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Ryo Fukui - Scenery

Cover-Scan (Copyright Trio Records)


Wer sagt eigentlich, dass Japaner keinen Jazz machen können? Das Land, das musikalisch im Westen wohl am ehesten für extrem verkopften Progressive Rock und, Zitat: vollkommen abgefuckte Scheiße wie Babymetal bekannt ist, zeigte sich mir - in meiner neu entflammten Neugier für Jazz und dank eines guten Tipps eines ebenso guten Freundes - auf vollkommen ungeahnte Weise. Musikalische Zeitreise in die 40er, wir kommen!

1976: Es dominieren der Hard Rock und der langsam sterbende klassische Prog Rock die Musikwelt. Jazz findet in der westlichen Welt vor allem in Form von Best-Of-Compilations und anstrengenden, ziemlich eintönigen Free-Jazz-Platten wie Archie Shepp Live In Antibes, welches meiner Meinung nach vollkommen auf tonaler Willkür basiert, statt. Doch in Japan sieht die Sache ein klein wenig anders aus: Mit Ryo Fukui erscheint im Land der aufgehenden Sonne ein junger Jazzmusiker auf der Bildfläche, der das Beste klassischer und neuer Jazzrichtungen zu verbinden weiß und dessen Debutalbum ein echter Tipp für alle Jazzfans ist...

Scenery startet mit dem Stück It Could Happen To You, dessen Rachmaninov-eskes Klavier sich nach dreißig Sekunden in ein beschwingtes Lounge-Stück verwandelt, über den rechten Lautsprecher setzt die Rhythm Section nach  und nach ein. Ähnlichkeiten zu Miles Davis' So What vom legendären Kind Of Blue lassen sich nicht leugnen. Gleichzeitig findet der Hörer an den Drums eine sehr freie Spielweise vor, die der Platte den Charakter einer verrauchten Jam Session verleiht. 
I Want To Talk About You setzt diese Stimmung fort, jedoch ist es viel klavierbetonter, die Rhythm Section setzt erst spät und sehr zurückhaltend ein. Entspannung ist hier angesagt, denn das Stück lässt den Hörer sich wie in einer Bar zu später Stunde fühlen, eingehüllt in Rauchschwaden, am Whiskey nippend, während die Lounge sich allmählich leert... ich schweife ab. Auf Early Summer meint der Hörer zwischenzeitlich auch mal, dem Dave Brubeck Quartet zu lauschen, da sich hier Rhythm Section und Piano die sprichwörtliche Klinke in die Hand drücken - es entsteht eine unwahrscheinlich gut abgestimmte Spieldynamik (sogar ein Drumsolo ist drin!), die ihre mitreißende Wirkung in den zehn Minuten Laufzeit auch voll entfalten kann. 

Somit endet die erste Seite von Scenery und bereits jetzt bin ich hin und weg: Die Dynamik, mit der Ryo Fukui scheinbar mühelos Elemente des Cool Jazz mit experimentellen, damals neuartigen Spielweisen zu kombinieren sowie seinen ganz eigenen Stil im Herzen der amerikanischen Jazz-Tradition zu finden und zu behaupten weiß, ist zumindest für mich als Jazz-Laie wirklich faszinierend und im positiven Sinne absolut vereinnahmend.

Seite zwei setzt ähnliche Akzente, jedoch wird die Klangfarbe in Willow Weep For Me heller, das Klavier strahlt eine noch viel beruhigendere Wirkung aus als noch zuvor. Das Spiel wird zudem ruhiger, Fukuis Spiel am Piano nimmt zwischendurch romantische Züge an. Autumn Leaves  ist wieder eine swingende Partie, schnelle Drumläufe verleihen dem Hintergrund eine gewisse Dringlichkeit, die das Klavier wieder relativiert - dieses Spannungsverhältnis macht das Stück sehr spannend und abwechslungsreich. Der Bass, der hier erstmals ins Spiel kommt, treibt diese entstehende Spannung noch auf die Spitze; im Hintergrund schleicht er umher und bildet einen wohligen Gegenpol zum vordergründigen Klavier. Mit dem erneut an Sergej Rachmaninov erinnernden, romantischen Titeltrack Scenery endet die Platte ruhig.

Ryo Fukuis Scenery ist ein wirklich geniales Jazz-Album, dessen größte Stärke - wie bereits erwähnt - in der wie aus einem Guss ablaufenden Kombination des Alten und des Neuen liegt - viele Einflüsse der Romantik und des Cool Jazz vereinen sich mit experimentelleren, freieren Abschnitten zu einem mehr als überzeugenden Gesamtbild. Jazz aus Japan - und wie das geht! 5/5

Das volle Album gibt's hier zum Anhören.

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