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Iron Maiden - Fear of the Dark

EMI
Das wird jetzt nicht ganz einfach... aber ich versuchs: ich habe nie wahnsinnig viel Metal gehört. Aber ich wurde dazu gebracht, den wenigen Metal-Platten, die ich wirklich kenne, noch den ziemlich umstrittenen Iron-Maiden-Output von 1992 hinzuzufügen. Um meine Kritik nicht gänzlich uninformiert zu verfassen, habe ich mir davor noch die ersten drei Alben der Jungs angehört, um etwas vergleichen zu können. Also, verehrte Leser, folgt mir in die Dunkelheit...

Liest man sich einmal die Tracklist der Platte durch, wird einem bei Titeln wie From Here to Eternity, Wasting Love oder Chains of Misery klar, dass ihre Themen wohl alle möglichen elementaren Fragen des Lebens abdecken, beispielsweise eben die Abkehr vom "Guten", vergebliche Verliebtheit oder Rache. Die meisten dieser Songs wurden von Sänger Bruce Dickinson geschrieben, welcher der Band nach der anschließenden Fear of the Dark World Tour den Rücken kehrte. Man könnte also annehmen, schwere innere Konflikte Dickinsons, die auch zur Trennung beitragen sollten, haben diesen bei den Aufnahmen zum insgesamt neunten Studioalbum Iron Maidens beherrscht. Dies nur einmal vorweg.

Der Charakter, der den Songs innewohnt, wird sofort nach Start der Platte deutlich: der Opener Be Quick or be Dead, der als Leadsingle ausgekoppelt und in England zu einem immensen Erfolg wurde, gibt mit seinen pulsierenden Gitarrenparts das hohe Tempo der folgenden 58 Minuten vor. Mehr noch als auf beispielsweise der Debutscheibe legten Iron Maiden hier Wert auf ein konstant hohes Tempo, Drosselungen wie Strange World finden sich auf Fear of the Dark so gut wie nicht mehr, lediglich das aufwühlende Wasting Love könnte am ehesten als Power-Ballade durchgehen - eine Seltenheit für diese Band. Kann eine nahezu ganze Stunde voll rasender Soli und hämmernder Drums denn überhaupt noch Spaß machen, wenn man nicht komplett dem Metal-Genre verfallen ist? Schauen - und hören - wir weiter...

Nach dem bereits erwähnten From Here to Eternity folgt der Antikriegs-Song Afraid to Shoot Strangers, der von den vergeblichen Rechtfertigungen, die Soldaten nach dem erzwungenen Erschießen eines "Feindes" suchen, sowie den Auswirkungen auf das Innenleben der am Krieg Beteiligten handelt (When it comes to the time, are we partners in crime?). Das Stück beginnt trügerisch - langsam und leise - , ehe es sich in der zweiten Hälfte zu einem eindringlichen, sich rasend in den Geist des Hörers bohrenden Gitarrenspiel entwickelt, dessen Wirkung durch das wunderbar hineingemischte Schlagzeug immens verstärkt wird. Fear is the Key arbeitet mit denselben Mitteln, um die Botschaft eines Lebens in Ungewissheit, eines Lebens in einer Welt voll Leid und Krankheit, wo nobody cares till somebody famous dies, zu vermitteln. Childhood's End spult im Wesentlichen dieses Programm nochmals ab, bevor mit Wasting Love einer der ganz großen Höhepunkte der Platte naht - der leidvoll verzerrte Gesang, das heulende, fast qualvoll anklingende Gitarrenspiel macht das Stück zu einem großen Drama, das manchmal an der Grenze zum Kitsch entlangschrammt, sie jedoch glücklicherweise niemals überschreitet. Damit endet auch die erste Hälfte des Albums und der Eindruck ist bis jetzt besser, als ich ob der Unbeliebtheit des Albums bei Fans erwartet hätte: das Ganze klingt sehr nach den 70ern, die unauffällig eingebauten Revue-Elemente aus David Bowies Aladdin Sane kann man auch im they're telling lies, lies, lies, lies, lies...-Part von Childhood's End ausmachen und ein Stück wie Wasting Love könnte auch von Led Zeppelin oder den Hard-Rock-Pionieren Deep Purple stammen.

