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Fitzcarraldo (1982)


Wir alle träumen. Von der großen Liebe. Vom Geld. Von der Erfüllung unmöglicher Träume. Eines der wichtigsten Themen der Literatur ist von ihren Anfängen an das Möglichwerden des Unmöglichen - oder dessen Scheitern. 1979 entsteht ein Drehbuch aus der Feder von Werner Herzog, das sich mit einem großen Traum eines großen Mannes beschäftigt und selbst zum Inbegriff des Unmöglichen wird. Der Titel des Drehbuchs lautet Fitzcarraldo.

In einer Szene, die mir besonders lebhaft in Erinnerung geblieben ist, klettert der Protagonist Brian S. Fitzgerald (die absolut beste Leistung, die Klaus Kinski abgesehen von seinem Paganini jemals abgeliefert hat!) auf einen Kirchturm, zieht manisch an der Glocke und schreit Diese Kirche bleibt geschlossen, bis diese Stadt eine Oper hat! ICH WERDE MEINE OPER BAUEN!! Die Kamera zeigt daraufhin von oben herab die Polizisten, die in die Kirche vordringen, um ihn zu verhaften. Bereits dieser frühe Ausflug des Films ins Extreme - die Szene findet etwa nach 20 Minuten der über zweieinhalb Stunden statt - zeigt das Problem, das seinen Hauptdarsteller den ganzen weiteren Verlauf über begleiten wird: den absoluten Unglauben seiner Umwelt, die Mittel, mit denen Mensch und Natur ihn an der Erfüllung seines Traumes - den Erbau eines Opernhauses in Iquitos - zu hindern versuchen. Einzige Unterstützung findet Fitzgerald (oder, wie von den Einwohnern des Städtchens in den Anden genannt: Fitzcarraldo) in seiner Partnerin Molly, die schon in der Eröffnungssequenz des Werks mit Fitzcarraldo versucht, einen Platz in der Oper von Manaus zu ergattern - in der Jahrhundertaufführung mit Enrico Caruso. Wird der Opernliebhaber bereits in dieser Szene von den ihn umringenden Menschen belächelt, so hält sie stets zu ihm und teilt seine Leidenschaft, weshalb sie ihm später auch den Kauf eines Stücks Land zur Kautschukgewinnung sowie eines Schiffs zur Erschließung des Landstücks sowie zum Transport der ersten Kautschukladungen ermöglicht.

Arthaus
Nach der Wasserung des Schiffes - der Bonny Aida - hört der Großteil der klassischen Spielfilmhandlung eigentlich schon auf. Das sukzesssive Annähern Fitzcarraldos an seinen großen Traum ist nun das zentrale Symbol von Herzogs Film, doch es wird Herzog-typisch viel mehr durch die pure Kraft seiner Bilder, wunderschön eingefangen von Kameramann Thomas Mauch, vermittelt. Gewaltige Naturbilder, die den Fluss und dessen Umgebung in ein manchmal schönes, oft bedrohliches Licht tauchen, könnten glatt aus Apocalypse Now stammen (und etwas Heart of Darkness steckt in Herzogs Film ja wirklich); die Bedrohung durch Ureinwohner zu beiden Seiten des Flusses wirkt wie eine Reminiszenz an den früheren Herzog-Film Aguirre, der Zorn Gottes, aus dem auch die Umgebungsgeräusche stammen. Man merkt als kundiger Zuschauer bald einmal, dass Werner Herzog Fitzcarraldo als sein Opus Magnum konzipiert hatte, als eine Werkschau, die das Beste seines bisherigen Outputs vereinen sollte. Und während man nur so über all die Anspielungen in der Bildsprache, über die grandiosen Darsteller, die vor allem in ihrem Alltagsleben an Bord gezeigt werden, und über die ruhige, die Bilder großartig umspielende Musik von Popol Vuh staunen muss, schleicht auch die eigentliche Handlung unmerklich voran: die bedrohlichen Ureinwohner entpuppen sich als Hilfe beim Transport des Schiffes über einen Berg, der den Kautschuktransport beschleunigen soll. Dieser Transport ist nicht nur im Film eine unglaubliche Wahnsinnstat, sie war es auch während der Dreharbeiten. Denn im Gegensatz zu Special Effects hieß Herzog seine Crew das Schiff wirklich über den Berg zu transportieren. Mit Bulldozern als zusätzliche Kraftmaschinen kämpfte sich die hunderte Mann große Crew den Berg hinauf, der mit allen möglichen giftigen Tieren besiedelt war, entkam mehrmals nur knapp dem Tod und musste unter den gelegentlichen Wutausbrüchen des exzentrischen Hauptdarstellers Kinski leiden - geradlinige Hollywood-Regisseure wollten darin die Bestätigung für Herzog als bösartigen, egozentrischen Sklaventreiber sehen.

