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Frank Sinatra - Come Fly With Me

Cover-Scan (Copyright: Capitol Records)

Ich wollte eigentlich nichts über Frank Sinatra schreiben. Wirklich nicht. Denn was ist denn noch nicht über den größten Entertainer des 20. Jahrhunderts gesagt und geschrieben worden...? Eben. Doch das neuliche nächtliche Anhören seines 1958 eingespielten Albums Come Fly With Me hat mich eines Besseren belehrt und so beschere ich mir (und euch) einen kalten Freitagabend mit Frank Sinatra. Viel Vergnügen!

Von allen Sinatra-Alben, die ich bisher gehört habe (und das waren doch einige) hat Come Fly With Me mit Sicherheit den gelungensten Einstieg: Der gleichnamige Titelsong zeigt Ol' Blue Eyes bereits in swingender Höchstform, die Message könnte klarer nicht sein - Come fly, let's fly away. Es geht also ums Reisen. Und so besingt Sinatra die Insel Capri, das herbstliche New York, den Pariser Frühling oder den Bundesstaat Vermont bei Nacht. Dies geschieht mithilfe gewohnt hochklassiger Arrangements des Dirigenten Billy May, der hier erstmals mit Sinatra zusammenarbeitete.

En Detail: Bereits der Auftakt lockt mit einer bestens aufgelegten Brass-Section des Orchesters, die Trompeten und ganz besonders die Posaunen klingen nach nahezu 60 Jahren immer noch so frisch wie am ersten Tag - Sinatras Katalog ist Paradebeispiel für die bestmögliche Aufbewahrung von Tonbändern und tadellose digitale Restaurierung derselben, so klingt das Album einfach in jeder Version grandios! Später dominieren vor allem die Streicher, besonders klar hörbar im fünften Stück Autumn In New York, das fast zur Gänze von diesen getragen wird. Manch experimentierfreudigeres Stück wie zum Beispiel On The Road To Mandalay mit etwas, das wie ein Gong klingt, und überhaupt einem verstärkten Einsatz der Percussion, der zuweilen schon an die Lo-Fi-Musik der späten 1960er erinnert. Hier sind auch die Saxofone in absolut bester Verfassung und tragen das Ihrige zu einem wahren Feelgood-Stück bei.

Die Stimme Frank Sinatras ist ebenso gut gelaunt, meisterhaft trägt er alle möglichen Genres - von Swing bis zur Ballade - vor, lässt die Texte (allesamt Fremdtexte, wie stets bei Sinatra) wie seine eigenen erscheinen, so überzeugend erzählt er uns vom Reisen. Überhaupt ist die Idee eines Konzeptalbums über das Reisen eine zeitlos schöne. Immerhin ist Reisen einer der schönsten Wege, seine Zeit zu veredeln und seinen Horizont zu erweitern. Ein Album über eine solche Erfahrung strahlt bereits von vornherein etwas Beruhigendes, Anziehendes aus. Und wer, wenn nicht Frank Sinatra, könnte diese Thematik so gewinnbringend einsetzen? Wenn er in London By Night über nächtliche Romanzen im Park der britischen Hauptstadt singt, fühlt man sich, als wäre man dort, so dicht ist die Atmosphäre, die bei der Kombination des grandiosen Billy May Orchestra mit der einmaligen Stimme Sinatras entsteht.

Neben In the Wee Small Hours gibt es wohl noch so einige Anwärter auf das beste Frank-Sinatra-Album, doch für mich kommt der einstündige Herzschmerz des Herrn Frankie heran erst hinter Come Fly With Me. Es ist wahr, ich finde Come Fly With Me mit seiner Reisegeschichte und der Fröhlichkeit, die aus allen Ecken der Platte lugt, einfach nur schön. Es ist, als würde man einen Reiseführer aufschlagen und von ihm mitgerissen werden in die Welt jenseits des Papiers - so fühlt es sich für mich an, die CD aufzulegen, mich am besten direkt vor den Player hinzusetzen und einfach nur zuzuhören. Come Fly With Me  ist Erholung für die Sinne und mir daher eine volle Punktzahl wert!

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