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David Bowie - The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars

Cover-Scan (Copyright RCA Victor)
Glam Rock war eine Modeerscheinung der Musikgeschichte, die gerade mal vier Jahre von kommerzieller Bedeutung war. Einer ihrer Pioniere war David Bowie, der das Genre mit seinem 1970 erschienenen The Man Who Sold The World  begründete und damit eine Lawine an mäßig talentierten Typen in schrillen Kostümen, die teils wirklich idiotische Texte sangen, lostrat. Wirklich nennenswerten Output lieferten vor allem die beiden Genrepioniere Bowie und Marc Bolan, der 1972 mit 20th Century Boy einen Welthit landete. Im selben Jahr gelang auch dem jungen, höchst talentierten Bowie der endgültige Durchbruch mit seiner fünften LP The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars, die heute von vielen als sein bestes Album angesehen wird. Ob ich mich dieser landläufigen Meinung anschließe, erfahrt ihr hier.

Für ein Glam-Album beginnt dieses hier sehr leise: Ein langsames Fade-In lässt allmählich Drums erahnen, nach ungefähr fünf Sekunden ertönt ein einzelnes Piano-Riff und zum ersten Mal ertönt die Stimme des Hauptakteurs: Pushing through the market square, so many mothers sighing/News had just come over: We had five years to cry in. Der Opener Five Years berichtet von der Nachricht, die Welt werde in fünf Jahren untergehen. Die Menschen geraten in Panik und Massenunruhen erreichen England. Beim ersten Take des Liedes erlitt David Bowie einen Nervenzusammenbruch, sodass er den Refrain irgendwann nur noch heulend unter Tränen herausbrachte. Da ihm dies im Nachhinein so gut gefiel, wählte er diesen ersten Take gleich für das fertige Album aus, sein Ausbruch ist also für den geneigten Zuhörer leicht zu bezeugen. Inmitten dieser anarchistischen Zustände finden sich nun zwei Erdenbürger, die sich füreinander bestimmt fühlen und ihre letzten Jahre gemeinsam verbringen möchten (Soul Love). Das Lied erzählt auch von verschiedenen Formen der Liebe wie der titelgebenden Soul Love, der Stone Love, die Toten zuteil wird oder der naiv-unwissenden Idiot Love ohne wirkliche Hoffnungen. In Moonage Daydream tritt erstmals Ziggy Stardust in Erscheinung, er ist ein junger Mann mit Rockstar-Ambitionen und einem großen Ego, der sich in seinen Tagträumen für einen space invader hält und die Liebe als das höchste Gut der Menschheit ansieht (The church of man, love, is such a holy place to be). Es folgt nun Ziggys erster selbst geschriebener Song: Starman ist einer der berühmtesten Bowie-Songs und erzählt von einem jungen Mann, der beim nächtlichen Radiohören die Botschaft eines Außerirdischen empfängt, der die Menschen warnt (he's told us not to blow it) und sich auf der Erde ankündigt (Look out the window, I can see his light/If we can sparkle he may land tonight). It Ain't Easy ist die einzige Coverversion des Albums und erzählt von Ziggys Startproblemen im Rock-Business (It ain't easy to get to heaven when you're going down).

Seite zwei wird von Lady Stardust eröffnet, einem Stück, in dem es um Ziggys Wandlung zum androgynen Rockstar geht, quasi nach realem Vorbild Bowie. Er wird zunächst dafür verspottet, doch nach und nach wird er von Männern bewundert, von Frauen vergöttert (he was awful nice, really quite out of sight). Der letzte Satz des Liedes: Get some pussy now! Ziggy lebt sein Leben am Zenit des Rock also voll aus. Star handelt von Ziggys Einsicht, dass er nun wirklich am Olymp des Business angekommen ist, gleichzeitig spielt er jedoch mit dem Gedanken, mit seinem Einfluss die Welt zu einem besseren Ort zu machen (I could make it all worthwhile as a rock 'n' roll star). Doch das Starleben führt bei Ziggy zu mehr und mehr Übermut, er betrachtet sich als eine Art Gottheit, seine Band als Unterwürfige, wie es in Hang Onto Yourself geschildert wird. Die nun folgenden beiden Lieder sind für mich der absolute Höhepunkt des Albums: In Ziggy Stardust lösen sich die "Spiders From Mars" wegen Ziggys unkontrollierbar gewordenem Verhalten auf, zumal der Hauptakteur der Band endgültig in die Drogenabhängigkeit gerutscht sein dürfte (When the kids had killed the man I had to break up the band). Ziggys Freunde wollen ihm helfe, erteilen ihm Ratschläge, die Ziggy jedoch kalt lassen (Hey man - Oh, Henry, don't be unkind, go away!). Darum geht es im grandiosen Suffragette City, dem besten Song der Platte. In Rock 'n' Roll Suicide ist Ziggy Stardust schlussendlich gebrochen, er muss erkennen, wie schlecht sein Leben verlaufen ist und endet als seelisches Wrack (You're too old to lose it, too young to choose it). Sein letzter Ausweg ist der Tod, den er als Trost empfindet und der ihm schon die Hand reicht (Gimme your hands 'cause you're wonderful). Und so leise, wie das Album anfing, endet es auch wieder.

Soviel zur Geschichte. Doch wie ist sie umgesetzt? Die Songs sind alle sehr emotional, getragen voon Bowies Stimme, die wie ein Chamäleon verschiedenste Gefühlslagen ungemein glaubhaft rüberbringt. Und einige der Songs sind wirkliche Meisterwerke, besonders hervorzuheben sind dabei Five Years, Starman, Ziggy Stardust und Suffragette City. Doch abgesehen von diesen Songs bietet The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars leider viele Songs, die in meinen Augen eher hintergründig herumplätschern, ohne in ihrer Kernaussage allzu essentiell für die Handlung der Platte zu sein - insbesondere die Songs Lady Stardust und Star hätten bequem in einem Song wie Hang Onto Yourself Erwähnung finden können, denn sie sind wirklich nach der grandiosen ersten Seite ziemlich ernüchternd. Live konnte David Bowie wohl mehr aus der Platte rausholen, da er sich auf der Bühne auch in Ziggy Stardust verwandelte und seine Shows genial zu inszenieren vermochte.

Somit bleiben auf The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars vier absolut geniale, vier gute und drei mäßige und irgendwie überflüssige Songs zurück. Besonders verwunderlich ist dieser durchwachsene Eindruck, wenn man sich das wahnsinnig geile Vorgängeralbum Hunky Dory und das NOCH bessere Aladdin Sane aus dem Folgejahr 1973 vor Augen führt. Wieso aber gerade Ziggy Stardust so hoch im Kurs steht, kann ich beim besten Willen nicht verstehen. Es ist ein gutes Album, aber David Bowie hatte noch viel bessere und an Young Americans sowie Heroes kommen sie alle ohnehin nicht heran. Macht unterm Strich also 3.5 von 5 Punkten für den exzentrischen Rockstar im Drogensumpf.


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