Direkt zum Hauptbereich

Gezockt #1: R.U.S.E.

Neben Filmen, Büchern und Musik schlummert noch eine vierte mediale Leidenschaft in mir, die ich auf einem anderen Blog (den es leider schon lange nicht mehr gibt) ins Zentrum gerückt habe: die interaktive Welt der Videospiele. Beginnen möchte ich diese Reihe hier mit einer wahren Perle von Echtzeitstrategie, einem Genre, welches ich ansonsten eigentlich ziemlich ignoriere. Doch Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel, Vorhang auf für R.U.S.E.!


Games zum Zweiten Weltkrieg gibt's wie Sand am Meer. Strategiespiele zum Zweiten Weltkrieg gibt's wie Sand am Meer. Echtzeitstrategiespiele zum Zweiten Weltkrieg gibt's wie Sand am Meer. Deswegen hat es R.U.S.E. ursprünglich auch nur wegen des unglaublich günstigen Preises der Konsolenportierung, der zwei Jahre nach Release schon bei weniger als zwei Euro lag, in meine Sammlung geschafft. Dementsprechend niedrig waren auch meine Erwartungen, was das Spiel an sich betraf. Und während die Xbox 360-Version wirklich... nicht gut ist, konnte mich die PC-Version (die in einem dieser Computerhefte gratis enthalten war) vollends überzeugen.

Dabei beginnt das Spiel ganz gewöhnlich: Truppen werden von A nach B verschoben, Panzer werden angegriffen und Infanterie hinten nach geschickt. Die Handlung erzählt von einem US-Major namens Sheridan, der alles daran setzt, Nazideutschland zu besiegen und gleichzeitig den Spion Prometheus zu stellen - nichts Weltbewegendes also. Der Beginn der Kampagne in Afrika spielt sich auch noch recht gemächlich, da passiert nicht allzu viel. Doch dann kommt die Schlacht um den Kasserine-Pass - und mit ihr die Listen ins Spiel. Wer des Englischen mächtig ist, wird es sich beim Spieltitel (ruse = List) bereits gedacht haben: Die Trickkiste spielt im Gameplay eine ganz entscheidende Rolle.

Screenshot der PC-Version

Diese haben verschiedenartigste Auswirkungen: Verfügt man anfangs (in der Kampagne zumindest) lediglich über einen Spion, der die feindlichen Befehle aufdecken und sie auf der Karte anzeigen kann. so kommen später die Verdeckung eigener Einheiten, der Blitz-Modus (50% schnellere Einheiten) und sogar - mein persönlicher Favorit - der Scheinangriff hinzu. Mit diesem kann man in einem bestimmten Bereich der Karte Holzpanzer, Holzsoldaten oder Holzflugzeuge (!) aufkreuzen lassen, um die feindliche Abwehr abzulenken. Währenddessen kann man mit seiner echten Offensive im Idealfall ungestört ins Herz der feindlichen Linie dringen und gehörig aufräumen. Meine Lieblingserinnerung an diese Art der Kriegsführung: Beim Kampf um das deutsche Hauptquartier in Cherbourg nach dem Einfall in die Normandie (den man übrigens auch selber spielen darf, ein Genuss!) sah ich mich einer deutlich überlegenen deutschen Abwehr aus Panzern, Flugzeugen und einer unglaublich geschickt platzierten Infanterie gegenüber. Also kämpfte ich mich in den Wald nördlich meiner sorgfältig gehegten Versorgungslinie vor, platzierte dort meinen Hinterhalt für durchkommende Panzer (Infanterie ist in Wäldern nämlich als Hinterhalt unterwegs und um ein Vielfaches stärker als außerhalb, ideal zur Panzerabwehr!), während ich meine Scheinoffensive auf die linke Flanke fuhr, ein paar Jagdbomber hinterherschickte und über rechts mit zwei Panzern und zwei Panzerartilleriegeschützen das Hauptquartier genüsslich zerstören konnte, dank meiner beiden Panzer ohne auch nur ansatzweise gefährdet zu werden, da sämtliche gefährlichen Gegner nach links gestürmt waren.

