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Eraserhead (1977)




Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr - dieser Spruch aus der Mottenkiste deutscher Komödie passt wie die Faust aufs Auge zu Eraserhead: In seinem Spielfilmdebut befasst sich der großartige Multimediakünstler David Lynch (Twin Peaks, Lost Highway) mit dem Vaterwerden, der Verantwortung, die ein Baby mit sich bringt, sowie der zerstörerischen Kraft, die die Angst vor diesen Dingen mit sich bringen kann.

Der surreale Film beginnt mit einer Einstellung des Kopfes seines Protagonisten Henry, der durch den Raum schwebt. Ein Mann beobachtet die Szene von seinem Fenster aus und zieht an einem Hebel. Daraufhin fällt ein wurmartiges Etwas in ein Becken mit Wasser, in dem es verschwindet. 

Henry lebt in einer Industriestadt - trostlos, verlassen und stets von typischen Fabriksgeräuschen durchdrungen. Hohe, fensterlose Mauern sowie heruntergekommene Mietshäuser dominieren das schwarz-weiße Bild. Als er nach Hause kommt, informiert ihn seine Nachbarin darüber, dass seine Freundin Mary ihn zum Essen mit ihrer Familie eingeladen habe. Henrys eingeschüchterte, verbissene Reaktion auf dieses Gespräch verdeutlicht bereits, auf welch wackligen Beinen die Beziehung, übrigens die einzige zwischenmenschliche Bindung, die im Film gezeigt wird, steht: der Zuschauer sieht Henrys gesenktem Blick einfach sofort an, dass er das Leben in dieser Beziehung hasst. Er verlässt seine Wohnung, die mit toten Pflanzen gefüllt ist, um zu Mary zu gehen, durch die Industrieruinen der Stadt. Das Essen ist für die Handlung von ungemeiner Relevanz und arbeitet bereits mit für Lynch typischer Symbolik: die Abstraktion von Körpern, verdeutlicht im Brathuhn, aus dem plötzlich Blut fließt, irrationales Verhalten (Marys Vater, der sich als Henrys Freund gibt und unkontrolliert lacht, als die Nachricht über das Baby mitgeteilt wird) sowie die Arbeit mit Wand- respektive Bodenmustern (das Zackenmuster aus der Schwarzen Hütte von Twin Peaks feiert im Film ebenso Premiere).

Copyright AFI/capelight pictures
Henry erfährt, dass Mary ein Wesen auf die Welt gebracht habe. Um dieses bei sich aufzunehmen, müsse Henry Mary jedoch zuvor heiraten. Dies dürfte dann auch geschehen, denn in einem Umschnitt wird das Paar beim Einzug in Henrys Wohnung gezeigt. Erstmals wird nun auch das Kind gezeigt - ein unförmiges Etwas mit Schlangenkopf und spermaartigem Körper, das die ganze Zeit schreit. Die beiden versuchen, sich um das Kind zu kümmern, doch Henrys zunehmende Panik, durch beginnende Traumsequenzen und Wahnvorstellungen wie der Frau in der Heizung unterstrichen, führen zum Konflikt und zum Auszug Marys. Nun sieht sich Henry mit dem Kind konfrontiert und seine Visionen nehmen immer konkretere Formen an, so sieht er sich einmal kopflos in der Heizung, bevor der Kopf des Wesens an Stelle des seinen tritt (Angst der Entmannung und Vereinnahmung durch das Kind) und ein weiteres Mal singt die Frau in der Heizung, während sie unzählige Kreaturen wie das Baby zerstampft - hierin sehe ich Henrys Unterbewusstsein, welches ihm bereits den Anstoß zur späteren Ermordung des Wesens gibt.

