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Peter Gabriel - So

Cover-Scan (Copyright Geffen Records)


Niemals davor oder danach durfte die Welt eine bessere Fusion aus Weltmusik und Pop genießen.

1986 - eines der großen Jahre der Musikgeschichte: Metallica erklimmen mit Master of Puppets den Gipfel des Metal, Wham! veröffentlichen mit The Final das womöglich beste Best-Of-Album aller Zeiten und New Order beweisen mit Brotherhood, dass sie im Herzen immer noch Joy Division sind. Musikalische Experimente wie Sigue Sigue Sputnik sorgen für Aufsehen am Mainstreammarkt, der gleichzeitig langsam von der World Music infiltriert wird. Und zwei Alben haben daran ganz erheblichen Anteil: Paul Simons Graceland und Peter Gabriels So.

Schon der Einstieg in das fünfte Studioalbum des ehemaligen Genesis-Sängers mit daherkriechender Percussion und hintergründigen Keyboards macht mit seiner düster-hoffnungsvollen Atmosphäre klar: hier kommt etwas ganz Neues. Derartige Rhythmen in solch unheilvollen Tönen waren bis dato in den Charts nahezu ungehört. Drohendes Unheil (this place is so quiet, sensing that storm) vermischt sich mit psychologischen Ansätzen (I cannot make a single sound as you scream) auch auf lyrischer Ebene zu einem Stück, das es einem äußerst schwer macht, es wirklich einzuordnen. Auf alle Fälle ist Red Rain als Opener ein absoluter Geniestreich und stimmt den Hörer erstklassig auf die wechselartige Stimmung der Platte ein.

Wesentlich eindeutiger wird es beim Funk-Pop/Rock-Track Sledgehammer, den wohl selbst heute noch jedes Kind kennen dürfte. Nach einem leisen, flötenähnlichen Einstieg setzen mit voller Wucht die Percussion, der knackige Bass und die Horn Section (z.T. die selbe wie bei Earth, Wind & Fire!) ein. Im Ernst, wen die wahnsinnig geile Instrumentierung von Sledgehammer nicht zum Tanzen bewegt, der hat wahrscheinlich schon Negativpuls. Textlich geht es mindestens so eindeutig zu wie musikalisch: in blumigen Metaphern singt Peter Gabriel über Sex, die wahrscheinlich schönste Nebensache der Welt. Beim Zuhören fragt man sich wirklich belustigt, wie dieses Lied in den bekanntlich eher prüden USA auf Platz 1 sowohl der Dance Club Charts als auch der Hot 100 kommen konnte, denn Zeilen wie Show me 'round your fruitcage, 'cause I will be your honey bee benötigen nicht einmal ansatzweise Fantasie, um zu erraten, dass es nicht um echte Bienen geht. Ein durchaus ähnlicher Song findet sich auf So nochmals als Big Time wieder, hier jedoch mit mehr Bassfokus, weniger Verspieltheit und nicht einmal annähernd der selben lyrischen Brillanz.

Ansonsten sind besagte Weltmusik-Einflüsse sehr spürbar vertreten: etwa in dem wirklich schönen Duett Don't Give Up mit Unterstützung von Kate Bush (Running Up That Hill), dessen dezenter Drumrhythmus dem afrikanischen Musikmachen viel näher ist als dem damaligen westlichen Sound. Hintergrundgesänge werden gleich wie auf Gabriels drittem Album ebenfalls dem Afrikanischen entnommen, hier wird jedoch der englische Text intoniert wie afrikanische Trauerlieder. That Voice Again ist für 80er-Musik wieder "klassischer", typische Staccato-Rhythmen und erhöhte Keyboard- sowie Drum machine-Präsenz lassen das Erscheinungsjahr 1986 deutlich werden. Mercy Street erzählt von Isoliertheit und ist ein angenehm ruhiges, gleichwie beklemmendes Stück Musik.
Auf We Do What We're Told erinnert der Protagonist wieder äußerst angenehm an sein kongeniales drittes Album, die Atmosphäre ist hier so irreal, schräg und wahnsinnig, dass der Hörer fast schon dankbar ist, wenn das Stück nach zu kurzen dreieinhalb Minuten sein Ende findet.

This Is the Picture liefert abermals dieses schräge Flair, auch textlich werden teils Versatzstücke mit sehr gewagten Metaphern kombiniert (I'm moving/turning in time), bevor mit In Your Eyes wieder ein etwas konventionellerer Song, der in Teilen sogar von den Simple Minds stammen könnte, die Platte beschließt.

Die Hauptthemen auf So sind Illusion, Verlorenheit und Hoffnung. Und sie sind so unbeschreiblich gut in Szene gesetzt, so treffsicher in Worte gefasst, dass sich der Hörer - so banal es auch klingen mag - beim Hören des Albums verstanden und nach dem Hören befreit und besser fühlt. So macht psychische Probleme, Isolation und Hoffnungslosigkeit selten plastisch greifbar und spielt sich damit in die Gefilde von Peter Gabriel III, welches bis heute wohl das beste Album des Briten darstellt. Mit So tut sich jede/r etwas Gutes, ob die persönlichen Vorlieben nun eher im tanzbaren Pop (Sledgehammer) oder in der tiefen Emotion (Don't Give Up) liegen - dieses Album liefert jedem Hörer genau das, was sie oder er gerade braucht. Nicht umsonst wurde So des Peters erfolgreichstes Album und überflügelte das Album Invisible Touch der ehemaligen Bandkollegen, in fast allen Ländern der Welt die Top 3 der Albumcharts erklimmend. Denn So berührt. Und das auf beispiellos vollkommene Art. 5/5

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