etwa in jener Szene, in der die vier Mädchen in ihrer Gefängniszelle versauern, während häufig in ein Hotelzimmer am Spring Break umgeschnitten wird, in dem sich die Feiernden gegenseitig Koks vom Körper schniefen und sich zur Musik des DJs in andere Sphären tanzen. In jener Szene wird auch das zweite wichtige Stilmerkmal des Films ersichtlich, der Einsatz von Farbe: Spring Breakers ist in dunkles Neon, vorzugsweise Rot und Blau, getaucht und schafft damit einerseits eine Verbindung zu den ebenfalls neonfarbenen Illusionen der 1980er-Jahre, insbesondere derer der Serie Miami Vice, die ja genau so mit Drogen vor dem sonnigen Schauplatz Südfloridas zu tun hatte und eine ganze Generation zum Urlaub nach Miami trieb. Andererseits wird die schiere Unwahrheit dieser Vorstellungen deutlich auf den Punkt gebracht, ja sogar von einer Protagonistin beim Wort genannt: "Wir wollten einfach nur ein paar Tage der Realität entfliehen."

Der Charakter von Selena Gomez bildet in dieser unwirklichen Welt der abartigsten menschlichen Triebe, eingefangen durch Close-Ups der verschiedenen Partylocations, in denen Männer gefilmt werden, die fremde Frauen mit Bier und Whiskey vollschütten, sie mit allen Mitteln dazu bringen wollen, sich auch ihres letzten Kleidungsstückes zu entledigen und alle bis zur Bewusstlosigkeit trinken und koksen, einen Gegenpol, denn alleine schon ihr naturschwarzes Haar will nicht in die grell erleuchtete Umgebung des Films passen und auch ihre stets bewahrte Menschlichkeit (als sie von der Herkunft des Partygeldes erfährt, würde sie am liebsten auf der Stelle nach Maine zurück fahren) hebt sie von den anderen drei ab, die allmählich im Sog Floridas zu Tieren werden, beherrscht von ihren niederen Instinkten und gehalten von einem Wahnsinnigen, der von den Mädchen besessen ist und durch ihre Gewaltbereitschaft nur noch mehr aufgegeilt wird. Dass die drei Mädchen dem Gangster in solche Gefilde mit kindlicher Begeisterung folgen, ist zweifelsohne tragisch, doch wirft der Film gleichzeitig die Frage nach dem Ursprung der gezeigten Gewalthandlungen auf: Ist es wirklich verwerflicher, einen Menschen auszurauben und zu töten, als sich tagein, tagaus ohne Pause zu besaufen, sich mit jedem nur erdenklichen Wesen und Gegenstand zu paaren sowie sich reihenweise den Mageninhalt aus dem Leib zu kotzen? Beides folgt letzten Endes primitiven Urinstinkten des Menschen, die ihn zum simpelsten aller Lebewesen degradieren und den Wunsch nach Flucht verständlich und greifbar machen. Durch Dialogzeilen wie "Ich habe hier zu mir selbst gefunden", eingespielt während der finalen Schießerei, wird erneut unterstrichen, dass der Mensch genau in dieser perversen Scheinwelt sein wahres Ich jenseits jeglichen menschenwürdigen Verhaltens findet. Faiths geäußerte Träume von Freiheit werden hierbei zu einem satirischen Stilmittel umfunktioniert. In die Abschlussszenen, als die beiden verbleibenden Mädchen den toten Alien küssen und anschließend nach Hause zurück fahren, schleicht sich auch eine extreme Form von Ironie, was viele Szenen von Spring Breakers nochmals schwerer erträglich macht. Die dunkelsten Abgründe des Menschen werden zum Vorschein gebracht, sobald er sich in Massen mit seinesgleichen uneingeschränkter Lust hingibt, die ja eigentlich als eher positiv empfunden wird. Dies ist die verquere Aussage eines Filmes, in dem nur wenig so ist, wie es scheint, eines Filmes, der seine Zuseher entrückt zurücklässt und das Gefühl einer inneren Leere zurücklässt, denn es muss doch einen Grund für all das geben? Die Antwort sind wir selbst, denn genau diese Leere in uns, die Spring Breakers mit seinem ungewöhnlichen Ende heraufbeschwört, bringt uns dazu, genauso primitiv zu handeln wie die Protagonistinnen des Streifens. Regisseur Harmony Korine hält uns durch dieses geschickte Spiel mit Konventionen des Kinos einen Spiegel vor, lässt uns somit fast unbemerkt über uns selbst schockiert sein und klammert die Antworten auf allerhand Fragen bewusst aus. 

Der Soundtrack des Films tut sein Übriges zu dieser irrealen Atmosphäre, so besteht er primär aus EDM und Dubstep (produziert von Skrillex) und beschallt das Publikum von allen Seiten, die künstlichen Klänge der Musik passen hier einfach perfekt zur allgemeinen Atmosphäre. Die Kamera von Benoit Debie zeigt vor allem verschwommene, zerrissene Bilder, fast immer mit Neon ausgeleuchtet und mit Handkamera gedreht. Das Editing mit all seinen Bildfiltern und Schnitten setzt dem Geschehen noch die Krone auf. Zudem erstaunlich ist die Tatsache, dass in den Hauptrollen sehr viele Stars vorkommen, die von Kindern und Jugendlichen zur Entstehungszeit des Films idolisiert wurden, vor allem Selena Gomez und Vanessa Hudgens. Dies untermalt die These der zerstörten Illusionen am Spring Break, denn würden Kinder "ihre" Stars in einem solchen Film sehen, wären sie vermutlich im höchsten Maße desillusioniert. Genauso wie die Protagonistinnen, die den amerikanischen Traum von Freiheit und Unbeschwertheit suchen und letzten Endes einen Gangster finden, der seinen amerikanischen Traum über Geld, Waffen und Drogen definiert. Dass sie dieser so in seinen Bann zieht, beweist nur mehr, wie verzweifelt wir uns an Illusionen klammern, dass wir sie selbst dann noch annehmen wollen, wenn wir sie vollkommen zerrüttet und entzaubert vorfinden.
Spring Breakers ist wahrlich kein Partyfilm, auch wenn Szenen wie der Anfang dies vermuten lassen. Vielmehr ist der Film ein dunkler Trip in die tiefsten Ebenen der Seele, das sprichwörtliche Tier im Menschen, in eine Welt voll Exzess und Gewalt. In verstörende Bilder und pervers-paradoxe Dialogzeilen über Freiheit getaucht, ist Spring Breakers für all jene empfehlenswert, die morbide Filme und surreale Trips lieben. Für all jene ist der Film dann vor allem eines: Ein oft verkanntes Meisterwerk, das wahrlich eine Ausnahme im Filmschaffen der letzten paar Jahre darstellt und das keiner, der es gesehen hat, so schnell vergessen können wird. Wahrlich eine grandiose Meisterleistung!

Spring Break forever!

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