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Wolfgang Ambros - Es lebe der Zentralfriedhof

Cover-Scan (Copyright: Bellaphon/Wolfgang Ambros)


Wer Austropop auf EAV und Opus reduziert, der hat ihn nicht verstanden.

1972 gelingt Wolfgang Ambros mit Da Hofa nebst einigen Kollegen des Dialekt-Gesangs ein Vorstoß in die österreichischen Hitparaden. Wilfrieds Ziwui Ziwui erscheint ebenso wie Alle Menschen san ma zwider von Kurt Sowinetz und natürlich das Debut vom "Woiferl" Ambros: Alles andere zählt net mehr verbindet Folk, Rock und Funk mit dem einmaligen Wiener Dialekt und wird in Österreich zum Geheimtipp. Doch es kommt noch besser: Nach einigen Nebenprojekten (Der Watzmann ruft mit Joesi Prokopetz und Manfred Taucher wird sein erster größerer Erfolg) erscheint Anfang 1975 die Single Zwickt's Mi, die erstmals an der Chartspitze steht. Der Text, der sich auf die für mein schönes Heimatland typische "Packerlwirtschaft", bei der Politiker mit möglichst viel heimlich unterschlagenem Geld in die Pension gehen, und andere Phänomene des österreichischen Alltags bezieht, kam bei den Menschen also sehr gut an - genauso wie das zugehörige Album, welches ebenfalls auf Platz 1 landen konnte: Es lebe der Zentralfriedhof.

Das Titellied ist noch eine rein fiktionale Erzählung der Geburtstagsfeier eines Toten am Wiener Zentralfriedhof, der seine ersten hundert johr' feiert. Und wenngleich das Lied textlich nicht so recht zum restlichen Album passen will, musikalisch führt das Stück bereits die Vorliebe Ambros' zu enorm verdichteter Atmosphäre in eigentlich ziemlich minimalistischer Besetzung vor: Kirchenglocken läuten die Platte ein, bevor nach einer Minute Drums und Gitarre einsetzen. Das wars instrumentalisch. Und dennoch fesselt die Musik viel mehr als es jede überladene Millionenproduktion je vermögen könnte. Wem heut' net schlecht is' thematisiert den Hang des Wieners - und des Österreichers im Allgemeinen - zum Alkohol, zum Gemeinschaftssaufen aufgrund gegebener alltäglicher Umstände (wem heut' net schlecht is', des konn ka guada sein). Die Schwere des Bluesstückes setzt sich auf Espresso fort, das einen Blick in ein Wiener Kaffeebeisl wirft und vor allem die sozialen Schichten im Beisl behandelt: Ambros besingt den Gast, der tagtäglich im Beisl sitzt und in dieser Trostlosigkeit vor sich hin vegetiert, dennoch tagtäglich wieder kommt (I woat, dass si vielleicht wos tuat weu i mi goa so fadisier). G'söchta ist eine Ansage gegen einen Möchtegern-Reichen und enormen Angeber - das Funk-Rock-Stück ist treffsicher und auf seine typisch wienerische Art einfach ungemein lustig.

Heite drah i mi ham beendet die erste Seite und verklärt den Suizid in melancholisch-schönen Zeilen: I gspia scho wia ma immer leichter wird singt ein wunderbar depressiver Ambros. Mit Sicherheit eines der schönsten Lieder über den Tod (neben Hirschers Komm großer schwarzer Vogel) und dramatischer Höhepunkt der Platte. Seite zwei eröffnet mit dem bereits besprochenen Zwickt's mi und bringt wieder mehr Witz in die Musik des Albums, Familie Pingitzer ist ein herrliches Bluesstück, das die typische Wiener Gemeindebaufamilie karikiert (Z'mittog kummt eana bua, da blahde Alois, zum Essen ham...und im gonzn Stiagnhaus stinkt's noch Zwiebl, weil's scho wieda a Gulasch kocht...) und wohl ein kömidiantisches Highlight der Platte ist. Um einen Obdachlosen geht es in De Kinettn wo i schlof, in A Gulasch und a Seitl Bier besingt Ambros die oft heilende Kraft des typischen Wiener Heurigenessens, bevor er sich verabschiedet: I glaub i geh' jetzt schließt die Platte.

All diese Beschreibungen oben können dem Album jedoch nicht im Geringsten gerecht werden: Es lebe der Zentralfriedhof  wohnt ein Zauber inne, den wohl nur ein Österreicher nachempfinden kann. Ich entdecke auf dieser Platte so viele Eigenschaften meiner Landsleute, so viel typisch-österreichische Nörgelei und so viel für dieses kleine Land charakteristische Melancholie und Verklärtheit wieder, dass ich sie mittlerweile wohl als Austria in a nutshell bezeichnen würde. Sei es diese kleine, fast untergegangene Referenz auf Jesolo, den damaligen Nummer-1-Urlaubsort der Österreicher in Heite drah i mi ham oder die Kirchenglocken zu Beginn des Albums, die langsam in Gebete und Gesang übergehen, das schöne Alpenland atmet aus jeder einzelnen Rille dieser Schallplatte. Es lebe der Zentralfriedhof ist das beste Album von Wolfgang Ambros, wahrscheinlich eines der besten österreichischen Alben überhaupt und wahre Pflicht für jeden Österreicher - der Rest der Menschheit wird es nicht verstehen können. Volle Punktzahl für dieses Panoptikon meines so geliebten Heimatlandes.

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