Arthaus
Tatsache ist allerdings, dass unter diesen Bedingungen ein wahnsinnig eindrucksvolles Werk entstanden ist, von dem beispielsweise ein Steven Spielberg nur träumen kann: der unbedingte Wille, jegliches Opfer zu erbringen, um sich den großen Traum vom Opernhaus zu erfüllen, steht Kinski jederzeit ins Gesicht geschrieben, man muss spontan an seinen Satz aus Aguirre denken: Die Erde, über die ich gehe, sieht mich und bebt. Seine Leinwandpräsenz ist einfach unbeschreibbar und es ist ein Glück, dass frühere Besetzungen (u.a. waren Mick Jagger oder Jack Nicholson für die Hauptrolle vorgesehen) aufgrund diverser Streitigkeiten mit Herzog oder aus Zeitmangel wieder verworfen wurden: sobald Kinski im Film erscheint, wird klar, der ist Fitzcarraldo, der und kein anderer. Zusätzlich zu diesem absoluten Glücksgriff in der Besetzung sind vor allem die Bilder, die mal einen höchst ästhetischen, mal einen dokumentarischen Anspruch erfüllen (Herzog ist mittlerweile ja hauptberuflich Dokumentarfilmer), ausschlaggebend dafür, dass Fitzcarraldo ein unvergessliches Filmerlebnis ist, zumindest über einen großen Teil des Films. Denn das Ende des Films ist im Gegensatz zu den ersten zwei Stunden, in denen Kinskis Charakter als großer Visionär, als unverstandener Kunstgeist inmitten niveauloser Imperialisten, gezeichnet wird, sehr sreitbar. Wie Kinski da am Schluss steht, auf dem durch die Stromschnellen zerstörten Schiff, mit der vom letzten Geld gekauften Zigarre, und sich eine Vorstellung eines großen europäischen Opernensembles auf dem Wrack der Molly Aida, die er notgedrungen einem der erwähnten schmierigen Imperialisten zurück verkaufen musste, sich der zumindest vorläufigen Zerstörung seines größten Traumes bewusst, das ist einfach nur verdammt deprimierend. Ich weiß nicht, wieso, weil er am Schluss ins Bild lächelt, aber trotzdem finde ich es einfach schade, dass das Ende für den großen Kunstliebhaber so ausfällt.

Arthaus
Wobei diese Reaktion auf das Ende ja wieder für das Werk als Ganzes spricht: dass Herzog es geschafft hat, mit Fitzcarraldo einen solchen Charakter zu schaffen, dass man ihm als Zuschauer so unendlich wünscht, sein Traum möge sich erfüllen, nur um dann am Ende so einen tiefen Stich im Herzen zu spüren, weil es eben nicht so kommen kann, das ist große Kunst. Ein Regisseur, der so etwas hinbekommt, noch dazu innerhalb einer relativ konventionellen Lauflänge von knapp 158 Minuten, hat es wahrlich verdient, als großer Meister seines Fachs in die Annalen einzugehen. Besonders Menschen mit dem Hang zur Musik werden in solchen Szenen, in denen Kinski am Schiff steht und mit seinem Grammophon Verdi-Opern in den Dschungel hinausträgt, so tief berührt wie in kaum einem anderen Film. Die Kraft dieser Bilder ist, wie bereits erwähnt, der große Hauptträger des so grandios inszenierten Films.

Arthaus
In all seiner Großartigkeit bleibt an Fitzcarraldo ziemlich wenig zu kritisieren. Sicher, das Ende mag enttäuschend sein. Und ja, neben Kinski verblassen viele der Nebendarsteller vollends. Doch dieser Film, der ist einfach ein Werk mit Herz, ein Film für die Sinne, besonders für die eines Musikliebhabers. In bildschöne Aufnahmen getaucht, ist Werner Herzogs Film nicht nur Retrospektive auf das eigene Werk, sondern auch Liebeserklärung. Liebeserklärung an die Kraft der Musik, Liebeserklärung an die unberührte Natur der Anden, Liebeserklärung an das Kino an sich, an die visuelle Kraft des Mediums Film, die Träume greifbar macht und Zuschauer in andere Dimensionen des Bewusstseins entführt. Fitzcarraldo ist ein sein Publikum vollends vereinnahmendes Epos, das seinen Protagonisten zu einer der großartigsten, glaubhaftesten, greifbarsten Bezugspersonen der Kinogeschichte hochstilisiert, ohne dabei in den typischen Kitsch von Hollywoodproduktionen zu verfallen. Wenn es jemals eines Beweises bedurfte, dass Europa ein großartiger Kontinent für Filmemacher ist, die etwas mehr als Titanic bieten wollen, in Fitzcarraldo wurde jeder noch so herbe Kritiker der "neuen Wellen" des Kinos der 70er-Jahre fündig. Als einer der letzten Vertreter der neuen deutschen Welle ist die Erzählung auch ein Abgesang auf den revolutionären Geist, der Größen wie Schlöndorff, Fassbinder und eben Herzog innewohnte - Fitzcarraldos Scheitern ist das Scheitern einer ganzen Bewegung, ist der Untergang durch zu gewagte Visionen genialer Querdenker. Fitzcarraldo ist einfach nur berührend. Fitzcarraldo ist das Meisterwerk des deutschen Films.


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