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David Bowie - Tonight

EMI
Ich kann vieles verzeihen. Vielleicht sogar zu viel. Andere können das nicht. Besonders nicht bei Musik. Ein solcher tragischer, untergegangener Fall ist das leicht obskure Album, welches David Bowie 1984 nach dem gigantischen Erfolg von Let's Dance auf den Markt warf. Tonight erschien am 1. September 1984, erreichte in zwei Ländern Platin, nur um mit Ende des Jahres aus dem öffentlichen Bewusstsein zu verschwinden und in den Ramschkisten der Plattenläden wieder aufzutauchen. Und das hat es ganz einfach nicht verdient.

Wobei der 80er-Output Bowies bei vielen Fans sowieso für Kopfschüteln sorgt - besonders Never Let Me Down wird ja gerne als eines der furchtbarsten Alben aller Zeiten bezeichnet. Nachdem ich einer der Wenigen bin, die diese Platte wirklich, wirklich gerne haben, war es für mich also auch an der Zeit, das fast ebenso desaströs rezipierte Vorgängeralbum anzuhören. Dieses startet gleich mit einem meiner absoluten Lieblingssongs, sei es Bowie oder irgendjemand anderes: Loving the Alien ist ein wahnsinnig geiler Song, der es schafft, trotz einer pompösen Produktion (immerhin: die 80er, wer Welcome to the Pleasuredome kennt, weiß, was ich meine!) im Kern doch so reduziert und simpel zu klingen, dass ich mich ernsthaft frage, wieso er nach ungefähr 1985 so in Vergessenheit geraten ist. Auf einer persönlichen Ebene spricht mich der Song auch textlich an, denn Bowie drückt hier seinen Hass gegenüber organisierter Religion aus und nutzt dazu die Symbolik der fatalen Kreuzzüge, wenn es etwa heißt The Templers and the Saracens, they're travelling the holy land. Die Scheinheiligkeit solcher Religionen wird im ewig wiederholten Satz Prayers they hide the saddest view angeprangert, haben doch nach meiner Erfahrung viele Mitglieder solcher Sekten Gemeinden die Angewohnheit, ihre eigenen Fehler "wegzubeten". Jedenfalls eine starke Aussage, verpackt in einen wunderbar dramatischen Song und veredelt von herrlich theatralischem Gesang, wie man ihn von David Bowie immer gewohnt war.

Eine ganz andere musikalische Richtung schlägt beispielsweise Don't Look Down ein, das im Reggae-Gewand gekleidet ist, und dessen genereller Sound für eine Mainstream-Produktion der mittleren 80er ungewöhnlich relaxed ist, selbst der Drumsound geht total in Ordnung und der Bass umspielt das Ohr sehr natürlich, ohne übertriebene Filter oder sonstige Effekte. Womöglich handelt der Song von Bandenkriegen (From Central Park to shanty town, I always hear that crazy sound) oder einfach nur von den Schwierigkeiten des Lebens (Look at life: it's no piece of cake), jedenfalls ist er ideal zum Abschalten und sehr clever instrumentiert. God Only Knows allerdings ist wahrlich kein Höhepunkt von Bowies Schaffen, zum Einen startet er mit entsetzlichen Streichern und zum Anderen ist es einfach seltsam, David Bowie beim Covern eines Beach-Boys-Lieds zu hören, egal, wie sehr ich beide mag. Zwar sehr schön gesungen, doch trotzdem nicht wirklich erwähnenswert. Tonight ist nun gleichzeitig der erste Iggy-Pop-Coversong und der zweite Reggaesong des Albums, der später in der Liveversion gemeinsam mit Tina Turner zum Hit wurde. Mir gefällt ehrlich gesagt sowieso das Original von Iggys Lust for Life am besten, doch von den Bowie-Versionen ziehe ich diese entspannte Albumversion (ebenfalls mit Tina Turner) der leicht hektischeren Live-Version vor, zumal ich mich an letzterer über die Jahre ganz einfach sattgehört habe. Eine gute und zufrieden stimmende Wahl, um die erste Seite des Albums zu beschließen.

Gleich folgt auf Seite zwei das nächste Iggy-Pop-Cover, das für mich ehrlich gesagt wirklich den größten Schwachpunkt von Tonight darstellt. Wie man die so dermaßen geile Punk-Ballade Neighborhood Threat in ein so billig klingendes Plastikgeschrammel mit dezent deplatziertem Chor verwandeln kann, ist mir ein Rätsel. Leider - so nicht, wenn schon covern, dann richtig! Wie grässlich der Song ist, muss man auch beim Erstellen der Tracklist erkannt haben, denn mit Blue Jean wurde ich anständig entschädigt. Auch wenn Bowie die herrlich jazzige Saxophon-Nummer später als a piece of sexist rock n' roll niedermachen sollte, die große Leadsingle dieses Albums ist einfach nur geil. Punkt. Schwärmerisch von einer offensichtlichen Wahnsinnsfrau zu singen, das konnte er einfach - auch, wenn er es fast nie wollte. Der Song macht einfach Spaß und das verlässlich. Zu Unrecht ebenso vergessen wie der Rest der Platte, die jetzt mit Tumble and Twirl da weitermacht, wo sie mit Tonight aufgehört hat: abermals ein deutlich Reggae-mäßiger Song über Stadtflucht, geschrieben von Bowie und Iggy Pop mit Bläsern, die glatt aus einem Phil-Collins-Song stammen könnten. Stichwort Phil Collins: dessen legendärer Produzent Hugh Padgham zeigte sich seinerzeit auch für einen großen Teil der Produktion von Tonight aus - einer der vielen Vorwürfe, die der Platte gemacht werden, lautet daher auch, dass Padgham Bowies Musik mit seinem Collins-Touch versaut hätte. Irgendwer muss ja immer schuld sein. Jedenfalls, um wieder auf die Musik zu kommen, ist Tumble and Twirl vielleicht einen Tick zu lang - in der letzten Minute verliert sich der Song etwas in einem Jam-Session-Charakter, der einfach nicht zu diesem Album passt. I Keep Forgetting ist eine Rockabilly-Nummer - kurz, schnell, laut - die wirklich Spaß macht und auch auf Let's Dance erscheinen hätte können. Zum Schluss kommt mit Dancing With the Big Boys noch 80er-typischer, obligatorischer social commentary, der in wenigen Zeilen den Anpassungszwang in der Gesellschaft beschreibt (one wrong word and you're out of sync) und musikalisch sogar noch etwas nach dem schrägen Berlin-Album Lodger schreit, besonders gesanglich. Ein gelungener Abschluss.

Tonight ist ein hervorragendes Beispiel für die ewige Undankbarkeit einiger Musikkonsumenten: der Reggae-Touch, der der Platte innewohnt, ist ein echtes Unikum in Bowies langer Diskographie und die beiden Singles sind einfach verdammt geil - die eine wegen der Atmosphäre, die andere wegen ihres hohen Tanz- und Spaßfaktors. Wo Licht ist, ist natürlich auch Schatten: zumindest Neighborhood Threat hat auf dem Album schlicht und einfach nichts zu suchen. Abgesehen davon und vielleicht noch God Only Knows ist Tonight ein tolles Album mit einem selten geilen Opener und einer idealen Laufzeit von 35 Minuten, das ich mir jeden Tag anhören könnte. Macht lockere, entspannte und beswingte 4 Punkte und eine fast uneingeschränkte Kaufempfehlung - 80er-Schwäche trotzdem von Vorteil!

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