Copyright AFI/capelight pictures
Schließlich folgt die titelgebende Vision: Henrys Kopf fällt ab und durch den Boden, bevor er auf der Straße zu liegen kommt. Ein Kind findet den blutigen Kopf, nimmt ihn freudig mit nach Hause und zeigt ihn dem Vater, welcher nun in einen Raum mit einer Maschine geht, ein Stück von Henrys Kopf herausbohrt und einspannt. Die Kamera zeigt nun Bleistifte, die an Henrys Kopf vorbeibefördert werden und Radiergummis aus dem Kopf erhalten = Eraserhead. Henrys Gehirn versucht die gegebenen Umstände "auszuradieren", das heißt, so zu tun, als wäre nichts passiert und normal weiterzuleben. Doch als das Kind krank wird und noch penetranter schreit, übermannen Henrys Ängste den Vater vollends und er sieht keinen anderen Ausweg als Mord. Er sticht mit einer Schere in den Leib des Kindes, welches zitternd, schreiend und blutend ganz langsam verendet. In einer finalen Vision blitzt der Schlangenkopf des Wesens in rasender Geschwindigkeit immer wieder aus dem Dunkel im Zimmer auf, bevor der Kopf von dem Planeten aus der Eingangsszene ersetzt wird. Henry steht in weißem Rauschen, das mit dem grellen Raum immer mehr anschwillt. Inmitten dieser Szene wird Henry von der Frau aus der Heizung empfangen und umarmt, als der Film abrupt endet.

Copyright AFI/capelight pictures
Was will uns der Regisseur mit diesem Ende nun sagen? Ist Henry von seinem Kind in den Tod gerissen worden? Unwahrscheinlich. Hat sich mit seinen Ängsten auch er selbst aufgelöst? Möglich. Auf jeden Fall ist dieses rätselhafte Ende eine der größten Stärken des Filmes. Die mysteriöse, oft undurchsichtige Symbolik gibt viel Raum zur Spekulation, beispielsweise das Fenster in Henrys Zimmer, das bis auf eine Szene, in der er einen Mord beobachtet, immer zugemauert ist - allmähliche Erkenntnis der Lage? Wunschdenken? Die grundsätzliche Botschaft bleibt immer klar - väterliche Angst und Kontrollverlust über das eigene Leben, in das immer mehr der Wahnsinn Einzug hält - doch die Atmosphäre ist eine immer eigenartigere und verfremdete: weder Raum noch Zeit der Handlung werden definiert und die Grenzen derselben werden aufgehoben, indem zum Beispiel der industrielle Klangteppich aus Klopfen, Hämmern und stetem Brummen auch in Henrys Zimmer Einzug hält und den Zuschauer in ihrer unerbittlichen Monotonie an die Grenzen des Wahnsinns befördert. Dialog findet so gut wie keiner statt, die gesamte Sprechzeit dürfte keine fünf Minuten betragen. Die Sprache geschieht über die Symbolik der Bilder: der Mann mit den Hebeln könnte für Henrys Karma/Schicksal stehen, das ihm das Wesen zuträgt und seine Taten genau beobachtet, genauso wie das blutende Brathuhn für die Geburt des Wesens und für sein grausames Ende, womöglich einfach auch nur für Veränderung stehen kann. Die Kamera fängt all diese Dinge nüchtern ein, man möchte schon fast sagen, einige der Bilder seien von einer paranoiden, irrealen Schönheit (siehe das Bild über diesem Absatz), stets begleitet von dem Industrial-Soundtrack, der die Trostlosigkeit des Lebens im Film gekonnt in Klänge fasst. Eraserheads größte Stärke liegt in der Verwebung zahlreicher Symbolika, unter denen die einfache zentrale Botschaft stets durchscheinen kann und dem Regisseur dadurch die Grundlage für das Ausspielen seines surrealen Könnens bietet - eine geschickte Kombination, die ich so in keinem anderen Film dieser Art gesehen habe. Im Gegensatz zu beispielsweise Begotten ist dieser Spagat zwischen zwei Ebenen sehr gekonnt eingesetzt und hindert den Film nicht daran, seine Stärken auszuspielen. Lynchs Film widersetzt sich der Kategorisierung, er lässt sich an nichts festmachen und auf nichts reduzieren - denn auch das zentrale Motiv würde bei konventionellerer Inszenierung sang- und klanglos untergehen. Eraserhead ist ein Film, für den man bereit sein muss; ein Film, der Zeit braucht und ein Film, der mehrmals gesehen werden muss, bevor seine Genialität durchscheinen kann. Mir hat der Film nach dem erneuten Ansehen ausgezeichnet gefallen und ich kann ihn den Filmfans wirklich ans Herz legen - von Vorteil wäre natürlich eine Vorliebe für Dune und Twin Peaks. Ein starkes Debut eines wahren Ausnahmekünstlers.

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