Screenshot der PC-Version
Wie sich hier schon lesen lässt, gefällt mir an R.U.S.E. besonders diese Befriedigung, die eine erfolgreich eingesetzte List (oder eine Kombination mehrerer Listen) mit sich bringt. Während andere Echtzeitstrategiespiele wie die Command & Conquer-Reihe (die ich jedoch ebenfalls sehr zu schätzen weiß) sich durchaus mit einem riesigen Aufmarsch von Truppen gewinnen lassen, fordert R.U.S.E. stetige Aufmerksamkeit: denn auch der Feind schläft nicht. Man kann genauso von Listen ausgetrickst werden und auch, wenn man meint, die Muster des Feindes durchschaut zu haben, von plötzlichen Angriffen auf die eigene Versorgungslinie oder - schlimmer noch - auf das Hauptquartier böse überrascht werden. Dieses Prinzip ist wie geschaffen für den Onlinemodus, in dem man bis zu sieben andere Spieler im Team oder alleine austricksen kann. Hier wird das Spiel auch noch um einiges spannender, denn die verschiedenen Nationen bringen verschiedene Vorteile mit sich, so sind die Einheiten des Deutschen Reiches die stärksten, sind aber teuer und zeitintensiv in der Entwicklung, während amerikanische Einheiten dazu neigen, schwächer zu sein, dies aber aufgrund der möglichen Überzahl einigermaßen relativieren können. Diese historische Korrektheit gefällt mir an R.U.S.E. ebenfalls sehr, wenngleich es doch zu Gunsten des flüssigeren Spiels leichte Abweichungen vom realen Geschehen gibt, gerade auf dem Gebiet der Prototypenforschung.

Nach der Schlacht werden alle Details nochmals ansehnlich aufgelistet (Screenshot der PC-Version)
Kommen wir zum Technischen: R.U.S.E. ist mittlerweile fast sieben Jahre alt. Die Grafik des Spieles ist meiner Meinung nach durchaus ansehnlich (sie kommt auf den Screenshots aufgrund angepasster Einstellungen jedoch nicht ganz so überzeugend rüber), besonders beeindruckend ist für mich der stufenlose Zoom, der vom Schlachtfeld und den einzelnen Einheiten bis zur Darstellung des Kampfgebietes auf einem großen Spieltisch problemlos hinaus- und hineinfahren kann und somit stets die nötige Übersicht verspricht. Der Sound ist zweckdienlich, man hört die Geschütze und die Infanterie manchmal, manchmal aber auch nicht, die Informationen an den Spieler werden jedoch stets überzeugend präsentiert. Die Cutscenes der Kampagne sind in einem leichten Comicstil gehalten, der weder stört noch besonders positiv auffällt. Aufgrund der relativ geringen Systemanforderungen läuft das Spiel stets butterweich, auch im Onlinemodus kommt es so gut wie nie zu Lags oder Verbindungsabbrüchen.

Unverständlicherweise kam R.U.S.E. zum Verkaufsstart nicht so wirklich an, man bescheinigte dem Spiel zwar durchaus Qualitäten, bemängelte aber kurioserweise die KI der Gegner und einige Gameplayelemente. Ich für meinen Teil finde das Spiel wirklich großartig und möchte der Echtzeitstrategie aus dem Hause Eugen Systems/Ubisoft gerne die volle Punktzahl geben.