Die zweite Hälfte wird vor allem durch kürzere Songs, die im Gegensatz zu den ersten sechs kaum länger als vier Minuten sind, bestimmt. The Fugitive ist dabei für mich ein besonders nachvollziehbares Stück, denn - sagen wir so - das Gefühl, unschuldig das Ziel einer gnadenlosen Hetzjagd zu sein, ist mir durchaus bekannt. Das Verlangen nach dem Beweisen der eigenen Unschuld sowie der Rache an den Hetzern, das in der Zeile If I ever prove my innocence some day, I've got to get them all to make them pay in Worte gegossen ist, kenne ich ebenfalls nur zu gut. Chains of Misery fühlt sich mit dem geschilderten Schwachpunkt der Verliebtheit, mit dem viele Menschen um den Verstand gebracht werden können, ebenfalls vertraut an. Musikalisch halten sich beide in vertrauten Metal-Gefilden und die ganze Band kann zeigen, was sie drauf hat. Ich kann mir vorstellen, dass die beiden damals live sehr, sehr geil rübergekommen sind - leider haben nur zwei Stücke ihren Weg auf die Setlist weiterer Tourneen geschafft und nur mehr Fear of the Dark wird auch heute noch gespielt. The Apparition ist ein Stück der Motivation, primär von Bassist Steve Harris geschrieben, das mit seinen galoppierenden Gitarren direkt aus dem Soundtrack des 1980 erschienenen Films Heavy Metal stammen könnte - zudem wirkt es stark wie eine verlangsamte Variante des Maiden-Klassikers The Trooper. Judas Be My Guide ist von musikalisch ähnlichem Kaliber, wirkt jedoch textlich zu erzwungen, um authentisch zu sein, eine Zeile wie Fight wars - die in a blaze of glory, come home - meat in a plastic sack ist einfach generische Standardkost im Genre. Das folgende Weekend Warrior borgt sich den Sound von Megadeth und besingt ehemalige Rebellen, die sich dem Establishment fügen - quasi das Hip To Be Square für Metalfans und eine deutliche Steigerung gegenüber dem vorherigen Song, bevor es mit dem Titelsong Fear of the Dark - eine Art Lebenssong des Menschen, dem ich die Kenntnis dieser Platte zu verdanken habe - ins große Finale des Albums geht. Vergleichsweise unspektakulär beginnt das Lied mit einem Intro, der das spätere Lied vorwegnimmt, bevor die ganze Band mehrere Gänge runterschaltet und nur noch eine einzelne, zart angeschlagene Gitarre erklingt, zu der sich die ersten Zeilen des Textes gesellen, der einfach nur von der Angst im Dunkeln handelt. Irgendwann geht es dann richtig los, die Vollbesetzung steigt mit ein und der Gesang erhebt sich erfreulicherweise zu wunderbar anzuhörendem, weil wahnsinnig flüssigem Metal-Geschrei, aus dem man noch ein letztes Mal (bis zur Wiedervereinigung dieser Besetzung 1999) die ganze Emotion des Bruce Dickinson hören kann. Mein persönlicher Lieblingsmoment des Songs ist die Bridge, aus der heraus sich ein freies Spiel von Drums und Gitarre entwickelt, bei dem mir persönlich die Kinnlade weit herunterklappt. Wirklich ein großer, letzter mitreißender Moment der Platte, der nicht umsonst bis heute ein Favorit unter Fans zu sein scheint - ein wirklich geiles Video vom Konzert in Mexico City Anfang Oktober 1992 zeigt, was für eine dichte Atmosphäre die Aufführung eines solchen Stücks mit sich bringt. Ganz große Klasse, um ein Album zu beenden, das resigniert endet: When I'm walking a dark road, I am a man who walks alone.

Ich habe ein Herz für Alben, die etwas unterkühlt empfangen wurden: Bowies Tonight zum Beispiel. Oder The Razors Edge von AC/DC. Für Fear of the Dark habe ich genauso ein Herz wie für das, was ich damit verbinde. Und um die vorhin aufgebrachte Frage zu beantworten: die Band hat es hier geschafft, eine Stunde voll rasender Metal-Songs zu einer höchst unterhaltsamen Angelegenheit zu machen; die gängige Behauptung, der Band sei hier ihre Lustlosigkeit anzumerken, kann ich absolut nicht bekräftigen - wenn Iron Maiden zum Zeitpunkt der Sessions wirklich im Clinch gelegen haben sollten, so merkt man es dem Endprodukt, welches nur so vor Energie und Spielfreude strotzt, nicht im Geringsten an. Vielleicht haben die einzelnen Musiker wie die Beatles auch einfach separat ihre Parts aufgenommen, weil sie sich nicht sehen konnten, jedenfalls wirkt das Endprodukt bis auf zwei, drei Durchschnittssongs wie aus einem Guss und von der selben ungezähmten Power wie etwa ein Number of the Beast. Ich habe es sehr genossen, mir mit ungeteilter Aufmerksamkeit Fear of the Dark anzuhören und ich bin überzeugt, man kann das auch genauso ohne eine emotionale Bindung zu einem Fan des Albums - probiert es einfach!

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