Wer sich jetzt jedoch sofort R.U.S.E. zulegen möchte, dem sei gesagt, dass das Spiel aufgrund ausgelaufener Militärlizenzen seit einem Jahr von Steam und zeitgleich auch aus dem Handel verschwunden ist. Einzelne Händler bieten noch EU-Importe um ca. 35 Euro an, der US-Import kostet schon gut und gerne das Doppelte. Die Konsolenversion kostet zwar deutlich weniger (höchstens 15 Euro), doch ist aufgrund der wirklich miesen Steuerung, der hardwarebedingten Einheitenbegrenzung auf 60 Einheiten sowie der Multiplayerbeschränkung auf vier Spieler allerhöchstens als Einführung in das eigentliche Spiel geeignet. Wer sie sich dennoch holen möchte, der schaut am besten hier nach.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Genesis - The Lamb Lies Down On Broadway

Wer schon einmal in einem wahren Rausch der Inspiration gewesen ist, kennt das: man schreibt und schreibt, wohl wissend, dass jedes Wort, jeder Satz, den man niederschreibt, allerhöchste Qualität besitzt und die ganze Welt es wissen muss. So erging es auch Genesis-Frontmann Peter Gabriel, der 1974 im Alleingang ein Doppelalbum über Sinnsuche, erste Male und eine Menge Sinnestäuschungen schrieb. Nicht alle waren damit so einverstanden...
Die zeitgenössische Rezeption des Ulysses von James Joyce war eine weitgehend entsetzte: man sprach und schrieb von dem Jahrhundertwerk als ungenießbares Konzentrat, als die 1500-seitige Fantasie eines Jungen, der sich dabei seine Pickel auskratzt, als einzige, große, verwirrende Schweinerei. Wer das im Hinterkopf behält und sich auf The Lamb Lies Down On Broadway, den Ulysses of Concept Albums (The New Yorker) einzulassen gedenkt, muss also wagemutig sein und starke Nerven besitzen. Als großer Joyce-Fan und Genesis-Liebhaber konnte ich der Versuchung …

Die Klasse von 1984 (1982)

A Clockwork Orange meets Death Wish meets What the actual fuck!?Die Klasse von 1984 ist wirklich ein ganz besonderes Schätzchen unter den abenteuerlichen Dystopien der späten 70er und frühen 80er - warum man an Schulen nur noch mit Schusswaffen unterrichten kann, wie viel Koks eigentlich so auf Highschool-Klos vertickt wird und was das alles mit einem extrem schlechten Haarschnitt von Michael J. Fox zu tun hat, erfahrt ihr hier und heute: viel Vergnügen.


Idealistische Lehrer, die für ihr Fach Feuer und Flamme sind und bei deren Erscheinen die gesamte Klasse auf den Tisch steigt, die Hand aufs Herz legt und oh captain, my captain... intoniert? Richtig: nett anzuhören und wunderbar anzusehen, nur leider enorm realitätsfremd. Idealistische Lehre, die für ihr Fach Feuer und Flamme sind und bei deren Erscheinen Papierkugeln und Stühle durch die Gegend fliegen, während ein glatzköpfiger Kampfkoloss von einem Schüler bereits sein Messer wetzt? Hmm... vielleicht schon eher. Glaubt man zumindes…

Die allertraurigste Romantik und das schönste Leiden: Peter Gabriel - Us

Allgemein sagt man ja, Musiker in Krisen seien die besten Musiker. Geldprobleme wie bei Springsteen, die Folgen eines Überfalls auf Paul McCartney und das Wissen um Johnny Cashs baldigen Krebstod haben bei selbigen zu ganz und gar außergewöhnlichen, meisterhaften Ergebnissen geführt. Und auch Peter Gabriel stand 1992 vor den Trümmern seiner Beziehung mit der Schauspielerin Rosanna Arquette sowie vor einem zerrütteten Verhältnis zu seiner Tochter Anna-Marie. Das alles versuchte er auf seinem sechsten Studioalbum Us musikalisch zu verarbeiten.

Und wie sehr er sich ins Zeug gelegt haben muss, um seinem Privatleben das passende Soundgewand zu vermachen, wird sogleich am Opener Come Talk To Me deutlich. Afrikanische Schlaginstrumente, Dudelsack, ein armenisches Duduk sowie russicher Choralgesang veredeln das Drama um Entfremdung, um die Unfähigkeit, ab einem gewissen Punkt in Beziehungen miteinander zu reden und nicht zuletzt um unüberbrückbare Distanzen, die sich zwischen Menschen auftun …